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  • 28.03.2018
  • von Sandra Calvez

Mehrsprachigkeit: Neue Dialekte und Jugendslang?

von Sandra Calvez

Dynamik der Zweisprachigkeit. Wie verändert sich Sprache bei Menschen, die zwei Muttersprachen haben? Das wird an der Uni Potsdam untersucht. Foto: Oliver Berg/dpa

Eine Forschergruppe unter Beteiligung der Universität Potsdam untersucht, wie sich Zweisprachigkeit auf die Dynamik der Sprache auswirkt.

Eine Radfahrerin fährt vom Gehweg auf die Straße. Ein Autofahrer hat sie wohl übersehen, die beiden stoßen zusammen. Die Radlerin stürzt zu Boden, der Fahrer sprintet zu ihr – diese Bilderfolge stammt aus einem Versuchsaufbau zur Veränderung der Sprache. Fast 1000 Probanden aus Deutschland, der Türkei, Griechenland, Russland und den USA sollen solche oder ähnliche Bilder in den kommenden drei Jahren betrachten – jeweils sowohl zweisprachig Aufgewachsene als auch einsprachige Sprecher. Sie alle sollen sich vorstellen, sie hätten den Unfall beobachtet – und dann davon berichten. Zunächst einem fiktiven Freund am Telefon, dann per WhatsApp, der Polizei mündlich und schriftlich in einer Zeugenaussage.

Dieser Versuchsaufbau ist Teil der Arbeit einer neuen Forschergruppe, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Insgesamt erhalten die Forscher dafür eine Förderung von 3,5 Millionen Euro. Fünf Standorte in Deutschland arbeiten zusammen daran, darunter die Universität Potsdam, an der die Forschung koordiniert wird. Im Fokus stehen zweisprachige Personen, doch es geht auch breiter gefasst um den Wandel der Sprache, unterschiedliche Register und Umgangssprache.

Zwei Sprachen sprechen, aber keine richtig? 

Dass sich Sprache im Lauf der Zeit dynamisch verändert, ist nichts Neues. Doch welchen Einfluss hat es auf die beiden Muttersprachen, wenn jemand zweisprachig aufwächst? „Diese innovative Grammatik im zweisprachigen Kontext interessiert uns besonders“, erklärt die Sprecherin der Gruppe, Heike Wiese. Sie ist Germanistik-Professorin an der Universität Potsdam und forscht seit vielen Jahren zur Zweisprachigkeit und der Veränderung der Sprache.

Lange zirkulierte in dem Zusammenhang der Mythos der „doppelten Halbsprachigkeit“. Das bedeutet: Wer ständig zwei Sprachen spricht, kann am Ende gar keine mehr richtig. Dass diese Annahme nicht stimmt, haben zahlreiche Studien bereits nachgewiesen. Allerdings hält sich der Mythos in der öffentlichen Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit hartnäckig.

Die systematische Erfassung der Dynamik zweisprachigen Sprachgebrauchs ist das Innovative an der neuen Forschergruppe. „Wir sehen uns das tatsächliche sprachliche Repertoire an“, erklärt Forscherin Wiese. „Uns geht es nicht nur um die formelle Standardsprache, sondern um umgangssprachliche Muster, bei Mehrsprachigen wie bei Einsprachigen“, betont sie. Deshalb auch die unterschiedlichen Sprechsituationen beim Versuchsaufbau. „Dieser faire Vergleich ist neu“, so Wiese. „Wir werden in diesem Bereich hoffentlich beispielgebend sein.“

Umgangssprache versus Standardsprache

Bisher hatten Studien über Zweisprachige häufig deren Sprache mit den Regeln der Standardsprache verglichen. Das allerdings kann in die Irre führen – denn auch einsprachige deutsche Muttersprachler sprechen im Alltag keineswegs wie im Lehrbuch.

Zweisprachigkeit ist in Deutschland kein marginales Phänomen. Offizielle Zahlen werden dazu nicht erfasst. Aber 2016 lebten in Deutschland zehn Millionen Ausländer. Wenn man alle Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet, waren es 18,6 Millionen.

Bisher haben die Forscher ihr Vorgehen nur mit insgesamt 30 Probanden in den verschiedenen Ländern getestet, bevor im April die große Erhebung beginnt. In Potsdam nehmen die Wissenschaftler der Germanistik die Sprachen Türkisch und Deutsch in den Fokus.

