Schlechter Auftritt. Mark kann Jessica nicht wirklich von seiner Zuneigung überzeugen (Lebendkontrolle). Foto: Alexander Janetzko/Agentur
Von Jan Kixmüller
Alles offen
Die HFF stürmt mit 15 Filmen auf die Berlinale, einer davon eröffnet die „Perspektive Deutsches Kino“ (05.02.10)
Der erste Blick fällt in ein tristes Plattenbauviertel. Dass das nicht immer im Osten sein muss, zeigt uns der Absolvent der Potsdamer Filmhochschule HFF Dietrich Brüggemann in seinem Film „Renn, wenn Du kannst“. Platte kann auch in Duisburg sein, und die Probleme der Menschen sind doch überall relativ ähnlich. Etwa, dass sich Ben, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, zusammen mit seinem Zivi Christian in die Cellistin Annika verliebt. Eine schwierige Gemengelage, die der Film doch so charmant erzählt, dass er zum Eröffnungsfilm der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ auf der diesjährigen Berlinale (11. bis 21. Februar) auserkoren wurde (Weltpremiere 12. Februar, 19.30 Uhr, CinemaxX 3).
Für Christian, den Ben gerne Schwester Christiane nennt, ist die jugendliche Verliebtheit nur ein Spiel. Doch für Ben wird die Zuneigung zu Annika zum Trip in die eigenen Abgründe. Annika, gespielt von Brüggemanns Schwester Anna, kann sich nicht so recht entscheiden. Und Ben (Robert Gwisdek) weiß schon am Anfang, dass sich am Ende die Wege der drei in alle Himmelsrichtungen zerstreuen werden. Der Film soll vor seiner Premiere nicht rezensiert werden, doch so viel kann man schon sagen: Brüggemann erzählt das doch recht kantige Thema mit viel Leichtigkeit und Humor. Wenn die drei sich auf Bens viel zu kleine Hollywoodschaukel quetschen und nachts auf die anderen Hochhäuser starren, lässt der Film erahnen, dass auch das schwerste Los leichte Momente haben kann. Auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist.
„Ich wollte der Frage nachgehen, ob man durch die Kraft der Ideen seine physischen Beschränkungen überwinden kann, eine Frage, die eng mit der Natur des Kinos verknüpft ist“, sagt Dietrich Brüggemann über seinen Film. Doch so leicht der Film in vielen Momenten auch ist, die drei „Freunde“ können aus ihrer Haut schließlich nicht heraus. Zumindest nicht in ihrem Leben in Duisburg. „Welchen Wert habe ich selbst? Wie attraktiv bin ich? Für unseren Protagonisten stellen sich diese Fragen in der denkbar härtesten Form“, sagt Regisseur Brüggemann. Ein Spannungsfeld, dass er in 112 Minuten sorgsam ausgeleuchtet hat.
Die Berlinale dankt es mit reichlich Vorschusslorbeer: „Drama geht auch anders“, heißt es in der Ankündigung. Hier lobt man, dass Brüggemanns Dreiecksgeschichte aus einer dramatischen Situation auch heitere und romantische Momente zieht. Der HFF-Absolvent ist auf den Filmfestspielen kein Neuling, bereits 2006 war er mit seiner Stilübung „Neun Szenen“ zu Gast auf der Berlinale. Das damalige Urteil: „grandios“. Brüggemann ist nicht der einzige HFF-Filmer, der das Berlinale-Programm in diesem Jahr bereichert. Allein in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ sind noch „Lebendkontrolle“ von Florian Schewe, „Wags“ von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf sowie „The Boy who wouldn’t kill“ (HFF Co-Produktion) zu sehen. Insgesamt 15 Filme bringt die HFF in diesem Jahr auf die Berlinale.
„Lebendkontrolle“ wird im Gefängnis der allmorgendliche Kontrollrundgang genannt, bei dem die Inhaftierten auf körperliche Unversehrtheit überprüft werden. Für Mark (Gerdy Zint) wird allerdings vielmehr der Freigang zur „Lebendkontrolle“. Er soll für seinen Mithäftling (Eddy Kante) 2000 Euro aus einem Boxclub abholen und dessen Tochter übergeben. Eigentlich hatte er seiner Freundin versprochen, den Tag mit ihr zu verbringen. Das Treffen wird sich etwas verzögern, und Mark wird nicht körperlich unversehrt eintreffen.
Im Boxclub hatte er zwar gerade noch die Kurve gekriegt, doch als er Ewa (Rossalie Thomass) das Geld von ihrem Vater bringt, geht sein Nasenbein zu Bruch. Das verheißungsvolle Angebot von Ewa, Marks Botendienst mit derbem Sex zu vergüten, hatte den Freigänger so aus dem Konzept und in Rage gebracht, dass er von einem zufällig anwesenden Zuhältertyp kräftig Schläge einstecken muss. Marks Auftritt bei seiner Freundin Jessica (Franziska Jünger) ist dann mehr als jämmerlich, wie auch der Sex den er dann mit ihr hat. Am Ende ist Mark nach seinem Freigang nur wieder bei sich selbst und seiner nicht kontrollierbaren Aggressivität angelangt. Im Knast scheint er doch am besten aufgehoben.
Schon in den ersten Einstellungen wird deutlich, was den Film von HFF-Absolvent Florian Schewe so authentisch macht: Gedreht wurde im laufenden Betrieb einer JVA, die tätowierten Muskelmänner sind echt, wie auch die beengte Atmosphäre. Intensive Recherche in Gefängnissen und Gespräche mit Gefangenen waren vorausgegangen. „Aus ihrer Welt heraus erzählen, nicht über sie erzählen, wurde unser wichtigstes Anliegen“, so der Regisseur Florian Schewe über seinen Abschlussfilm. Die Story ist der Kurzgeschichte „Reise zum Fluss“ von Clemens Meyer entlehnt. Wie Meyer gelingt es auch dem HFF-Absolventen, den Charakteren mit wenigen Pinselstrichen scharfe und eindeutige Konturen zu verleihen.
Der mittlerweile schon preisgekrönte HFF-Film „Wags“ (Joachim Dollhopf und Evi Goldbrunner) spielt in einer gänzlich anderen Welt. Wags ist ein Synonym der britischen Regenbogenpresse für „wives and girlfriends“, für die Frauen der Top-Fußballer. So begegnen sich auch Judith (Sonja Gerhardt) und Dina (Vesela Kazakova) als Frauen von Herta-Spielern. Während für Judith das Celebrity-Leben noch recht neu ist, kennt Dina schon die Sackgasse, in der es enden kann. Sie will Judith davor bewahren, ein unselbständiges Anhängsel zu werden. Mittags Prosecco trinken und wahllos Geld in teuren Boutiquen verschleudern, dass scheint auch für Judith keine Perspektive. Doch das Ende gleicht den anderen beiden HFF-Filmen: alles offen.