24.06.2018, 16°C
  • 30.05.2018
  • von Michael Burkart

Der Roggen stammt aus Anatolien und Westasien: Vom Unkraut zur Kulturpflanze

von Michael Burkart

Alter Bekannter. Roggen wurde bereits in der Jungsteinzeit domestiziert. Foto: MB

Im Botanischen Garten der Uni Potsdam wachsen exotische und heimische Pflanzen. In den PNN stellt Kustos Michael Burkart jeden Monat eine von ihnen vor.

Deutschland gilt als das Land mit den meisten Brotsorten, dank einer großen Vielfalt unterschiedlicher Getreide und regionaler Backtraditionen sowie der Kreativität der Bäcker. Nach dem Weizen ist Roggen (Secale cereale) in Deutschland das wichtigste Brotgetreide, und die deutschen Landwirte sind auch die größten Roggenanbauer weltweit mit einer Jahresernte von 2,5 bis 5 Millionen Tonnen.

Die Geschichte der Entwicklung des Roggens von der Wild- zur Kulturpflanze ist verwickelt und gliedert sich in mehrere Etappen. Die ursprüngliche Wildform ist ein mehrjährig wachsendes Gras aus Südost-Anatolien und angrenzenden Regionen Westasiens. Im Zuge der Entstehung des Ackerbaus in der Jungsteinzeit (Neolithikum) in jener Region, dem sogenannten „Fruchtbaren Halbmond“, bildeten sich daraus einjährige Formen, die als Unkräuter jene frühen Äcker besiedelten. Sie besaßen noch die Eigenschaft ihrer Vorfahren, die reife Ähre in Stücke zerfallen zu lassen und so die Samen auszubreiten. Wie viele andere Unkrautsamen lagen sie dann im Boden und keimten bei der nächsten Feldbestellung, etwa mit Gerste, wieder aus.

Die Gerste hatte die Brüchigkeit der Ähre damals bereits verloren, ein wesentlicher Schritt ihrer Domestikation. Damit konnte sie durch Schneiden der Halme geerntet werden. Dieselbe Entwicklung erfolgte nun bei dem Unkraut-Roggen, und zwar sicherlich nicht gezielt. Vielmehr wurden Formen des Roggens, bei denen die reife Ähre nicht zerbrach, mit dem Anbaugetreide mitgeerntet und entsprechend ihrem Ernteanteil im Folgejahr wieder mit ausgesät. Da dies ein effektiverer Ausbreitungsmechanismus ist als das Ausstreuen der Samen am Standort, reicherte sich diese Form – immer noch als Unkraut – im Saatgetreide an. Bereits in der Jungsteinzeit erfolgte dann in Anatolien der letzte Schritt der Domestikation, der gezielte Anbau. Er war vermutlich durch eine ungünstige Klimaperiode gefördert, denn Roggen ist sehr genügsam.

Als sich der Ackerbau nach Mitteleuropa ausbreitete, gelangte auch der Roggen in unsere Region. Die ältesten archäologischen Funde sind etwa 6400 Jahre alt. Es handelt sich dabei stets um einzelne Körner, womit klar ist, dass der Roggen wiederum nur Beimengung war – ob als Unkraut unerwünscht, als essbar in der Ernte toleriert oder sogar willkommen, lässt sich nicht entscheiden. Erst mit dem Beginn der Eisenzeit etwa 800 v. Chr. erfolgte der gezielte Anbau. Er wurde auch jetzt durch eine Klimaänderung gefördert, die kühleres und nasseres Wetter nach Mitteleuropa brachte. 

Programm

Roggen blüht jetzt im Freiland des Botanischen Gartens. Er ist in diesem Jahr Teil der Ausstellung „Unter unseren Füßen – Archäologie im Botanischen Garten“, die die Eisenzeit zum Thema hat. Denn damals bestand eine germanische Siedlung, deren Reste sich heute an einigen Stellen unter der Erde des Gartens finden. Es werden auch viele weitere Nutzpflanzen jener Zeit sowie archäologische Fundstücke gezeigt, dazu gibt es Einblicke ins damalige Leben. Eröffnung ist am Samstag, 2.6. um 15 Uhr, Ausstellungsdauer dann bis 30.9. Am Freitag, den 8.6. um 19 Uhr folgt die nächste literarisch-botanische Abendführung, diesmal mit erotischen Texten unter dem Titel „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“. 

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