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  • 16.05.2018
  • von Josef Drabek

Wissenschaft in Potsdam: Kartoffelernte und Stiefeltrinken

von Josef Drabek

Zum Studium gehörten vor 60 Jahren auch Agrareinsätze, Sportwettkämpfe, Agitprop und Spaßabende.

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

Einsätze bei der Kartoffelernte fanden in jedem Studienjahr statt. Zu diesem Zweck fuhr unsere Seminargruppe ins Rhinluch nördlich von Fehrbellin, wo 1675 das Heer des Großen Kurfürsten die schwedischen Truppen besiegte, vom Schlachtort ging es in das Straßendorf Protzen, wo die Gruppe der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) als Erntehilfe zugeteilt war. Unser Arbeitgeber quartierte die „Jungs“ in einem leer stehenden Bauernhaus ein, das notdürftig eingerichtet und kalt war. Die „Mädels“ nächtigten gegenüber des 1753 erbauten barocken Herrenhauses auf dem ehemaligen Gutshof, wo alle verpflegt wurden. Von dort ging es nach dem Frühstück auf das zugewiesene Kartoffelfeld.

Unsere Arbeitsbekleidung bestand aus dunklen Trainingsanzügen und hohen Schuhen, die der „Jungs“ später aus blauen Schlosseranzügen und Gummistiefeln. Derart bekleidet präsentierte ich mich als „Bauer Kunkel“ oder im Hinblick auf die Kollektivierung als „Kunklowitsch“. Auf dem Acker waren die von einer Schleuder breit gestreuten Kartoffeln in Körbe zu sammeln und auf einen Anhänger zu schütten. Da der Seminarbetreuer dabei war, blieb gegenseitiger Knollenbeschuss die Ausnahme.

Als an einem Nachmittag der Durst plagte, sollte aus dem Dorf Limonade geholt werden. Weil der Weg weit und kein Gefährt vorhanden war, bot ein Bauer das weidende Pferd an und fragte, ob jemand reiten könne. Da ich als Kind einmal auf einem Gaul gesessen hatte, meldete ich mich. Von einem Düngerhaufen stieg ich auf den Rücken des sattellosen Braunen, der nur gemächlich in Tritt kam, weshalb ich ihn mit den Hacken in die Flanken kickte, worauf er mich abwarf. Unter dem Gelächter der Zuschauer ging es wieder hoch und ohne Hackenkick zum Dorf. In der Gaststätte kaufte ich ein, krabbelte von der Milchbank auf das Tier, das anschließend auf sein Gehöft wollte, weshalb ich es am Tor vorbeiziehen musste. Von der Friedhofsmauer stieg ich erneut auf und erreichte wieder das Feld, was ich zu Fuß sicher früher erreicht hätte.

Unsere Gruppe sollte aber nicht nur an der Ernte-, sondern auch an der politischen Front kämpfen. Da noch nicht alle Bauern LPG-Mitglieder waren, suchten jeweils zwei von uns solche „Zauderer“ auf, um sie zu agitieren. Dies endete vor verschlossenen Toren, die trotz Klingelns und Klopfens nicht geöffnet wurden. Erfolgreicher war unser Auftritt als Agitprop-Gruppe im Saal des Kulturhauses. Ähnlich wie solche Gruppen während der Weimarer Republik trugen wir Gedichte von Kurt Tucholsky, Erich Weinert und Bertolt Brecht sowie Lieder von Hanns Eisler vor. Mir wurde das Tucholsky-Gedicht „Die Redensart“ zugeteilt mit dem Ausspruch des 1918 abgedankten Sachsenkönigs: „Ja, dürfen die denn das?“, den ich im reinsten Sächsisch deklamierte, was bei den preußischen Protzenern gut ankam.

Beim Agitprop-Auftritt war wenig Dorfjugend anwesend, die uns dafür zu sportlichen Wettkämpfen herausforderte. Zu den Wettbewerben gehörten ein Tischtennisturnier, bei dem wir im Doppel dank Kommilitonen „Sarans“ Schmetterkunst gewinnen konnten, und ein Volleyballvergleich. Zu diesem zog „Most“ Handschuhe an, was die Dörfler mit der Bemerkung kommentierten: „Naja, Studenten“.

Beim abendlichen Besuch in der Gaststätte hatten wir es mit älteren Einwohnern zu tun, die ihr feierabendliches Fassbier aus der regionalen Dessower Brauerei tranken. Sie integrierten uns ins Ritual des Stiefeltrinkens, das wir später zum Entsetzen des Lehrkörpers auf einem Fachschaftsball vorführten. Ein Klavier spielender Protzener begleitete unseren Gesang, für den sich die Einheimischen mit dem aus Korn und Kaffeebohnen kombinierten Getränk „Koks“ bedankten, das verheerend wirkte.

Im Unterschied zu Sportwettkämpfen und Gaststättenbesuchen war bei Tanzabenden im Kulturhaus, wo auch der Landfilm gastierte, das gesamte Dörflerspektrum vertreten. Hier spielte eine Kapelle mit Sängerin gängige deutsche Schlager, die zum Mitsingen anregten. Solche Spaßabende sind in dem 500-Seelen-Dorf längst Geschichte. Stattdessen gibt es seit 1997 das jährliche Death-Metal-Festival unter dem Motto „Ditt muss rocken“, organisiert vom Motorrad-Club „Deadland“ (Totenland) in der gleichnamigen, direkt neben dem Friedhof errichteten Rundblechhalle.

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