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  • 18.04.2018
  • von Jan Kixmüller

Lehrermangel in Brandenburg: „Es fehlt der politische Startschuss“

von Jan Kixmüller

Lehrermangel, marode Schulen, zu große Klassen - in Deutschlands Bildungswesen gibt es gravierende Defizite. Foto: Caroline Seidel/dpa

Angesichts des gravierenden Lehrermangels im Land Brandenburg hat Andreas Musil, Vizepräsident für Lehre und Studium der Universität Potsdam, angekündigt, dass die Hochschule rund 200 Lehrer zusätzlich ausbilden kann. Nun sei die Politik am Zug.

Herr Musil, der Lehrermangel in Brandenburg verschärft sich. Sind Sie der Auffassung, dass die Universität Potsdam den Bedarf an Lehrern im Land abdecken kann?

Perspektivisch schon, mit den aktuellen Zahlen aber nicht. Wir haben nach wie vor rund 450 Absolventen jährlich, die Bedarfsprognose rechnet hingegen in der Spitze mit mehr als 1000 benötigten Lehrern jährlich, für die Folgejahre um die 600. Es ist klar, dass mehr gemacht werden muss. Wir sind seit zwei Jahren mit dem Bildungs- und Wissenschaftsministerium über eine Ausweitung der Kapazitäten im Gespräch. Bisher aber leider ohne konkrete Ergebnisse. Die Universität Potsdam ist gerne bereit, mehr Lehrer auszubilden – und kann sofort damit beginnen. Zur Machbarkeit haben wir auch schon Konzepte geliefert. Es fehlt aber der politische Startschuss, der auch die Frage der Ressourcen beantwortet.

Welche Größenordnung wäre bei den Studienplätzen denkbar?

Das Präsidium der Uni kann sich vorstellen, die Studierendenzahlen zu erhöhen, wenn die Finanzierung stimmt. Wir gehen übereinstimmend mit allen Beteiligten davon aus, dass die Absolventenzahlen auf jährlich 600 bis 700 steigen müssen, also rund 200 mehr als bislang. Das wäre nötig, um den Dauerbedarf zu decken. Das wäre eine erhebliche Steigerung, allerdings noch unterhalb der 1000. Ein weiterer Weg ist zudem, die Quote der Studienabbrecher zu senken. Dazu haben wir eine Reihe von Maßnahmen geplant. Die eingeworbenen Mittel der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ helfen uns dabei, die Studiengänge besser auf die Lehramtskandidaten auszurichten. Gleichzeitig muss auch die Zahl der Studienanfänger erhöht werden – dafür brauchen wir Geld, weil wir das bestehende Personal nicht überlasten können.

Hat die Universität zu zögerlich auf den Lehrermangel reagiert?

Eben nicht. Wir haben die vergangenen zwei Jahre intensiv an Aufbaukonzepten gearbeitet und Kostenschätzungen vorgelegt. Wir sind ins Detail gegangen, haben geschaut, welche Fächer ausgebaut werden müssen und haben die nötigen Maßnahmen aufgelistet. Das Konzept liegt dem Wissenschaftsministerium vor. Dazu bedarf es eigentlich nur noch einer politischen Einigung. Seltsam ist allerdings, dass aus der politischen Diskussion nun Ideen kommen, wo man noch Lehrer ausbilden könnte.

Sie meinen also, dass die Universität Potsdam zur Lehrerbildung für Brandenburg alleine ausreicht?

Wir sehen keine Notwendigkeit, in dieser Frage über Alternativen zur Universität Potsdam nachzudenken. Die Idee einer Pädagogischen Hochschule ist völlig abwegig. Das Modell der ehemaligen DDR-PH gab es im westlichen Hochschulsystem in dieser Form nicht. Eine reine Lehrerbildungsanstalt wäre heute nicht mehr zielführend.

Es gibt auch Vorschläge, Lehrer an den Fachhochschulen auszubilden. Was halten Sie davon?

Das ist bildungspolitisch derzeit nicht auf der Tagesordnung. Brandenburg sollte sich an der bundesweiten Entwicklung orientieren und keinen Alleingang starten. Bundesweit steht es außer Frage, dass Lehrer an Universitäten ausgebildet werden. Wir erfüllen dazu inhaltlich und von den Ressourcen her alle Voraussetzungen. Wir sehen uns gut gerüstet, den Anforderungen des Landes gerecht zu werden. Mit Ausnahme der Ausbildung der Berufsschullehrer, die möglicherweise an der BTU Cottbus-Senftenberg verortet werden könnte, sehen wir keine Notwendigkeit, über Lehrerbildung an anderen Einrichtungen nachzudenken. Wir würden uns freuen, wenn die Politik mit der Uni Potsdam zeitnah eine Vereinbarung darüber trifft, wie die Hochschule zu einer Erhöhung der Studierendenzahlen kommen kann.

In Brandenburg gibt es aktuell rund 20 Prozent Quereinsteiger im Lehrerberuf. Ist das eine gute Entwicklung?

Wenn sie keine pädagogische Ausbildung haben, natürlich nicht. Die Universität verlangt zwei Fächer und eine pädagogische Ausbildung. Da ist es natürlich den Studierenden schwer zu vermitteln, wenn nun Personen ohne diese Grundlage an den Schulen unterrichten. Das neue Lehrerbildungsgesetz soll Wege zur Nachqualifizierung eröffnen, auf niedrigerem Level, damit man parallel schon arbeiten kann. Grundsätzlich sehen wir die Not und es muss schnell reagiert werden. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Gewisse Mindeststandards sind zu beachten. Und: Vor drei Jahren hat noch niemand von einem solchen Lehrerbedarf gesprochen. Wir beteiligen uns gerne an der Qualifizierung der Seiteneinsteiger, aber das darf nicht übers Knie gebrochen werden.

