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  • 07.02.2018
  • von René Garzke

Terrorgefahr in Deutschland: „Es wird wieder mehr Anschläge geben“

von René Garzke

Abwehrhaltung. Unter Terroristen kursieren aktuell auch Hinweise, wie man Polizisten angreifen kann. Deutsche Polizisten der operativen Einheit OpE trainieren zusammen mit Bundeswehr-Soldaten gemeinsam den Terror-Ernstfall. Foto: picture alliance/Oliver Dietze

Der Terrorismus-Forscher der Bundespolizei Stefan Goertz über Bedrohungsszenarien in Europa, die Dunkelziffer bei Gefährdern in Deutschland und einen Taktikwechsel des Islamischen Staates.

Herr Goertz, der Islamische Staat (IS) in Syrien und dem Nordirak ist offiziell besiegt. Brauchen wir jetzt keine Angst mehr vor Anschlägen in Europa zu haben?

Grundsätzlich muss man sehen, dass der Islamische Staat eine sogenannte terroristische Großorganisation ist, die verschiedene Phasen durchlaufen hat. Sie hat mal angefangen als Al-Qaida-Ableger, zwischendurch war sie ein Quasi-Kalifat. Jetzt sind 95 Prozent des IS-Territoriums von der internationalen Koalition zurückgekämpft worden. Über das, was jetzt kommen wird, sind sich die internationalen Sicherheitsbehörden relativ einig: ein weiterer Taktikwechsel. Das heißt, es wird wieder mehr terroristische Anschläge geben. Nicht nur in den Kernländern Syrien, Irak oder Nordafrika, sondern auch im Westen. In Nordeuropa.

Welche Rolle spielt ein Kalifat für den internationalen Terrorismus?

Der Islamische Staat hat mit der Ausrufung des Kalifats im Sommer 2014 das geschafft, was Al-Qaida seit Jahren angestrebt hat. Und das hat eine sehr langfristige Wirkung. Dass das Kalifat bestanden hat, wird in den nächsten 15 bis 20 Jahren eine sehr große anziehende Wirkung für den islamistischen Terrorismus haben. Sowohl in der sogenannten arabischen Welt als auch in der westlichen Welt.

Also ist es nach der Ausrufung eines Kalifats strategisch sinnvoll, frühestmöglich militärisch gegen diese Kalifate vorzugehen?

Man muss mehr machen als das. Nur mit militärischen Mitteln zu arbeiten, hat keine langfristige Wirkung. In der Phase von 2014 bis 2016 hat es auf jeden Fall Sinn gemacht, den IS militärisch zu bekämpfen. „Boots on the ground“ (Anm. d. Red.: Bodentruppen) waren allerdings nur kurdische Kräfte und einige amerikanische Spezialeinheiten. Anders als im Irak, wo Anfang der 2000er amerikanische Infanterie-Einheiten eingesetzt wurden. Jetzt sollte die westliche Koalition relativ schnell begreifen, dass man im ehemaligen IS-Territorium mehr machen muss. Jetzt muss man den Failed State wiederaufbauen, den Menschen vor Ort schnell wieder eine Perspektive bieten. Dieser Schalter müsste sofort umgelegt werden. Allerdings zeigt die Geschichte, dass die westlichen Koalitionen meistens genau dieselben Fehler wiederholen.

Hat sich das Bedrohungsszenario für Europa durch die großen Flüchtlingsbewegungen verändert?

Man muss sagen: Der mit Abstand größte Teil der Flüchtlinge hat einen guten Grund, Syrien und den Irak zu verlassen. Weniger als ein Prozent von ihnen sind Sympathisanten oder aktive Mitglieder von terroristischen Organisationen oder laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) Mitarbeiter von fremden Nachrichtendiensten aus arabischsprachigen Ländern. Letztere werden laut dem BfV als sogenannte „falsche Syrer oder Iraker“ nach Europa geschickt, um hier nachrichtendienstliche Operationen auszuführen.

Wie viele der Gefährder in Deutschland sind denn sogenannte homegrown terrorists, haben sich also hier radikalisiert?

