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  • 11.07.2018
  • von Richard Rabensaat

Wissenschaft in Potsdam: Die Macht der Daten

von Richard Rabensaat

Raum für viele. Die Wissenschaftler der Fachhochschule haben sich auch das Kreativhaus Rechenzentrum in Potsdam genauer angeschaut. Sie beschreiben das Zentrum als Raum, der nicht klar definiert ist. Hier könnten sich verschiedene Nutzer zusammenfinden und gegebenenfalls voneinander profitieren. Foto: Sebastian Gabsch

Der Studiengang Urbane Zukunft an der Fachhochschule Potsdam erforscht den digitalen Wandel in Potsdam und beschäftigt sich mit „Smart Cities“ weltweit – und kooperiert unter anderem mit Taiwan

Potsdam wächst – und ist im Umbruch. Vieles wird neu geordnet: die Verkehrsplanung, die städtischen Immobilien, die Bauplanung für die Innenstadt, aber auch die innerstädtischen Datenströme und Korrespondenzen. Wie die Landeshauptstadt im digitalen Wandel funktioniert und sich entwickelt, das wollen Studenten des Masterstudiengangs Urbane Zukunft an der Fachhochschule Potsdam (FH) erforschen. Deshalb untersuchen sie mit einer Beteiligungswerkstatt die Entscheidungsprozesse der Stadtverwaltung und anderer Institutionen.

„Mit der Digitalisierung verändern sich auch die technischen und sozialen Grundlagen der Stadt“, sagt Michael Prytula, Professor am Masterstudiengang Urbane Zukunft der FH. Die sogenannten Smart Cities sind ein Thema des Studiengangs: die digitale Vernetzung der Städte, die Nutzung von immer mehr Daten, Open Data, E-Governance. „Wir untersuchen die Möglichkeiten von neuen Wohn- und Mobilitätsformen und Beteiligungsprozessen in Potsdam und anderswo“, erklärt Prytula. Besonders interessant an Potsdam sei die Vernetzung von städtischem und ländlichem Raum.

Die Studenten des interdisziplinären Masterstudiengangs haben bereits einen Bachelorabschluss in anderen Studiengängen gemacht und streben den Master of Arts an. Interessierte kommen aus allen Fachrichtungen: Architektur, Stadtplanung und Geographie, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie Landschaftsplanung. Die ersten beiden Semester beinhalten daher einen relativ klar formulierten Fächerkatalog, um zunächst einmal eine gemeinsame Wissensbasis der Studenten zu schaffen. „Hierbei profitieren die Studenten gegenseitig vom Fachwissen der anderen“, erklärt Michael Prytula: „Der Architekt lernt, wie ein Soziologe Kommunikationsprozesse betrachtet und vermittelt diesem dann sein Wissen über Architektur.“ Etwas unterpräsentiert seien gegenwärtig Studenten aus wirtschaftswissenschaftlichen Fächern, obwohl gerade diese wahrscheinlich Entscheidungsprozesse in städtischen Haushalten und Institutionen am besten analysieren könnten, beklagt er.

Der Studiengang existiert seit dem Wintersemester 2016, ungefähr 24 Studenten beginnen jeweils im Herbst. Die Regelstudienzeit beträgt vier Semester. Einen Ursprung hat der Studiengang im FH-Projekt „Stadt der Ströme“, das 2012/2013 in Potsdam stattfand. Damit sollten die innerstädtischen Energieflüsse erforscht werden. Dabei wurde klar, dass die gegenwärtigen Wandlungsprozesse auch einen eigenständigen Studiengang tragen würden. Gegenwärtig lotet der Fachbereich sein internationales Potential mit einer Kooperation mit der National Taipei University of Technology (Taipei Tech) in Taiwan aus.

Der Studiengang ist eng mit den Forschungsprojekten am Institut für angewandte Forschung Urbane Zukunft verzahnt. Mit einem Forschungsvorhaben soll zum Beispiel die Entwicklung von sogenannten „Shared Spaces“ untersucht werden, beispielsweise des Kreativhauses Rechenzentrum in Potsdam. „Das sind Räume, die nicht klar definiert sind und in denen verschiedene Nutzer sich zusammenfinden und voneinander profitieren können“, sagt Prytula.

Das Spektrum der Forschungsvorhaben am Institut ist jedoch breit gestreut: Es reicht von der „Visualisierung bibliografischer Daten und Inhalte der Deutschen Nationalbibliothek“ über „Modellvorhaben zum nachhaltigen und bezahlbaren Bauen von Variowohnungen“ bis hin zu „Postdigitalen Kunstpraktiken in der Kulturellen Bildung“ und der Erforschung serviceorientierter Mobilitätsformen. Dass Stadt sich wandele und damit Veränderung von Entscheidungsstrukturen einhergingen, das sei zwar keine besonders neue Erkenntnis, gesteht auch Prytula: „Seit ungefähr 10 000 Jahren ist der Mensch nicht mehr Jäger und Sammler, seitdem sind Städte entstanden. Die menschliche Kultur hat sich rasant gewandelt.“

Allerdings zeigten Entwicklungen, wie der Volksentscheid um das Tempelhofer Feld oder um den Flughafen Tegel, dass mit der Digitalisierung und den neuen Medien Möglichkeiten für den öffentlichen Diskurs und die Beeinflussung von demokratischen Prozessen entstanden seien, die es zuvor nicht gegeben habe. Gerade diesen Wandel wolle der Studiengang untersuchen. Gleiches gelte für den Umgang und die Eingliederung von Flüchtlingen, auch in Potsdam, wozu es ebenfalls ein Forschungsprojekt gibt.

Auch die Verwendung städtischer Ressourcen und Rohstoffe verändere sich. Während früher beispielsweise phosphorhaltige städtische Rückstände meist stadtnah entsorgt wurden, lohne es sich aufgrund der weltweit knapper werdenden Phosphorvorkommen heute, über eine Rückgewinnung des Rohstoffes aus dem städtischen Kreislauf nachzudenken. Dies wird gerade in Hamburg untersucht, so Prytula.

Das im Studiengang vermittelte Wissen sei breit angelegt. „Wer hier studiert, erhält ein Überblickswissen und ist nicht auf einen Bereich festgelegt“, konstatiert der Wissenschaftler. Die Absolventen könnten sowohl in Entwicklungsprojekten von Städten, wie in sich verändernden internationalen Unternehmen arbeiten.

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Hintergrund: Transformation urbaner Systeme

Michael Prytula forscht und lehrt an der Fachhochschule Potsdam zu den Themen energieeffizientes Bauen, erneuerbare Energien, ökologische Gebäudetechnik und klimaangepasstes Bauen verbunden mit einer integralen Betrachtung bauklimatischer, gebäudetechnischer und infrastruktureller Systeme. Michael Prytula studierte Architektur an der TU Berlin und arbeitete zunächst in verschiedenen Planungsbüros in Berlin und London. Er war zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik für die Geschäftsstelle „Nationale Plattform Zukunftsstadt“. Dort entwickelte er im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung eine Forschungs- und Umsetzungsagenda zukünftiger Stadtforschung. 

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