Schon die Pilotstudie, die sich auf Jugendliche konzentrierte, habe, so Wiese, einige interessante Ergebnisse ergeben. „Wir haben beobachtet, dass Einsprachige in der Umgangssprache viele Muster verwenden, die wir oft mit Mehrsprachigkeit assoziieren“, erklärt Wiese. Im Gespräch unter Freunden, aber auch per Whatsapp sagten oder schrieben Einsprachige so etwa im Deutschen Sätze wie „Gestern ich war...“ oder auch „Ich bin gestern noch Park gegangen“. Auch Ausdrücke wie „Musste mal erleben so was“ hätten sie gefunden.

Auf einmal gibt es einen türkischen Artikel

Noch sei es zu früh, um daraus verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, sagt Wiese, beispielsweise auf die Entwicklung neuer Dialekte. Doch es zeige, dass man vorsichtig damit sein müsse, etwas auf Mehrsprachigkeit zurückzuführen, nur weil es nicht der Standardsprache entspricht.

Ein möglicher Unterschied zwischen ein- und mehrsprachigen Sprechern zeigte sich in den Registern. „In den Daten aus der Pilotstudie differenzieren einige Zweisprachige nicht so stark zwischen den Registern“, so Wiese. Sie verwenden also etwa umgangssprachliche Muster auch in formellen Gesprächen oder umgekehrt. So hätten sie beispielsweise Englisch-Zweisprachige erfasst, die die umgangssprachliche Wendung „There was this guy“ auch in der formellen Sprache verwendeten.

Ein eindrückliches Beispiel für die Dynamik von Mehrsprachigen ist der Artikel im Türkischen. Eigentlich gibt es in der türkischen Sprache keinen Artikel. Aber seit einiger Zeit benutzen manche zweisprachige Türken in Deutschland trotzdem einen: Sie setzen die Zahl Eins (bir) vor das Substantiv, verwenden es wie den deutschen Artikel.

Einfluss auf die Jugendsprache

Einflüsse gibt es auch von verschiedenen Zweitsprachen auf die Jugendsprache. So ist es etwa mit dem Ausdruck „Bra“ für Bruder, verwendet als Bezeichnung für Kumpel oder Freund. Wo genau dieser herkommt, ist schwer zu sagen, es gibt mehrere Quellen. Es ist zum einen die afro-amerikanische Form von „Bro“, aber auch ein russischer Begriff. „Bra“ findet sich nun in den Jugendsprachen verschiedener Länder wieder.

Es wird noch einige Jahre dauern, bis die endgültigen Ergebnisse der Studie vorliegen. Zunächst ist sie auf drei Jahre ausgelegt, möglicherweise soll um weitere drei Jahre verlängert werden. Mit den Ergebnissen wollen Wiese und ihre Kollegen auch Aufklärung betreiben. „In Deutschland nehmen wir oft einen monolingualen Habitus ein“, erklärt die Potsdamer Forscherin. Also die Grundhaltung, dass Einsprachigkeit die Norm darstellt. „Das entspricht natürlich nicht der Realität – weder heute noch früher: Mehrsprachigkeit war schon im Mittelalter normal“, sagt Wiese. Mit den Forschungsergebnissen sollen unter anderem Materialien erstellt werden, für mehrsprachige Familien selbst, aber auch für Lehrer und Erzieher. „Wir wollen Mythen über die Zweisprachigkeit vorbeugen und einen positiven Umgang damit fördern“, sagt Wiese.

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Hintergrund: „Innovationsstärke der Universität“

Die Universität Potsdam hatte 2017 den Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema Zweisprachigkeit bewilligt bekommen. Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) begrüßte die Entscheidung der DFG für die Potsdamer Uni. „Die Entscheidung ist nach dem Zuschlag für zwei Sonderforschungsbereiche an der Universität Potsdam vor wenigen Monaten ein weiterer großer Erfolg für die Wissenschaftslandschaft Berlin-Brandenburg und für Brandenburgs größte Hochschule“, sagte sie seinerzeit dazu. Dies zeuge von der Innovationsstärke der Uni, die sich in den vergangenen Jahren zu einer überregional und international anerkannten wissenschaftlichen Einrichtung und zu einer Adresse leistungsstarker Forschung und moderner Lehre sowie eines intensiven Technologie- und Wissenstransfers entwickelt habe. Die Forscher erwarten neue Erkenntnisse zur besonderen Dynamik von Sprachvariation, Sprachwandel und sprachlichen Repertoires. Kix

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