Schnell und Zielstrebig. Der erst 38-jährige Physiker Eisert gehört zur internationale Forschungsspitze. Foto: Andreas Klaer
Von Mark Minnes
Bändiger des Chaos
Der Quantenphysiker Jens Eisert von der Uni Potsdam ist für ein Jahr am Wissenschaftskolleg (04.10.09)
An einem herbstlich-sonnigen Nachmittag scheint sich kaum jemand auf dem Universitätscampus Golm aufzuhalten. Noch streichen keine Erstsemester um die Häuser, die Kaffeemaschinen in der Mensa sind schon aus, ein paar Angestellte genießen die Ruhe im Freien. Doch im ersten Stock des „goldenen Käfigs“ herrscht rege Betriebsamkeit. Nach außen wirkt das neu erbaute Gebäude der Potsdamer Physiker mit seinen goldfarbenen Metalljalousien verschlossen und leblos. Doch im Flur der Quantenphysiker stehen alle Bürotüren offen, es duftet nach Kaffee. Wissenschaftler brüten über ihren Bildschirmen. In einem Konferenzraum sitzt Jens Eisert, Professor für Quanteninformationstheorie, mit einem Kollegen vor einem Stapel Papier. Letzte Handgriffe für ein Projekt. Die Zeit drängt, denn bald muss sich Jens Eisert aus dem Uni-Alltag zurückziehen und die Geschäfte einem Stellvertreter überlassen. So etwas sieht jeder Wissenschaftler mit gemischten Gefühlen. Aber für Jens Eisert ist es ein großer Erfolg.
Der lebhafte und freundliche Quantenphysiker wird ein Jahr am Wissenschaftskolleg zu Berlin verbringen. Das bedeutet: ein gemeinsames Jahr mit 35 internationalen Spitzenforschern aus den verschiedensten Disziplinen, untergebracht in einer Villa in Berlin-Grunewald, fern des Uni-Alltags und bestens versorgt. Ein soziales Experiment und ein großer Luxus. Doch die Auserwählten können oft nur erahnen, welche geheimnisvollen Kanäle ihnen den Zutritt zu dem diskreten und prestigeträchtigen Refugium des Wissenschaftskollegs verschafften. „Ich weiß nicht genau, wie dieser Aufenthalt zustande gekommen ist“, sagt auch Jens Eisert. „Ich habe einfach einen Anruf erhalten.“ Doch letztlich spielt es auch keine Rolle. Spitzenleute kennen ihren Wert in der internationalen Forschergemeinschaft meistens sehr genau. Auch in Jens Eisert verbinden sich die selbstbewusste Klarheit des Gedankens mit einer ansteckenden Begeisterung für sein Fach. Ein perfekter „Fellow“ für das akademische Jahr im „Wiko“, wie es im dortigen Jargon heißt.
Der 38-jährige Jens Eisert, das fällt sofort auf, ist ein schneller und zielstrebiger Denker. Er ist zuhause in der komplizierten Mathematik quantenmechanischer Systeme. Er beschäftigt sich mit einer fundamentalen Theorie der Physik, die sich mit dem Verhalten der kleinsten Elemente unseres Universums befasst. Ein kompliziertes Feld. Was für das Große gilt, trifft noch lange nicht auf das Kleinste in unserer Welt zu. „Die Quantenmechanik hat gezeigt, dass eine genaue Kenntnis von Regeln und Gesetzen keineswegs bedeutet, dass man das Ergebnis eines Experiments ebenso genau vorhersagen kann“, erläutert Jens Eisert die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung seines Faches. Quantenmechanische Strukturen überlagern sich, wirken aufeinander und werden immer von ihrer Umgebung beeinflusst. Ein Chaos, das es zu bändigen gilt, wenn die Theorie im Alltag zu fruchtbaren Anwendungen führen soll.
Und das soll sie ja. Die Quanteninformationstheorie verspricht eine neue Ära des Rechnens. Auf die Supercomputer der Zukunft angesprochen, reagiert Jens Eisert zunächst zurückhaltend, übt sich in Sachlichkeit. Doch dann bricht es aus ihm heraus. Natürlich seien Quantenrechner „total heiß“, ruft er. Radikal, spannend und neu seien die Zielsetzungen der Quanteninformationstheorie. Wenn es gelinge, die komplexen Wechselwirkungen kleinster atomarer Strukturen zur Informationsverarbeitung zu nutzen, stehe eine Revolution in der Computertechnologie bevor. Diese Computer wären dann in der Lage, bisher unlösbare Probleme zu knacken. Sie wären um ein Vielfaches leistungsfähiger als herkömmliche Rechner. Doch bis es soweit ist, das gibt Jens Eisert offen zu, ist es noch ein weiter Weg.
Keine Frage: Es geht nicht spurlos an einem Menschen vorbei, wenn er wie Jens Eisert in einem derartig zukunftsträchtigen Feld arbeitet. Jens Eisert darf sich zur internationalen Speerspitze seines Faches zählen. Mit allen Konsequenzen: „Ich kenne Flughäfen erschreckend gut“, sagt er. Nun muss sich zeigen, wie der Dialog zwischen der Quantenphysik und der Biologiegeschichte, der vergleichenden Literaturwissenschaft oder der antiken Kunstgeschichte aussehen kann. Jedes Jahr beginnt im Wissenschaftskolleg zu Berlin ein Experiment, bei dem das Chaos nicht ausgeschlossen ist. Doch Jens Eisert kann dem Ganzen mit gelassener Freude entgegenblicken: Mit dem Chaos kennt er sich aus.