Wir haben etwa 10 000 Salafisten, allerdings sind die meisten davon „nur“ politische Salafisten, die zwar ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt haben, aber erst mal nicht gewalttätig werden. Knapp 1000 Salafisten sind aus Deutschland in die Kriegsgebiete ausgereist. Die werden als homegrown terrorists geführt. Davon sind etwa 200 gestorben, ungefähr ein Drittel ist wieder zurück. Da aber stellt sich Frage: Was ist mit denjenigen Ausgereisten, von denen wir nie wussten, dass sie ausgereist sind? Wir reden ja immer nur von Hellfeld-Zahlen, die Dunkelziffer ist möglicherweise eine ganz andere.

Viele Politiker betonen immer wieder, dass es keine „100-prozentige Sicherheit“ geben könne. Haben sie Recht?

An dieser Stelle muss man sich fragen, wie die taktischen Angriffsszenarien aussehen. Einen Messerangriff wie vom vergangenen Sommer in Hamburg zu verhindern, ist etwa äußerst schwer. Ein Flugzeugabsturz in ein Atomkraftwerk dagegen ist nach 9/11 – mit verschiedenen Maßnahmen wie Air Marshalls – deutlich leichter zu verhindern. Dass jetzt bei vielen Festen Poller aufgebaut werden, hilft auch nur begrenzt. Viele Anschläge aus den letzten Jahren zeigen ja auch, dass hier nicht nur vorher geplante Feste angegriffen wurden, sondern auch einfach Innenstädte – wie in Nizza. Man kann jetzt aber nicht alle Innenstädte mit Pollern abriegeln. Man kann somit nie ausschließen, dass terroristische Anschläge verübt werden. Nach der terroristischen Logik, Angst und Schrecken in der Zivilbevölkerung zu verbreiten, sind auch etwa Schulen und Kitas potenzielle Anschlagsziele. Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt Tausende Kitas abgesichert werden, ist relativ gering. Zum einen aus bautechnischen oder organisatorischen Gründen. Zum anderen würde es dann politische Stimmen geben, die sagen, die Kinder sollten nicht verängstigt werden.

Ob Breitscheidplatz, Barcelona oder Nizza: Islamistische Terroristen haben bei diesen Auto-Anschlägen auf eine brutale Methode gesetzt, die das Al-Qaida-Magazin „Inspire“ schon 2010 propagiert hat. Zeichnen sich schon jetzt andere, für Europa unbekannte Anschlagsszenarien ab? Worauf müssen sich die Sicherheitsbehörden vorbereiten?

In diesen Magazinen gibt es Links zu Videos und Bildern, auf denen man sieht, wie man Polizisten angreifen kann. Das könnten auch europäische Polizisten sein. Dort wird gezeigt: Wo ist die Niere, wo ist die Leber, wo ist das Herz – und wie man da mit einem Messer reinkommt. Dort wird ziemlich detailliert erklärt, wie man einen Polizisten in eine dunkle Ecke lockt, wo man hinstechen muss und wie man dann an seine Dienstwaffe gelangt, um ihn zu erschießen. In „Inspire“ und dem IS-Magazin „Dabiq“ geht es jetzt um sogenannten Low-Level-Terrorismus. Wir reden nicht über 9/11, wir reden über Messer, von Autobahnbrücken auf Fahrzeuge geworfene Pflastersteine. Auch wird in den terroristischen Kreisen dazu aufgerufen, Lebensmittel zu verunreinigen – sowohl im Supermarkt oder wenn möglich sogar in den Produktionsstätten. Es gibt da zig Möglichkeiten, die jetzt kursieren. Der Fantasie sind da leider keine Grenzen gesetzt.

Stefan Goertz (39) lehrt und forscht an der Hochschule des Bundes/Fachbereich Bundespolizei. Sein Fokus: islamistischer Terrorismus, Radikalisierungsforschung und Salafismus.


Hintergrund: Vortrag an der Universität Potsdam

Stefan Goertz spricht am morgigen Donnerstag an der Universität Potsdam zum Thema „Operative Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus“. Die Veranstaltung wird von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung und dem Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) organisiert. Beginn der Veranstaltung ist um 12 Uhr am Campus Griebnitzsee, Haus 6, Raum H 06. Wie eine Sprecherin der Naumann-Stiftung den PNN sagte, sind jedoch keine Anmeldungen mehr möglich, der Hörsaal sei ausgebucht.

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