Wie kann die Universität dabei helfen, die Seiteneinsteiger schnell und qualifiziert in die Schulen zu bringen?

Auch das ist eine Frage der Struktur und Ressourcen. Momentan macht das das Institut zur Weiterqualifizierung, ein An-Institut der Universität Potsdam im Auftrag des Bildungsministeriums. Dort werden aktuell unter Beteiligung der Uni neue Weiterbildungsprogramme aufgesetzt. Diese Zusammenarbeit soll in den kommenden Jahren noch enger gestaltet werden.

Gerade auch Kunstlehrer fehlen im Land. Nachdem deren Ausbildung an der Uni Potsdam abgewickelt wurde, sollte die Berliner UDK die Kunstlehrer für die Mark ausbilden. Funktioniert das?

Nein. Die Kooperation mit der UDK ist gescheitert, der Vertrag wurde nicht verlängert. Die Erkenntnis daraus ist, dass es wieder eine eigene Kunstlehrerausbildung im Land geben muss. Daran wird aktuell gearbeitet. Wir sind zusammen mit dem Wissenschaftsministerium darum bemüht, eine Lösung zu finden. Aber auch hier ist klar, dass wir uns die nötigen Mittel dafür nicht aus den Rippen schneiden können. Dazu werden wir auch neue Professuren brauchen.

Wissen Sie, wo Ihre Absolventen hingehen?

Zumindest wissen wir, dass nicht alle in Brandenburg bleiben. Die Abgänger sind relativ flexibel. Beliebt ist auch Berlin. Es gibt zwar auch einen Zulauf aus anderen Bundesländern, der das wieder ausgleicht. Insgesamt ist die Zahl derjenigen, die den Vorbereitungsdienst Lehramt beginnen, aber zu niedrig. Als Problem kommt hinzu, dass wir die Sache nur bis zum Masterabschluss in der Hand haben, viele Studierende bleiben nach dem Vorbereitungsdienst nicht in Brandenburg, weil sie das Unterrichten in der Peripherie nicht sonderlich interessant finden. Hier ist nun das Bildungsministerium gefordert.

Inwiefern?

Die Attraktivität der Stellen auf dem Land muss erheblich gesteigert werden. Das wird sich nicht allein über sogenannte Buschprämien machen lassen.

Sondern?

Man müsste die Referendare an den entsprechenden Schulen bereits sozialisieren – und ihnen dort attraktive Angebote machen. Es ist denkbar, dass Potsdamer Lehramtsabsolventen, falls sie aus Brandenburg kommen, nahe der Heimat bereits im Referendardienst ihre Wunschschule bekommen – und dort dann auch gehalten werden. Dazu muss man intelligente Lösungen finden.

Hat die Qualifikation der Lehrer in den vergangenen Jahren grundsätzlich abgenommen?

Die angehenden Lehrer erlebe ich als äußerst motiviert und qualifiziert. Aber die Lehramtsstudierenden wurden in vielen Hochschulen tatsächlich längere Zeit als fünftes Rad am Wagen vernachlässigt. Auch wurden ihnen nicht die Kompetenzen vermittelt, die sie eigentlich brauchen. Hier versuchen wir seit Jahren entgegenzusteuern. Wir machen Praxisphasenmodelle, das sind konkrete Konzepte, wie man den Betroffenen besser in den Beruf helfen kann. Dazu arbeiten wir unter anderem auch mit der Breuninger-Stiftung zusammen – dabei soll den Studierenden vermittelt werden, wie man mit der Klasse etwa bei Konflikten konkret umgehen kann. Der Vorbereitung auf den realen Schulalltag wird heute mehr Raum gegeben.

Die Potsdamer Universität gilt bei der Lehrerbildung als vorbildlich.

Nachdem die einzelnen Fachdidaktiken in den 1990er-Jahren bundesweit ausgedünnt wurden, sind wir seit Jahren dabei, sie wieder zu stärken, um den Praxisanforderungen wieder näher zu kommen. Das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Wir wollen auch konkrete Angebote nur für Lehramtsstudierende machen, damit sie neben dem jeweiligen Fachunterricht eine weitere Ebene der Betreuung erhalten. So soll die Abbrecherquote gesenkt werden. Im Schulfach Wirtschaft-Arbeit-Technik wissen die Studierenden beispielsweise sehr genau, warum die das machen. Das soll in den anderen Fächern ähnlich werden. Auch sehen wird der Einführung des Faches Förderpädagogik an der Uni Potsdam optimistisch entgegen – zumindest scheint das auch von der Politik so gewünscht zu sein.

Wie geht es mit dem Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrer weiter?

Das Wissenschaftsministerium hat nun weitere Mittel angemeldet, wir können das Programm also weiter verstetigen. Es soll dauerhaft rund laufen können. Die bisherigen rund 50 Absolventen haben alle einen Platz an den Schulen angeboten bekommen. Sie müssen nun noch weiter qualifiziert werden, auch gibt es noch einige Unsicherheiten, aber das Vorhaben ist grundsätzlich erfolgreich.

Andreas Musil (46) ist seit 2012 Vizepräsident für Lehre und Studium der Universität Potsdam. Musil ist Professor für Öffentliches Recht an der juristischen Fakultät der Potsdamer Uni.

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