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  • 27.01.2010
  • von Von Mark Minnes

Von Mark Minnes: Die umstrittene Macht der Klassiker

von Von Mark Minnes

Literaturkritik. Auch am Hof des alten Fritz wurde um den Kanon gestritten.Abb: Archiv

Eine Potsdamer Publikation beleuchtet das Phänomen der Kanonbildung in den Geisteswissenschaften

Ursprünglich ist der „Kanon“ etwas denkbar Harmloses. Bei den alten Griechen stand das Wort für einen Maßstab aus Schilfrohr. Begriffsgeschichtlich steckt der Kanon heute noch in manch einer rohrförmigen italienischen Nudelsorte. Oder, weniger harmlos, im Wort Kanone. Aber selbst die Kanone verblasst neben der Sprengkraft, die das Wort Kanon in seiner modernen Bedeutung besitzt. Heute bezeichnet das Wort eine Liste von Standardwerken, eine mustergültige Auswahl von Texten und Inhalten. Und es ist genau diejenige Prozedur des Auswählens und Weitergebens, die an Höfen und Universitäten, aber auch anderswo zu „Kanonkriegen“ und reichlich bösem Blut geführt hat.

Ein explosives Thema, das eine neue Publikation aus Potsdam beleuchtet: „Kanonbildung. Protagonisten und Prozesse der Herstellung kultureller Identität“, lautet der Titel. Herausgegeben wurde der Band von dem Berliner Literaturwissenschaftler Robert Charlier und Günther Lottes, Kulturhistoriker an der Universität Potsdam (Wehrhahn Verlag 2009).

Es war ausgerechnet am Potsdamer Hof von Friedrich II., dass ein erbitterter Kanonkrieg ausgefochten wurde. Mit durchaus spitzer Feder nutzt die renommierte Germanistin Katharina Mommsen die Gelegenheit, in dem Band am Mythos des aufgeklärten Preußen zu kratzen. Der „alte Fritz“ hatte im Jahr 1780 eine Abhandlung veröffentlicht, in der er kein gutes Haar an der deutschen Literatur ließ. Ein typischer Kanonkonflikt: während Johann Wolfgang von Goethe am Weimarer Hof die dichterischen Muskeln spielen ließ, winkte Friedrich II. aus sicherer Entfernung grimmig ab. Friedrich hielt seine Landsleute für kulturell rückständig und bevorzugte in allen Dingen das Französische. Sein Kanon, sein Maßstab, orientierte sich an altgriechischen, lateinischen und französischen Vorbildern. Die Übersetzungen von modischen Stücken aus England, in seinen Augen „lächerliche Farcen“, hielt der Philosophenkönig für überflüssig. Wohlgemerkt: die „Farcen“ stammten von keinem Geringeren als Shakespeare. Weshalb die deutschen Autoren sich durch Shakespeares lebendige und populäre Bühnenkunst inspiriert fühlten, blieb ihm ein Rätsel.

Es ist eben schwer herauszufinden, was in Zukunft einmal als „kanonisch“, als Klassiker gelten wird. Anhand der sogenannten Weimarer Klassik gelingt es dem Band nicht nur, zu zeigen, wie ein wichtiger Teil der Identität der Deutschen zwischen Berlin, Potsdam, Weimar und Jena entstand. Die Aufsätze beleuchten auch die PR-Strategien vergangener Zeiten, sowie die Rolle der zahllosen Publizisten, Feinde und Verehrer, die aus einem Autor erst einen Klassiker machen. Was hätte dem noch jungen Goethe schließlich Besseres passieren können, als sich die Feindschaft des „alten Fritz“ einzuhandeln? „Umstrittenheit führt zu Reputation“, sagt dazu Robert Charlier. Und nur so kann ein Autor Teil des Kanons werden. Dabei bleibt es aber immer der Nachwelt vorbehalten, diese Entscheidung zu fällen. Egal, ob es um den Bildungskanon, oder um Kunst geht: Selbst wenn etwas mit Druck durchgesetzt werden soll, bleibt abzuwarten, ob es sich tatsächlich auch durchsetzt. Ein evolutionärer Prozess von Variation, Selektion und Stabilisierung. Heute, im Informationszeitalter, gilt dies mehr denn je.

So kann man aus diesem klugen Buch lernen, wie schwer es ist, eine Kanondebatte zu steuern. Es ist reizvoll, dass der Band mit Theodore Ziolkowski einen bekannten US-Germanisten präsentiert, der Anfang der 1970er Jahre die großen Konflikte um den westlichen Bildungskanon miterlebt hat. Damit gelingt dem Band der Anschluss an die gegenwärtigen Studentenproteste, die sich gegen die Umsetzung eines bestimmten Bildungskanons und seiner Regeln richten. So sehen die Herausgeber Robert Charlier und Günther Lottes das Buch zu Recht als Beitrag zu den aktuellen Diskussionen. Die sehr lesenswerte Aufsatzsammlung zieht eine aufschlussreiche Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Und sie zeigt, dass man bei Neuerungen in Kunst und Bildung besser vorsichtig sein sollte. Der „alte Fritz“ war weder der Erste, noch der Letzte, der hier auf das falsche Pferd gesetzt hat.

Charlier, Robert / Lottes, Günther (Hg.): Kanonbildung. Protagonisten und Prozesse der Herstellung kultureller Identität. ISBN 978–3–86525–220–6.

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