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  • 04.02.2009
  • von Von Helen Thein

Von Helen Thein: Unbedingt

von Von Helen Thein

Zum 100. Geburtstag von Simone Weil: Die französische Philosophin bezog Denken und Handeln konsequent aufeinander

Wolfgang Joop zitiert sie so oft wie keine andere in seinem Roman „Der Wolfspelz“. Die Überlegungen von Simone Weil werden als der rettende Gegenpol zur lieblosen, oberflächlichen Modewelt beschrieben. Ausgerechnet eine Französin, die sich für Mode so gar nicht interessierte und deshalb in den Erinnerungen ihrer Zeitgenossen oft als hässlich beschrieben wurde. Simone Weil kam gar nicht auf die Idee, sich an gesellschaftliche Normen von Schönheit anzupassen, sie trieben ganz andere Fragen um.

Als Joop sein Buch veröffentlichte, war die französische Philosophin seit 60 Jahren tot. Simone Weil, die gestern 100 Jahre alt geworden wäre, starb 1943 mit 34 Jahren entkräftet in einem englischen Sanatorium. Auf dem Totenschein attestierten die Ärzte ihr eine Störung des seelischen Gleichgewichts. Sie habe sich durch die Weigerung, hinreichend zu essen, selber umgebracht. Tatsächlich hatte sich Simone Weil geweigert, mehr zu sich zu nehmen, als den Franzosen in der besetzen Zone ihres Landes zugebilligt wurde. In Zeiten des Krieges schien ihr jeglicher Luxus fehl am Platze. Also heizte sie auch ihr Zimmer nicht, schlief auf dem Boden, um sich abzuhärten für noch härtere Zeiten. Es liegt auf der Hand, dass Mediziner eine solche politisch motivierte Askese nicht billigen können.

Simone Weil hat zeit ihres Lebens provoziert. Ihr ethischer Anspruch, Denken und Handeln konsequent aufeinander zu beziehen, beeindruckt und erschreckt noch heute in seiner Absolutheit gleichermaßen. Ihre Schulkameradin Simone de Beauvoir beneidete sie „um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen“. Trotzki und de Gaulle hielten sie für verrückt. Beide hatte Simone Weil scharf kritisiert – und ihnen dennoch geholfen, dem einen auf der Flucht, dem anderen beim Aufbau der französischen Exilregierung. Selbstlos und durchdrungen von einem unbedingten Gerechtigkeitssinn soll sie schon als Kind gewesen sein.

Als Tochter eines wohlhabenden Arztes wurde sie am 3. Februar 1909 in Paris geboren. Sie besucht eine Eliteschule, was für Frauen noch längst nicht selbstverständlich war. Als Philosophielehrerin engagiert sie sich in Gewerkschaften, unterstützt Streiks, schreibt für syndikalistische Zeitschriften – und wird zu einem öffentlichen Ärgernis. Die Tatsache, dass sie einem Arbeiter auf der Straße die Hand gab, löst einen Eklat aus. Das gehört sich nicht für eine gebildete Frau. Sie wird strafversetzt.

Später lässt sie sich beurlauben, um monatelang als Ungelernte in Fabriken zu arbeiten. Um die Gesellschaft zu verstehen, genüge eine Analyse der Theorien von Marx und Lenin nicht. Simone Weil wollte die Praxis prüfen, am eigenen Leib. Ihre Erfahrungen verschriftlichte sie augenblicklich, die daraus entstandenen Analysen gelten noch heute als scharfsinnig. Prophetisch war auch ihre Warnung vor Hitler. Sein Sieg, schrieb sie 1932, würde „Massenmord, Beseitigung jeder Freiheit und Kultur“ bedeuten. Als 1936 in Spanien der Bürgerkrieg ausbrach, gehörte sie zu den Internationalen Brigaden. Wegen eines Unfalls blieb sie nur zwei Monate. Zeit genug, um auch bei Anarchisten menschliche Verrohung wahrzunehmen, die zu sinnlosen Morden an Unschuldigen führte.

Es ist ihr posthum oft vorgeworfen worden, dass sie sich gegen alles Leid der Welt engagierte, nur von der Judenvernichtung nichts wissen wollte. Eine Anschuldigung, die nach Sichtung ihrer Schriften unhaltbar ist. Sie lehnte aber die Kategorisierung als Jüdin durch die Nazis für sich ab. Und sie lehnte das Judentum als Religion ab. Es erschien ihr nicht universalistisch.

Mit gleicher Begründung lehnte sie auch die Kirche ab, obwohl sie in den letzten Lebensjahren im christlichen Glauben Antworten fand. Doch die Fragen überwogen. Simone Weil stellte sie kategorisch und formulierte ein langes Schreiben, das mehr ein Manifest als die Bitte um geistlichen Rat war. Die Kirche hätte sich für Simone Weil grundsätzlich reformieren müssen, zumindest hätte sie für Weil ihre Häretiker wieder eingemeinden sollen.

Nach ihrem Tod sorgte vor allem Albert Camus dafür, dass ihre Schriften ediert wurden. Anfang der 50er Jahre erschienen einige Texte auch in deutscher Übersetzung, oft allerdings nur in Auszügen und in begrenzter Auswahl. Reinhold Schneider und Ingeborg Bachmann würdigten diese sogleich in umfangreichen Radioessays. Seither ist sie beinah in Vergessenheit geraten.

Als eine „Last auf meiner Seele“, beschrieb Heinrich Böll den Eindruck, den Simone Weil in ihm hinterlassen hat. „Es ist der Literat in mir, der Scheu vor ihr hat; es ist der potenzielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt ... ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht. Ich habe Angst vor ihrer Strenge, ihrer sphärischen Intelligenz und Sensibilität, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen würde, wenn ich ihr wirklich nahe käme.“

Sich mit Simone Weil auseinanderzusetzen ist tatsächlich anstrengend, anregend und aufregend. Ihre Schriften fordern zur Diskussion heraus. Es ist der beste Weg, ihr gerecht zu werden.

Die Autorin studierte in Potsdam Jüdische Studien und promoviert zurzeit über Simone Weil.

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