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  • 25.04.2018
  • von René Garzke

Potsdamer Militärhistoriker über das Stauffenberg-Attentat: „Das Attentat verliert sich im Nebel des Vergessens“

von René Garzke

Widerständig. Die Männer des 20. Juli waren nicht alle Demokraten im heutigen Sinne, aber eine Alternative zum NS-Staat. Foto: dpa

Der Potsdamer Militärhistoriker Winfried Heinemann über den Widerstand vom 20. Juli 1944, den missglückten Anschlag auf Adolf Hitler, die gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen der Widerständler und deren Rezeption in der Nachkriegszeit.

Herr Heinemann, das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler liegt fast 74 Jahre zurück. Wie präsent ist dieser Umsturzversuch heutigen Bundeswehr-Soldaten überhaupt noch, die auch aus diesem ihr Traditionsverständnis schöpfen sollen?

Das Attentat und der Staatsstreichversuch verlieren sich langsam im Nebel des Vergessens – wie vieles zum Zweiten Weltkrieg. Das gilt aber nicht nur für Bundeswehrsoldaten, sondern für viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Das liegt auch daran, dass der Geschichtsunterricht weniger geworden ist als früher. Das trifft letztendlich auch die Soldaten. Da bestehen Möglichkeiten zur Verbesserung.

Ist der damalige Umsturzversuch dann tatsächlich geeignet, heutigen Bundeswehrsoldaten Orientierung zu bieten?

Man muss zwei Sachen trennen: Das eine ist das historische Bewusstsein der Soldaten. Dafür ist die Truppe aufgefordert, staatsbürgerliche Unterrichtung anzubieten. Das ist eine Forderung, die sogar im Soldatengesetz steht. Und dazu gehört eben auch entsprechend historische Bildung. Das andere ist die Frage, welche Beispiele und Vorbilder die Truppe für sich aus der deutschen Militärgeschichte auswählt. Das ist Traditionspflege, das ist eine wertebezogene Auswahl. Aber Traditionspflege setzt eben voraus, dass ich über die deutsche und die europäische Militärgeschichte auch genügend weiß.

Stichwort Werte: Was waren die Ziele der Widerstandsgruppe des 20. Juli?

Lange hat man einfach vom „Aufstand des Gewissens“ gesprochen und das Ganze auf einer ethisch-moralischen Ebene abgearbeitet. In den 1960er-Jahren haben dann die ersten Historiker angefangen zu fragen, welche gesellschaftlichen, innen- und außenpolitischen Vorstellungen die Widerständler hatten. Dabei haben die Historiker festgestellt: Die Widerständler bewegten sich in den Denkmustern der damaligen Zeit und nicht in denen des Grundgesetzes. Darüber hinaus wandten sie sich gegen die Politisierung der Armee durch den Nationalsozialismus, was auch die Vereinnahmung der Armee für die Verbrechen beinhaltete. Ganz vorne stand aber bei allen die Sorge um den Krieg und seinen Ausgang. Also der Gedanke: Dieser Krieg ist sinnlos, daher auch verbrecherisch und muss beendet werden. Und ein Kriegsende mit Hitler ist nicht möglich, daher muss er weg. Darauf konnten sich alle einigen.

Wenn denn nur Hitler beseitigt werden sollte: Waren die Widerständler, unter denen auch der Potsdamer Henning von Tresckow war, überhaupt Demokraten?

Nicht alle waren Demokraten, die wenigsten hätten sich für die Form der parlamentarischen Demokratie eingesetzt, wie sie dann 1949 gekommen ist. Sie sind aber Vertreter des Rechtsstaates gewesen - und das muss man trennen. Sie waren alle Vertreter einer Ordnung, in der der Bürger – auch der jüdische Bürger – Rechte hat, die ihm niemand nehmen darf. Insofern sind sie vielleicht nicht in der Form Demokraten, wie wir uns das heute denken würden. Aber sie sind die zeitbedingte Alternative zum Faschismus.

Ist das Attentat von der Bundeswehr-Führung schon immer positiv besetzt worden?

Auch in diesem Punkt orientiert sich die Bundeswehr an den Wertevorstellungen der Gesellschaft. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft ist der Widerstand vom 20. Juli lange bis Mitte der 1950er-Jahre noch überwiegend negativ als Verrat wahrgenommen worden. Aber in den Jahren 1953 und 1954 gab es langsam einen Umbruch. Bundespräsident Theodor Heuss hielt 1954 eine bedeutende Rede in Berlin, in der er den Widerstand sehr positiv heraushob. Das ist etwas, was auch die Bundeswehr prägte – vor allem an der Spitze. Die ersten beiden Vier-Sterne-Generale, Hans Speidel und Adolf Heusinger, haben beide nach dem 20. Juli zeitweise wegen Verdachts auf Mitwisserschaft oder sogar Beteiligung in Haft gesessen.

Hatte das versuchte Attentat Auswirkungen auf den weiteren Kriegsverlauf?

Heinrich Himmler und die SS versuchten, zunehmend Einfluss auf das Heer und seine Ressourcen zu bekommen. Am 20. Juli übernahm Himmler etwa das Ersatzheer. Er hatte somit Zugriff auf alle personellen und materiellen Ressourcen des Heeres. Damit war es dann ausgeschlossen, dass junge Männer, die nicht zur SS wollten, sich als Offiziersanwärter beim Heer verpflichten konnten. Der 20. Juli bedeutete eine erhebliche Machtverschiebung innerhalb des NS-Systems zugunsten Himmlers und der SS, zulasten des Heeres. Das ist einer der Punkte, die für die Endphase des Krieges entscheidend waren.

Was kann die Truppe aus dem misslungenen Attentat für die heutige Zeit schlussfolgern?

Die Truppe kann daraus lernen, dass der Soldat zwar grundsätzlich verpflichtet ist, zu gehorchen und den Primat der Politik umzusetzen, dass es aber Grenzen gibt, die von Ethik und Moral gesetzt werden. Und, wenn die Regierung eine verbrecherische Politik betreiben sollte, dass es dann auch Grenzen des Gehorsams gibt. Man muss aber auch hinzufügen: Das ist eine Situation, die heute nicht gegeben ist. Man kann zu manchem kritisch stehen, was die derzeitige Bundesregierung tut. Aber niemand wird sagen können, dass sie nicht demokratisch legitimiert ist. Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime wie das Dritte Reich ist nicht das Gleiche, wie eine andere Meinung als die derzeitige Bundesregierung zu haben.

Das Interview führte René Garzke.

Winfried Heinemann (61), Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam (ZMSBw), hat am Montag über den 20. Juli 1944 gesprochen.

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