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  • 21.02.2018
  • von Jan Kixmüller

Gender-Filme und MeeToo-Debatte: „Mit einem ganz anderen Bewusstsein“

von Jan Kixmüller

Rollenwechsel. In dem Film „Tiger Girl“ von Filmuni-Student Jakob Lass haben die Frauen die Hosen an. Stereotype Frauen- und Männerbilder aufzubrechen ist ein Ziel des Gender-Vorstoßes der Filmhochschulen. Foto: Constantin Film/Filmuniversität

Die Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg Susanne Stürmer über Geschlechtergerechtigkeit an der Hochschule, stereotype Geschlechterbilder im Film, den anderen Blick der Nachwuchsfilmer und die Verbindung zur aktuellen „MeToo“-Diskussion.

Frau Stürmer, Sie tragen ein am Dienstag veröffentlichtes Positionspapier mit, das zum Ziel hat, in der Filmbranche eine Berufswelt zu schaffen, die ohne „MeToo“ funktionieren kann. Wie soll das gelingen?

Die Initiative wurde nicht vor dem Hintergrund der „MeToo“-Debatte gestartet, wobei die Themen natürlich miteinander verknüpft sind. Unser Ausgangspunkt waren die aktuellen Studien zu Film und Fernsehen, die gezeigt haben, dass wir in der Branche etwas für eine bessere Gendergerechtigkeit tun müssen. Die Diskussion um „MeToo“ kam zeitlich später hinzu.

Was können die Filmhochschulen dazu beitragen?

In den Hochschulen fängt alles an. Wir haben eine große Verantwortung, weil wir die Studierenden für ihre spätere Berufstätigkeit ausbilden. Ich bin fest davon überzeugt: Was man bei uns mitbekommt, das hat man später als Rüstzeug für den Beruf. Eckpunkte zum Thema Gender haben wir großen deutschen Filmhochschulen in dem Positionspapier festgehalten. Ich freue mich, dass wir zu diesem aktuellen Thema erstmals einen Zusammenschluss der wichtigen Filmhochschulen geschaffen haben.

Worum geht es konkret?

Wir haben geschaut, wo an den Hochschulen etwas für Gendergerechtigkeit getan werden kann. Zum einen in der Forschung, Studien zum Thema sind grundlegend und unerlässlich. Zum anderen in der Lehre, also beispielsweise in der Filmgeschichte und den Medienwissenschaften, und im genderbewussten Filmeentwickeln und -produzieren, Drehbucharbeit, Figurenkonstellationen und Charakterzuschreibungen, Regie, Montage et cetera. Hinzu kommen institutionelle Fragen wie der Anteil von Frauen und Männern in der Lehre bis hin zur paritätischen Besetzung der Gremien. Die Filmhochschulen haben unter anderem eine Selbstverpflichtung aufgesetzt, dass in allen Gremien eine Geschlechterparität angestrebt wird. Aber auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt eine wichtige Rolle.

Wie erreicht man so die Branche?

Studierende, die das in ihrer Studienzeit so erlebt haben, gehen mit einem ganz anderen Bewusstsein ins Berufsleben. Viele Coaching- und Mentoringangebote richten sich speziell auch an junge Frauen. Ungefähr die Hälfte der Studierenden sind Frauen, aber sie kommen dann nicht im gleichen Verhältnis in der Filmbranche unter, geschweige denn in führende Positionen. Es geht uns darum, ein Handwerkszeug mitzugeben, um in der Branche auch Fuß fassen zu können. Ein kleines aber plakatives Beispiel: Wir unterstützen in zeitlichen Ausnahmesituationen bei Drehs unsere Studierenden in der Kinderbetreuung. Wenn man diese Erfahrung schon in der Ausbildung macht, fällt es sicher leichter, auch später Kinder und Job gemeinsam zu denken. Unsere Selbstverpflichtungen können ein wichtiges Zeichen sein.

Inwiefern?

In der Branche ist die Diskussion um das Handeln für mehr Geschlechtergerechtigkeit noch am Anfang. Als Hochschule können wir vielleicht schneller in konkrete Umsetzungen gehen als Unternehmen, Förderinstitutionen oder Sender. Hier können wir als Hochschulen Vorreiterinnen sein.

Geschlechtergerechtigkeit soll auch im audiovisuellen Erzählen der Studierenden verankert werden. Wie will man das dann kontrollieren?

Natürlich gar nicht. Kunst, kreatives Arbeiten und Kontrolle, das hat überhaupt nichts miteinander zu tun – und das darf es auch nicht. Es geht nicht um gute oder schlechte Filme, sondern um ein Bewusstmachen dafür, dass wir alle mit bestimmten Rollenbildern groß geworden sind. Bis zu einem bestimmten Maß brauchen, denke ich, Menschen diese Klischees auch – als ein Raster in dem man sich bewegt, um die Dinge einordnen und reflektieren zu können. Es geht nicht um Vorgaben, sondern um das Bewusstmachen im künstlerischen Arbeiten, um die Frage, wie man Filme schaut und wie man seine eigenen Werke entwickelt. Ziel ist ein bewusster Umgang mit Geschlechtsstereotypen.

