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  • 17.01.2018
  • von Jan Kixmüller

Klimawandel in Brandenburg: Drastischer Anstieg

von Jan Kixmüller

Land unter. In Brandenburg gab es in den vergangenen Jahren relativ häufig extreme Hochwasser, wie hier im Juni 2013 in Mühlberg an der Elbe. Nach einer aktuellen Studie aus Potsdam wird sich das Hochwasserrisiko in der Mark in den kommenden Jahren stark erhöhen. Foto: Bernd Settnik/dpa

Potsdamer Klimaforscher rechnen bis 2040 in Deutschland mit siebenmal mehr Betroffenen durch Hochwasser Brandenburg-Berlin dürfte von Überflutungen überdurchschnittlich getroffen werden. Schutzmaßnahmen sind demnach dringend notwendig.

Potsdam. Die Wassermassen, die am 29. Juni 2017 im Raum Berlin-Brandenburg herunterkamen, hatten auch altgediente Meteorologen überrascht: Zum Teil kamen Rekordmengen von bis zu 200 Litern Regen pro Quadratmeter im Tagesverlauf vom Himmel – mit entsprechenden Überschwemmungen als Folge. Solche bislang einzigartigen Ereignisse – wie auch die Elb- und Oderfluten der vergangenen Dekaden – könnten in Zukunft häufiger über das Land hereinbrechen. Das schreiben Potsdamer Forscher nun im Fachblatt „Science Advances“.

Deutschland besonders betroffen

Deutschland gehört zu den Regionen der Welt, in denen Hochwasserlagen aufgrund des Klimawandels demnach wesentlich häufiger werden dürften – und Brandenburg-Berlin könnte es dabei sogar noch etwas schlimmer treffen als den Bundesdurchschnitt. Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) kommen in der aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der potenziell von besonders starken Überflutungen betroffenen Menschen in Deutschland bis in die 2040er-Jahre auf rund 700 000 versiebenfachen werde – wenn keine Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden.

Für Brandenburg prognostizieren die Forscher sogar eine achtfach höhere Betroffenenzahl im Zeitraum 2035 bis 2044. Am stärksten betroffen sein dürften demnach aber Baden-Württemberg mit einem Anstieg um das Fünfzehnfache sowie Niedersachsen mit zwölfmal mehr Betroffenen.

Forscher waren überrascht über hohen Anpassungsbedarf

Darauf müsse nun mit entsprechenden Maßnahmen reagiert werden. „Wir waren überrascht, dass selbst in hoch entwickelten Ländern mit guter Infrastruktur der Anpassungsbedarf so groß ist“, erklärte der Co-Autor der Studie, Anders Levermann vom PIK. Erhebliche Investitionen in den Hochwasserschutz seien notwendig, sonst werde sich die Zahl der flutgefährdeten Menschen in den kommenden 25 Jahren drastisch erhöhen. „Ohne Gegenmaßnahmen wären viele Millionen Menschen von schweren Überschwemmungen bedroht“, so die Klimaforscher. Deichausbau, Flussmanagement oder Siedlungsverlegungen seien in vielen Regionen daher dringend notwendig.

Am größten ist den Forschern zufolge der Anpassungsbedarf in den USA, in Teilen Indiens und Afrikas, in Indonesien und in Mitteleuropa einschließlich Deutschland. Die Folgen von veränderten Niederschlägen durch den Klimawandel wurden von den Wissenschaftlern durch Computersimulationen in allen Teilen der Welt berechnet, bis hinunter zu einzelnen Regionen und Städten. „Die Ergebnisse sollten eine Warnung für die Entscheidungsträger sein“, sagte PIK-Forscher Levermann. Und weiter: „Wenn wir das Thema ignorieren, werden die Folgen verheerend. Wir müssen jetzt beides tun: Anpassung an den bereits verursachten Klimawandel und Begrenzung zukünftiger Erwärmung. Nichtstun wäre gefährlich.“

In Europa ist den Ergebnissen nach die Anpassung in einem Band entlang der Ostsee, Schweden, Polen und Deutschland umfassend, am dringendsten notwendig. In Deutschland seien die Folgen am stärksten im Norden zu spüren. Hier wie auch in Polen seien erhebliche Maßnahmen an den Küsten notwendig, um ein starkes Flutrisiko zu minimieren. In Frankreich sind vor allem Gegenden entlang der Flüsse Rhone, Loire und Seine betroffen.

