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  • 13.06.2018
  • von Jan Kixmüller
Update

Rabbinerschule Potsdam: Wurzeln im Schtetl

von Jan Kixmüller

Jiddische Lieder. Svetlana Kundish setzt auf familiäre Wurzeln.Foto: T. Barniske

Am 14. Juni wird die Absolventin des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs, Svetlana Kundish, zur Kantorin ernannt. Der Festakt findet erstmals in der Berliner Synagoge Pestalozzistraße statt.

Potsdam - Ein ganz besonderes Ereignis kann die Potsdamer Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg am morgigen Donnerstag begehen. In der Synagoge Pestalozzistraße der Jüdischen Gemeinde zu Berlin findet erstmals die Investitur einer Kantorin statt. Svetlana Kundish wird dabei in ihr Amt eingeführt, zukünftig wird sie als Kantorin der Jüdischen Gemeinde Braunschweig wirken. Damit ist sie die erste Frau in diesem Amt in Niedersachsen. In der Berliner Synagoge Pestalozzistraße findet überhaupt zum ersten Mal die Investitur einer Kantorin statt. "Das freut uns besonders, weil dies die weltweit einzige Synagoge ist, die noch durchgängig mit Chor und Orgel das musikalische Erbe von Louis Lewandowski pflegt, dem Erneuerer der Synagogalmusik in Berlin im 19. Jahrhundert", so Hartmut Bomhoff vom Geiger Kolleg.

Das Abraham Geiger Kolleg, das Teil der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam ist, erwartet zu diesem Anlass zahlreiche Ehrengäste aus dem In- und Ausland, darunter den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer (Köln), die Vorsitzende der European Union for Progressive Judaism, Sonja Güntner (London) und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, als Festredner.

Jüdische Liturgie in jiddischen Liedern

Svetlana Kundish wurde 1982 in der Ukraine geboren. Zusammen mit ihrer Familie übersiedelte sie 1995 nach Israel. Sie studierte Gesang und Klavier und später Musikwissenschaft in Tel Aviv, setzte ihre Gesangsausbildung in Wien fort und hat nun ihre Ausbildung im Kantorenprogramm des Abraham-Geiger-Kollegs absolviert und ihren Bachelor-Abschluss in Jüdischer Theologie gemacht. Das Thema ihrer Abschlussarbeit ist „Khazonim oyf Probe: Zitate aus der jüdischen Liturgie in jiddischen Liedern.“ Als Spruch zu ihrer Amtseinführung hat sie sich einen Bibelvers aus dem Buch der Sprüche ausgesucht, nämlich: „Wie im Wasser das Gesicht dem Gesicht (entspricht), so das Herz des Menschen dem Menschen.“

Die Tonbandaufnahme des Großvaters

Svetlana Kundish ist im Rahmen von Solokonzerten bereits in vielen europäischen Ländern mit klassischem Repertoire und jüdischen Liedern aufgetreten. „Für mich schließt sich ein Kreis“, hat die Sopranistin dazu gesagt. „So wie einst mein Urgroßvater stehe heute auch ich vor dem Tora-Schrein von Synagogen und leite Gottesdienste. Und so wie meine Großeltern singe ich jiddische Lieder.“ In ihrem musikalischen Schaffen bezieht sich Svetlana Kundish vor allem auch auf ihre Herkunft. „Mein ganzes heutiges Leben beruht auf Wurzeln, die zurück ins Schtetl von Owrutsch reichen, eine kleine ukrainische Stadt nahe der Grenze zu Weißrussland.“ Als ihre Eltern eine Tonbandaufnahme ihres Großvaters Morduk Bezman entdeckten, wurde daraus die Grundlage für ein musikalisches Programm. Der Großvater hatte die Familienmitglieder aufgenommen, wie sie Jiddisch und Russisch sangen, Geschichten vorlasen und erzählten. Ihr Großvater habe davon geträumt, Sänger zu werden. „Jetzt bin ich es, die diesen Traum lebt“, sagt Kundish.

26 Rabbiner und neun Kantoren aus Potsdam

Am Abraham Geiger Kolleg werden seit 1999 liberale Rabbiner ausgebildet. 35 Absolventen hat das Kolleg bis heute hervorgebracht, davon 26 Rabbinerinnen und Rabbiner sowie neun Kantorinnen und Kantoren. Das Kolleg ist ein An-Institut der Universität Potsdam, die einzige Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner auf dem europäischen Festland nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleiches gilt für das Zacharias Frankel College, ebenfalls ein An-Institut der Uni Potsdam, in dem seit 2013 konservative Rabbiner ausgebildet werden. Mittlerweile versehen zahlreiche Rabbiner und Kantoren aus Potsdam ihren Dienst nicht nur in jüdischen Gemeinden Deutschlands, sondern über den ganzen Erdball verteilt. Sie arbeiten unter anderem auch in Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Schweden, Südafrika und in den USA.

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