Gerade das Spiel mit stereotypen Geschlechterbildern schafft doch erst das Bewusstsein für gesellschaftliche Zustände.

Natürlich kann man Stereotype zum Erzählen ganz bewusst einsetzen, um sie dann zu brechen. Alles ist möglich. Es geht nur darum, dass dies durchdacht geschieht – und nicht unwillentlich in Stereotype zu verfallen oder dies gar mit manipulativer Absicht zu machen.

Wenn nun aber Kunstwerke abgehängt und Filme aus dem Programm genommen werden, ist die aktuelle Debatte auch nicht ganz ungefährlich.

Zum Beispiel in der Debatte um das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin geht es auch darum, wie man künstlerische Werke aus einem anderen historischen Kontext bewertet. Meine Haltung dazu ist, dass diese Werke nicht verbannt werden sollten, wir sollten vielmehr verstehen, wie die Dinge in ihrer Zeit entstanden sind und aus heutiger Sicht darüber reflektieren. Und dass es immer auf den Einzelfall ankommt. Der Blick zurück und das bewusste Reflektieren darüber ist Teil des Unterrichts an den Filmhochschulen. Die Frage ist, wie Geschlechterrollen damals und heute gestrickt sind, was daran heute noch von Interesse ist beziehungsweise anders gemacht würde. Etwas Anderes ist, was heute aktuell entsteht und ob wir immer die gleichen Stereotypen erzählt bekommen müssen. Im Fernsehen hatten und haben wir diesen Diskurs zum Beispiel über Shows von „Deutschland sucht den Superstar“ bis zu „Germany’s Next Top-Model“. Das sind wichtige, relevante Debatten. Ich möchte nicht, dass dabei ein bestimmtes Ideal vorgegeben wird. Ich möchte vielmehr, dass unsere Studierenden in die Lage versetzt werden, eine solche Debatte gut führen zu können, sich dafür überhaupt zu interessieren und vor allem die Ergebnisse auf ihr eigenes Filmschaffen übertragen zu können.

Also keine Schere im Kopf?

Überhaupt nicht. Das brauchen wir auch gar nicht. Wenn Sie die Filme unseres Nachwuchses anschauen, sehen Sie, dass dort sehr interessante Geschlechterbilder gezeichnet werden.

Woran denken Sie?

Beispielsweise an den Film „Gabi“ von Filmuni-Student Michael Fetter Nathansky, der 2017 auf der Berlinale zu sehen war und mittlerweile das „Prädikat besonders wertvoll“ trägt. Es geht hier um eine sehr besondere Frauenfigur, die als Fliesenlegerin aus jedem Schema herausfällt. Ihre Interaktion mit dem Lehrling, der mit ihr das Verlassen seiner Freundin probt, das lässt sich in keine der gängigen Schubladen pressen. Das trägt den Film, das Gesicht bleibt hängen. Oder denken Sie an die Figuren in Jakob Lass’ Filmen „Love Steaks“ und „Tiger Girl“.

Vielleicht sind wir heute schon viel weiter als wir annehmen. Aus den Krimis kennen wir mittlerweile die knallharte Fernsehkommissarin, was eine Kollegin von mir wiederum viel zu holzschnittartig findet.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es das richtige Frauen- und Männerbild gar nicht gibt. Und sobald Charaktere politisch korrekt gezeichnet werden, kann es wiederum zu durchsichtig werden.

Die Vorfälle, die „MeToo“ ausgelöst haben, sind strafrechtlicher Natur. Schießt die aktuelle Debatte um Geschlechterbilder nun nicht über das Ziel hinaus?

Es gibt eine klare Verbindung zwischen der Frage der Geschlechterdarstellung und „MeToo“: In einem Umfeld mit einem Miteinander der Geschlechter auf Augenhöhe gibt es weniger Nährboden für sexuelle Übergriffe. Auch das Wegsehen hat die Vorfälle überhaupt erst ermöglicht. Bei den strafbaren Handlungen stellt sich die Frage nach einem Für und Wieder ja gar nicht.

Hatten Sie Verständnis für die Kritik von Catherine Deneuve an der aktuellen Debatte?

Natürlich darf die Diskussion nicht in Hass auf Männer umschlagen oder dass die Frauen generell als Opfer stilisiert werden. Aber das ist ja auch überhaupt nicht der Punkt und das Thema. Es geht um Machtausübung, die teilweise sogar in Gewalt umgeschlagen ist, bei der Frauen – und auch Männer – körperlich und seelisch verletzt wurden. Dass wir nun in der Branche eine breite Debatte um die Geschlechterfrage haben, ist doch zu begrüßen. Es sollte dabei nur nicht alles miteinander verrührt werden: Die „MeToo“-Debatte ist genauso dringend nötig wie der Hinweis darauf, dass dabei Männer nicht pauschal diskreditiert werden dürfen.

Susanne Stürmer (54) ist seit 2013 Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg „Kinrad Wolf“. Von Oktober 2011 an bekleidete sie die Professur „Produktion Neuer Medien“an der Hochschule.

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