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  • 13.06.2018
  • von Martin Schaad

Eigene Haltungen überprüfen Warum Diskussionen im Forum so wichtig sind

von Martin Schaad

Was auf dem Programmkalender des Einstein Forums im Jahre 2043 stehen wird, lässt sich kaum vorhersagen. In 25 Jahren wird man sich in den Wissenschaften, in Politik, Kunst, Religion und Gesellschaft gewiss mit anderen Themen beschäftigen als heute. Nur so viel lässt sich sagen: an diskussionswürdigen Erkenntnissen und vertrackten Problemstellungen wird es aller Voraussicht nach nicht mangeln.

In anderer Hinsicht lässt sich dann doch eine Prognose für ein Einstein Forum des Jahres 2043 abgeben, weniger zu den Inhalten, als vielmehr zur institutionellen Form und dem intellektuellen Stil, der hier gepflegt wird. In der römischen Antike bezeichnete Forum den Marktplatz, gleichzeitig aber auch den Ort, an dem sich Bürger versammelten, miteinander diskutierten und politische Entscheidungen trafen. Nun wird im Einstein Forum keine Politik gemacht, dafür präsentieren hier Wissenschaftler aus aller Welt ihre Forschungsergebnisse dem Potsdamer Publikum. Angesichts moderner Informations- und Kommunikationswege erscheint die persönliche Zusammenkunft als Form der Wissensvermittlung etwas antiquiert, doch sie hat sich bewährt. Und vermutlich wird die kritische Prüfung von Thesen und Positionen vor Ort an gesellschaftlicher Bedeutung noch gewinnen. Denn die vielgepriesene Netzwerkkommunikation bringt auch einige Gefahren mit sich. Gemeint sind Filterblase und Echokammer; also die algorithmische Auswahl der Themen, mit denen man überhaupt erst konfrontiert wird, wie auch die menschliche Neigung, sich verstärkt mit Gleichgesinnten zu vernetzen und so zu einer Verengung der eigenen Weltsicht beizutragen.

Wer sich dagegen ins Einstein Forum begibt, wird im positiven Sinne herausgefordert, sich Themen zu stellen und eigene Haltungen zu überprüfen. Wer neulich dem Vortrag des Anthropologen Heonik Kwon über die Geschichte der nordkoreanischen Erinnerung an den Krieg von 1950-53 gelauscht hat, musste danach ein von Twittermeldungen geprägtes Bild eines verrücktspielenden Jungtyrannen zumindest teilweise korrigieren. Kritik und Widerspruch sind selbstredend möglich – und ein Redebeitrag im Forum ist eben etwas anderes als ein anonymer Netzkommentar. So wird die persönliche Zusammenkunft zu einer Bereicherung, bisweilen auch zu einer Zumutung, für alle Beteiligten. Wie auch für die Vortragenden, die auf den größeren Tagungen aus ganz unterschiedlichen kulturellen oder fachwissenschaftlichen Perspektiven eine gemeinsame Frage durchdenken.

Je mehr Kenntnis von den vielen verschiedenen Zugängen zur Welt wir gewinnen, desto ausgewogener wird die Haltung, mit der wir ihr begegnen. Andernfalls droht, wovor US-Psychologe Abraham Maslow schon 1964 gewarnt hat: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus“. Man benötigt keine Kristallkugel, um vorherzusagen, dass dies auch 2043 noch gültig sein wird. Martin Schaad

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Einstein Forums

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