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  • 28.02.2018
  • von Richard Rabensaat

Gefühle aus Vollsilikon: Uni Potsdam erforscht Sex mit Robotern

von Richard Rabensaat

Täuschend echt. Der humanoide Roboter Jiajia wurde von der University of Science and Technology of China entwickelt (hier auf der „International Technologie“-Messe in Shanghai). Immer menschlicher werdende Roboter lassen bei manchem Menschen Gefühle aufkommen. Foto: EPA/SHERWIN, dpa-Bildfunk

An der Universität Potsdam wird zur Interaktion mit Dingen geforscht. Dabei rückt auch die Frage nach Sex mit Robotern in den Blick der Wissenschaftler.

Potsdam - Es muss nicht immer Sex sein. Manchmal reicht auch eine Kaffeemaschine als Gesprächspartner. Die Dinge werden menschlicher. Aber wie Menschen mit Maschinen kommunizieren, darüber gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse. Deshalb plant der Kognitionswissenschaftler Martin Fischer von der Universität Potsdam ein Forschungsprojekt zum Verhältnis Mensch-Maschine.

Alexa macht es möglich: Wir sprechen in den Raum und Gegenstände in der Wohnung setzen sich in Gang. Staubsauger beginnen auf Befehl zu saugen, selbst fahrende Autos bringen uns von Ort zu Ort. Der Gedanke an den Sex mit unbelebten, aber beweglichen und sprechenden Dingen liegt da nicht so fern.

In einem Seminar hatten sich Wissenschaftler an der Uni Potsdam unlängst mit „Sex mit Robotern“ beschäftigt. Ein weiteres, groß angelegtes Forschungsprojekt zur menschlichen Interaktion mit Dingen soll folgen. Auch dort wird die Sexualität eine Rolle spielen. Dass sich Kognitionswissenschaftler gerade jetzt mit dem Thema beschäftigen, ist kein Zufall. In aktuellen Science-Fiction-Filmen sinnieren Filmemacher darüber: „Blade Runner 2049“, „Humans“ oder „Ex Machina“. Und auch auf einschlägigen Erotikmessen wie der Venus wendet sich die menschliche Sexualität posthumanen Betätigungsfeldern wie der Virtual Reality oder Real Dolls – Sexpuppen mit menschlicher Anmutung – zu.

Über den Report „Unsere sexuelle Zukunft mit Robotern" erschienen mehr als 600 Artikel - in zwei Tagen 

Durch das Internet der Dinge, dessen Umsetzung immer näher kommt, wird die unbelebte Umgebung immer mehr zu einem auch verbal kommunizierenden Partner. Dementsprechend scheint der Schritt zum intimen Verkehr mit Robotern nicht mehr weit. Aber: „Das wird wohl doch noch eine ganze Weile dauern“, meint Martin Fischer. Denn es hapert an der Kapazität der Batterien. Zudem erweist sich die zwischenmenschliche Interaktion als diffiziler, als einschlägige Fiktionen vermuten lassen.

Das Interesse an der Möglichkeit, mit Robotern Sex zu haben, ist jedenfalls riesig. Als der Forscher Noel Sharkey seinen Report „Unsere sexuelle Zukunft mit Robotern“ kürzlich veröffentlichte, erschienen in den zwei Tagen danach mehr als 600 Artikel über den Report. Darin fragt Sharkey auch nach der speziellen Qualität einer Liebesbeziehung, wie sich eine gegenseitige Beziehung definiert und ob die nicht auch mit Robotern möglich sei.

Denn jedes Ding könne vermenschlicht werden, so Sharkey. Was den meisten Hundebesitzern mühelos mit ihren Vierbeinern gelingt, könne erst recht mit einer menschlich anmutenden Puppe geschehen. Forscher, nicht nur in US-amerikanischen Laboren, untersuchen schon lange verschiedene Gesichtsausdrücke und das Zusammenspiel der Gesichtsmuskeln. Roboter seien mit einer entsprechenden Gesichtserkennungssoftware in der Lage, Gesichtsausdrücke zu speichern und gegebenenfalls darauf zu reagieren, vermutet Sharkey. Die Firma Hanson Robotics arbeitet genau daran und verspricht schon heute: Wir hauchen den Robotern Leben ein. Alice, Sophia und Albert Einstein gehören zu ihren Puppen. Sophia erhielt bei einer Konferenz über Artificial Intelligence in Saudi-Arabien kürzlich Bürgerrechte für die Dauer der Konferenz zuerkannt. Womit deutlich wird, dass menschlich anmutende Roboter nicht nur soziale, sondern auch juristische Probleme aufwerfen können.

Zweifel an einer möglichen Anwendung zur Therapie von Pädophilie

Dass Puppen als menschliche Gesprächspartner akzeptiert werden können, haben bereits psychologische Untersuchungen gezeigt. Bei denen wurden Babypuppen in die Hände von alten Menschen gegeben, die sich weitgehend aus der Kommunikation und Realität zurückgezogen hatten. Mit den Puppen aber begannen sie wieder zu sprechen. In Arbeitsbereichen, insbesondere in sozialen Berufen, in denen Personal fehlt, ist daher der Einsatz von personalisierten Robotern naheliegend, beispielsweise in der Altenpflege. Daran arbeiten nicht nur japanische Wissenschaftler, die Fachhochschule Kiel entwickelt aktuell zusammen mit Pflegekräften roboter-basierte Szenarien und Modelle für die Zukunft der Pflege.

In Japan haben vom Computer gesteuerte Lebenspartner bereits in Privatwohnungen Einzug gehalten. Bei Amazon kann ein mit langen Beinen und kurzem Rock ausgestattetes Girlie bestellt werden. Azuma Hikari heißt die holografische Begleiterin, die dank Mikrofonen und Lautsprechern und einer entsprechenden Lernsoftware auf ihre jeweiligen Eigentümer reagieren kann. Der Konzern wirbt damit, dass Azuma Hikari „jemand sei, mit dem man einfach gerne einen Raum teilt“. Auch andere japanische Hersteller werben mit Robotern, die sich an menschliches Aussehen und Gebaren anlehnen. Entsprechende erotische Varianten offeriert die Real-Doll-Industrie unter dem Namen „Harry Harddrive“ und „Susi Software“. Hergestellt aus Vollsilikon, aber ohne individuellen Gesichtsausdruck. Einen sonderlich lebensechten Eindruck machen die Gummipuppen allerdings noch nicht. Dennoch verspricht die Weiterentwicklung der menschlichen Kommunikation mit Robotern riesige Gewinnmargen. Schließlich kam auch das Internet erst richtig in Fahrt, als dort Sex in allen Varianten angeboten wurde.

„Es gibt ein fundamentales Humunculus-Problem. Wir können die Industrie da nicht einfach allein laufen lassen“, sagt daher auch Alfred Pauls vom Institut für Sexualmedizin der Charité in Berlin. Auch die Sexualwissenschaftlerin Yuefang Zhou forscht an der Charité. Zhou ist als Gastwissenschaftlerin der Universität in Potsdam und bereitet an der Charité ein Forschungsprojekt vor, in dem auch der Einsatz von Robotern bei der Verhinderung von Kindesmissbrauch und der Therapie von Päderasten untersucht werden soll. Zweifeln, ob die Heranziehung von Sexualrobotern im Therapiebereich ethisch vertretbar ist, tritt Noel Sharkey mit dem Argument entgegen: „Wenn auch nur ein Kind gerettet wird, ist der Einsatz gerechtfertigt.“ Die Entwicklung und Erforschung der menschlichen Kommunikation mit Robotern habe gerade erst begonnen, so Fischer.

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