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  • 01.08.2018

Der Anfang war schwer

Humor hilft. Uni-Absolvent Ralf Wunderlich kommt beim Team gut an. Foto: privat

Wie man vom Psychologiestudent der Uni Potsdam zum Cheftrainer einer finnischen Fußballmannschaft wird. Von Ralf Wunderlich

Mehr als 20 000 junge Menschen studieren an der Universität Potsdam. Was einige von ihnen nach dem Abschluss machen, stellen die PNN in einer Serie in Kooperation mit der Universität vor.

Ein deutscher Fußballtrainer in Finnland – das klingt zuerst einmal ungewöhnlich. Und auch ich hätte nie gedacht, dass ich hier meine berufliche Zukunft finden würde. An der Universität Potsdam habe ich Psychologie und Philosophie studiert, mich aber nebenbei immer meinem Hobby Fußball gewidmet. Seit 1998 habe ich ehrenamtlich als Fußballtrainer gearbeitet, mehrere Trainerlizenzen erworben und ein Fernstudium in Fußballmanagement absolviert. Nun bin ich Cheftrainer beim FC Ylivieska.

2014 bekam ich ganz unverhofft ein Stellenangebot aus Finnland. Während des Studiums hatte ich zwei Auslandssemester in Joensuu verbracht und dort auch regelmäßig mit dem runden Leder trainiert. So war man auf mich gekommen, als der lokale Frauenfußballverein einen ausländischen Trainer suchte. Anfang 2015 zog ich erwartungsfroh nach Ostfinnland. Vor Ort musste ich jedoch schnell feststellen, dass der Stellenwert des Fußballs in Finnland sehr gering ist. Die ersten Monate waren für mich sehr ernüchternd. Aufwärts ging es erst, als ich mich für ein Ehrenamt entschied.

In meiner damaligen Heimatstadt Joensuu gibt es eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmert. Ein Angebot war eine Fußballmannschaft, die einen sehr schlechten Ruf hatte. Aufgrund meiner Erfahrung im multikulturellen Fußballmilieu in Berlin bat mich die Organisation, ihr Team zu betreuen. Ich war verantwortlich für eine Gruppe von 30 undisziplinierten Spielern aus 14 Ländern. Der Anfang war schwer. Ich musste tief in meinen Erinnerungen kramen, um die Kenntnisse aus meinem Psychologiestudium abzurufen.

Ich stellte Teamregeln auf und wendete diese fair und für alle nachvollziehbar an. Dies reichte, um einen Wandel zu bewirken. Die Spieler folgten mir und schnell stellten sich Verbesserungen ein. Sie wurden ruhiger und bemühten sich auch außerhalb des Platzes darum, sich zu integrieren. Viele wechselten in richtige Vereine, fanden Jobs oder begannen mit dem Schulbesuch.

Errungenschaften wie diese gaben mir Energie, meinen Fußball-Traum in Finnland weiter zu verfolgen. Und Anfang dieses Jahres wurde ich für meine Ausdauer belohnt: Ein Verein an der Westküste bot mir einen unbefristeten Vertrag als Cheftrainer an. Ich bin verantwortlich für die Organisation und Koordination des gesamten Trainingsbereichs des Vereins und trainiere zudem vier Talentegruppen, zwei Mädchenteams und die neu gegründete Frauenmannschaft. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen die Frauen in die dritte Liga aufsteigen. Ein ehrgeiziges Ziel.

Erstaunlicherweise erfreut sich der Fußball in der Region Keski-Pohjanmaa großer Beliebtheit, die Menschen sind hier leicht für Fußball zu begeistern. Mein neuer Verein kümmert sich gut um mich, die Menschen in der Stadt sind freundlich. Von den Spielerinnen und Spielern sowie deren Eltern bekomme ich viel positive Rückmeldung. Meine Philosophie- und Psychologiekenntnisse aus dem Studium geben mir einen Vorteil gegenüber den anderen Trainern. Und bei den Kindern, die sonst nur ernste und strenge Trainer gewohnt sind, kommt mein Humor sehr gut an.

„Meine“ Ausländer musste ich wegen meines Umzugs verlassen. Ein englischer Freund von mir trainiert sie nun und hält mich auf dem Laufenden. Meinem Engagement bleibe ich hier aber an anderer Stelle treu: Meine neue Heimatstadt hat mich in ihren „International Club“ berufen. Meine erste Aktion war ein Fußballturnier unter dem Motto „Rote Karte für Rassismus“, das ein sehr positives Feedback bekam.

Noch ist Finnland ein Niemandsland im Fußball. Mal sehen, was ich dagegen tun kann. Vielleicht schafft es Finnland 2030 zum ersten Mal zu einer Weltmeisterschaft – mit mir als Trainer. So viel Träumerei muss sein.

Der Autor hat von 2004 bis 2011 an der Universität Potsdam Philosophie und Psychologie studiert

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