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  • 20.06.2018
  • von Richard Rabensaat

25 Jahre Einstein Forum: Im offenen Dialog

von Richard Rabensaat

Kleinod. Einsteins Sommerhaus dient als Residenz für Stipendiaten. Foto: N. Bachmann / dpa

25 Jahre Einstein Forum: Das ist jetzt mit einem Festakt in Caputhgefeiert worden, wo Albert Einstein drei Jahre lang lebte. Heute wohnen dort Stipendiaten aus aller Welt.

Potsdam - „Schönheit ist eine Form des Widerstands, ein Versuch, uns an unsere Ideale zu erinnern, die uns gegen Gewalt- und Machtstreben aufbegehren lassen“, sagt Susan Neiman. Mit einer Tagung über „Schönheit und Wahrheit“ beging das Einstein Forum sein 25-jähriges Bestehen. Das Philosophieren endete am vergangenen Freitag mit einer festlichen Feier im Sommerhaus des Nobelpreisträgers Albert Einstein in Caputh. Dort strahlte aus einem Wolkenhimmel eine golden untergehende Abendsonne auf die ausladende Hangwiese und die stilvolle Architektur des als Holzhaus gebauten ehemaligen Sommersitzes von Einstein.

Ein weiter Blick über das brandenburgische Land, ein lauer Sommerabend. Beim Festakt hat es den Anschein, als wolle die Schöpfung Susan Neimans These bekräftigen: Dass das Thema der Tagung auch angesichts von Kriegen, Terror und Klimawandel gar nicht so anachronistisch sei, wie mancher vielleicht meinen könnte. Sicherlich: „God gave us a world whose truth was good and beautiful; we fucked it up“, wandelt Neiman den Anfang der Schöpfungsgeschichte ein wenig ab. Das sei aber noch lange kein Grund zu verzweifeln, denn Schönheit und Wahrheit seien entgegen manchen Unkenrufen durchaus erkennbar und benennbar. Dafür mache sich das Einstein Forum nun seit mehr als 25 Jahren erfolgreich stark.

Auf den Spuren der Urahnen

Das Haus in Caputh dient derzeit ungefähr die Hälfte des Jahres als Residenz für verschiedene Stipendiaten. Manchmal finden dort Veranstaltungen des Forums statt, wenn es sich für das Thema anbietet. Zum Beispiel bei einem Symposium über Bob Dylan oder bei einem Workshop mit Flüchtlingen. „Ich habe die Atmosphäre des Hauses sehr genossen und auch die Möglichkeit, von hier aus unmittelbar lange Waldspaziergänge zu unternehmen“, erinnert sich Tanja Zaharchenko, die als Stipendiatin 2015 das Haus bewohnt hat. Die Ukrainerin wollte herausbekommen, wer auf ihren Urgroßvater 1953 in der ostukrainischen Stadt Kharkiv mit einer Axt eingeschlagen hatte, sodass dieser einige Jahre später an den Folgen starb. Für die Literaturwissenschaftlerin war es ein etwas ungewöhnliches Forschungsvorhaben, das letztlich doch nicht zur Aufklärung des Anschlags führte.

Aber die wissenschaftliche Arbeit der Stipendiaten im Einstein Haus muss kein Ergebnis zeitigen. „In dem Haus sollen die Stipendiaten die Möglichkeit erhalten, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sich sonst in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht aufdrängen“, erklärt Zaharchenko. Finanziert wird das Haus vom Land Brandenburg, genutzt wird es vom Einstein Forum, eine Kooperation besteht mit der Hebrew University of Jerusalem. Die Stipendiaten erhalten die Unterstützung der Daimler und Benz Stiftung. Das Stipendium für das Einsteinhaus rangiert auf der Liste der weltweit begehrten Studienstipendien ganz oben, sagt Zaharchenko.

Per Trompete benachrichtigt

Nur drei Jahre wohnte Einstein von 1929 an in dem Haus. Erbaut wurde es von dem aus Frankfurt/Oder stammenden Architekten Konrad Wachsmann. Dort empfing er Künstler und Wissenschaftler von Weltrang, die auch aus aller Welt anreisten: Heinrich Mann und Käthe Kollwitz, den bengalischen Nobelpreisträger für Literatur Rabindranath Tagore, Max Liebermann und Arnold Zweig. Eigentlich nur für den Sommer konzipiert, hielt sich Einstein dort nahezu das ganze Jahr auf. Der passionierte Segler verlebte in Caputh wohl die entspannteste Zeit seines Lebens, vermutet auch Susan Neiman. Über ein Telefon verfügte der vielbeschäftigte Wissenschaftler nicht. Anrufer kontaktierten den Nachbarn, der wiederum in die Trompete blies, um den Physiker zu benachrichtigen.

Nachdem Einstein 1932 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen war, hatte das Haus wechselnde Eigentümer und Bewohner, und verfiel bis zum Jahre 1979 zusehends. Da erinnerte sich die DDR zum hundertsten Geburtstag des Physikers seines Caputher Wohnsitzes, renovierte das Haus und richtete es für Seminare und Empfänge her.

Stätte des offenen Dialogs

Im Jahre 2001 wurde eine erneute Renovierung notwendig und diese sollte den Originalzustand soweit als möglich wiederherstellen. Entsprechend dem Willen des ehemaligen prominenten Bewohners sollte kein Museum daraus werden. So bemüht sich das Einstein Forum im Sinne des Physikers, das Haus zu einer Stätte des offenen Dialogs zu machen und es damit in die ohnehin vorhandene Struktur des Einstein Forums einzubinden. Dies gelinge, lobte Martina Münch (SPD), Wissenschaftsministerin des Landes Brandenburg. Das Forum und auch die Nutzer des Hauses leisteten eine lebendige Auseinandersetzung zu Themen der Gesellschaft, seien für alle Gesellschaftsschichten offen und philosophierten, um die „Sehnsucht nach Nicht-Berechenbarem“ zu stillen. Der Versuch, mit der Gründung des Einstein Forums im Jahre 1993 in den Neuen Bundesländern ein Forum für internationale Dialoge zu verankern und sich von vornherein gegen nationalistische Tendenzen zu positionieren, sei gelungen, sagte Münch.

Damit entsprächen Haus und Forum auch dem Geist Einsteins, der sich Zeit seines Lebens zu politischen Themen deutlich exponiert habe und gegen Krieg, Rassismus und Ungerechtigkeit protestierte, sagte auch Hanoch Gutfreund, ehemaliger Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem. Denn Einstein werde verkannt. Er sei nicht nur Physiker, sondern auch engagierter Denker gewesen und unmittelbar mit Politik und Bürgerrechtsbewegungen in den Dialog getreten. Doch war er auch Musiker. Auf der Terrasse des Sommerhauses habe Einstein wahrscheinlich genau das Streichquartett von Mozart gespielt, das auch bei dem Festakt erklang.

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