USA muss Schutzniveau besonders erhöhen

In den USA ist die Lage noch drastischer: „Mehr als die Hälfte der USA müssen ihr Schutzniveau innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte mindestens verdoppeln, wenn sie einen dramatischen Anstieg der Hochwasserrisiken vermeiden wollen“, erklärte der Leit-Autor Sven Willner vom PIK. Zusätzliche Anpassungsmaßnahmen wie Deichausbau, verbessertes Flussmanagement, Veränderung von Baustandards oder Verlagerung von Siedlungen seien dringend nötig. Sonst würde sich die Zahl der Menschen, die von den stärksten zehn Prozent der Hochwasserereignisse betroffen sind, in Nordamerika sogar auf eine Million verzehnfachen.

Gemessen an den Einwohnerzahlen geht das Thema in anderen Regionen der Welt aber noch viel mehr Menschen an. In Südamerika könnte demnach die Zahl der von Hochwasserrisiken betroffenen Menschen von sechs auf zwölf Millionen steigen, in Afrika von 25 auf 34 Millionen und in Asien von 70 auf 156 Millionen – und das ohne Einberechnung des möglichen Bevölkerungswachstums bis 2040.

Die Untersuchung basiert auf Computersimulationen, bei denen vorhandene Daten zu Flüssen aus einer Vielzahl von Quellen verwendet werden. Daten über Veränderungen von Niederschlägen, Verdunstung und Wasserkreisläufen stammen aus dem weltweit größten Projekt zum Vergleich von Modellen zur Klimawirkung (Isimip), koordiniert von Katja Frieler am PIK. Die räumliche Auflösung der neuen Studie ist etwa zehnmal höher als bei gängigen Computersimulationen des Klimas.

Ursache für die Zunahme der Hochwasserrisiken in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten ist nach Ansicht der Wissenschaftler die Menge der bereits emittierten Treibhausgase. Das ist dann auch die schlechte Nachricht: Die Entwicklung in diesem Zeitraum hängt demnach also nicht davon ab, ob die globale Erwärmung weiter begrenzt werde, sondern von dem Schaden, der derzeit bereits angerichtet ist. Was allerdings kein Freibrief für die Zukunft sei: „Wenn wir die vom Menschen verursachte Erwärmung nicht auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzen, dann werden bis zum Ende unseres Jahrhunderts die Hochwasserrisiken vielerorts in einem solchen Maße ansteigen, dass Anpassung schwierig wird“, erklärt Levermann.

Brandenburg investiert 2018 rund 40 Millionen Euro in den Hochwasserschutz

In Brandenburg ist das Thema Anpassung mittlerweile angekommen. Allein in diesem Jahr will das Bundesland rund 40 Millionen Euro für den Hochwasserschutz ausgeben. Im Vergleich zu 2017 sei die Summe um zehn Millionen Euro angehoben worden, so das Umweltministerium. Das Geld sei für die Erweiterung von Deichen oder den Neubau von Hochwasserschutzanlagen geplant. Aus dem Topf des nationalen Hochwasserschutzprogramms – finanziert von Bund und den Ländern nach dem verheerenden Elbehochwasser von 2013 – erhalte das Land 2,2 Millionen Euro. Erst im Dezember war im kleinen Ort Breese (Prignitz) ein 850 Meter langes Teilstück eines neuen Deiches übergeben worden. Ein neuer Deich bei Schwedt/Oder (Uckermark) soll die Menschen der Region künftig besser vor extremem Hochwasser schützen.

Doch Hochwasserschutz ist immer auch eine Frage der Methoden. „Flüsse haben zu wenig Raum und das Wasser wird durch sie wie durch Kanäle gelenkt“, erklärte Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland beim World Wildlife Found (WWF), zu der Studie. Flüssen müsse wieder mehr Raum gegeben werden. „Das bedeutet, ursprüngliche Überflutungsgebiete wiederherzustellen, Auen zu renaturieren und Flussbegradigungen zurückzunehmen.“ Es sei höchste Zeit für mehr ökologischen Hochwasserschutz.

PIK-Forscher Anders Levermann erinnerte zudem daran, dass die Zeit für Anpassungsmaßnahmen dränge. „Wenn wir jetzt handeln, können wir uns gegen die Risiken der nächsten zwei Jahrzehnte absichern.“ Um Veränderungen zu vermeiden, die unsere Anpassungsfähigkeiten übersteigen, sei eine Abkehr von fossilen Brennstoffen unumgänglich. „Solange wir Kohle, Gas und Öl verbrennen, steigt die Temperatur unseres Planeten und die Gefahr nimmt zu.“

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