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  • 03.01.2018
  • von Corinna Micha

Bücher statt Wurst

von Corinna Micha

Neu und Alt. Die Philologin Stefanie Müller vom Viktoriagarten. Foto: Corinna Micha

Uni-Absolventin Stefanie Müller gründete 2011 gemeinsam mit einer Freundin den Buchladen „Viktoriagarten“ in Potsdam-West

Mehr als 20 000 junge Menschen studieren an der Universität Potsdam. Was einige von ihnen nach dem Abschluss machen, stellen die PNN in einer Serie in Kooperation mit der Universität vor.

Ein gutes Buch? Immer gerne. Aber gleich eine ganze Buchhandlung? Das war eigentlich nicht der Plan von Stefanie Müller. Von 2001 bis 2011 hatte sie in Potsdam Italienische Philologie, Anglistik und Soziologie studiert, sich nebenbei in verschiedenen Verlagen verdient gemacht. Dabei hatte die heute 35-Jährige auch erkannt, dass die Verlagsbranche ein hartes Geschäft ist. „Ich wusste, dass nach dem Studienende ein schlecht bezahltes Volontariat nach dem anderen auf mich wartet.“ Eine berufliche Alternative entdeckt sie beim Rundgang durch ihren Stadtteil Potsdam West. Seit zwei Jahren stand dort ein Ladenlokal leer. Die Sprachwissenschaftlerin sagte sich, dass das Viertel einen Buchladen doch dringend brauchen könnte.

Müller erinnert sich damals an eine Bekannte die von einer eignen Buchhandlung träumte. „Ich wusste: Wenn, dann nur hier. Wenn, dann nur mit ihr“, so Müller. Andrea Schneider brachte als gelernte Buchhändlerin Praxiserfahrung mit, die Potsdamer Alumna steuerte den Wagemut bei: „Zu dem Zeitpunkt hatte ich ja nichts zu verlieren, weil ich nicht wusste, was ich nach dem Magister machen soll.“ Müller hatte zwar bereits zwei Jahre in einem Buchladen gejobbt, aber die unternehmerische Verantwortung war für beide Gründerinnen Neuland. „Business-Plan erstellen, Fördergelder beantragen, Verträge aufsetzen – das war alles neu für mich. Aber ich fand es interessant und es ist auch etwas, in das man gut reinwachsen kann“, erinnert sich Müller.

Im Juni 2011 gibt die Potsdamerin ihre Magisterarbeit ab, im November öffnet der Laden. Die Gründerinnen hängen ein Banner in die Schaufenster: „Bücher statt Wurst“, in Anspielung auf die Fleischerei, die den Laden vor dem Leerstand genutzt hatte. Mit der Namensgebung setzen sie einen Kontrapunkt zu den Wurstwaren: „Viktoriagarten“ erinnert an einen ehemaligen Kulturort in Potsdam-West, der jetzt brachliegt. „Wir wollten etwas Neues schaffen, das an das Alte erinnert“, erklärt Stefanie Müller.

Mit ihrer Geschäftspartnerin plant sie eine typische Kiezbuchhandlung, die sich an den Interessen der Nachbarn orientiert. Das ist schwer genug: Zahlreiche Kinder leben in dem Viertel, aber auch die Bewohner des naheliegenden Altenheims kommen vorbei. Darüber hinaus beheimatet Potsdam-West viele Kreative, die ihre eigenen Werke in der Auslage sehen wollen. Am Anfang sei das oft ein Spagat gewesen, berichtet die Geschäftsführerin. Inzwischen weiß sie, was sie sich zutrauen kann und was bei den Kunden ankommt. Sie besucht Büchermessen, überprüft regelmäßig die Verlagsprogramme und sucht das Fachgespräch mit Autoren und Vertrieblern: „Dass wir dieses handverlesene Sortiment immer wieder neu zusammenstellen können, ist das größte Glück meines Jobs.“

Das empfinden auch die Kunden so. Von Anfang an wird der Laden gut angenommen, die Gründerinnen können schnell Unterstützung einstellen. Fünf Frauen arbeiten inzwischen im Viktoriagarten. „Fünf Mütter mit 13 Kindern“, lacht Müller. Sie selbst hat ihr zweites Kind einen Monat nach der Ladeneröffnung bekommen. Selbstständigkeit und Familie geht in ihrem Fall besonders gut zusammen, findet sie: „Wir alle kennen den Fall, dass mal ein Kind krank wird und man kurzfristig ausfällt. Dann springt eben eine andere ein.“

Sechs Jahre nach seiner Gründung ist die Buchhandlung ein fester Bestandteil des Kiezlebens geworden. „Nachmittags ist Rush-Hour“, sagt die Inhaberin. Dann treffen sich die Erwachsenen in der Café-Ecke, die Kinder durchstöbern das große Sortiment für den Nachwuchs. „Hier darf angeschaut und gelesen werden“, ist das Credo der Gründerinnen, die den wertvollen Verkaufsplatz mit zahlreichen Sitzgelegenheiten ausgestattet haben. Hin und wieder komme es sogar vor, dass die Kleinen im Laden ganze Geschichten verschlingen. Die Romanistin sieht das entspannt: „Hauptsache, die Kinder lesen. Der Laden läuft so gut, dass wir auch mal ein Eselsohr verkraften können.“

Nicht nur die Kunden belohnen die offene Haltung der Gründerinnen: Im September 2017 wurde der Laden mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet. Rund 500 Literaturläden hatten sich beworben, ein Fünftel darf sich jetzt mit dem begehrten Siegel der „hervorragenden Buchhandlung“ schmücken. Gelobt wurden das kulturelle Angebot, das Sortiment und die Leseförderung, für die sich die Viktoriagärtnerinnen engagieren. Mit der Ehre verbunden sind 7000 Euro Preisgeld. Damit soll endlich ein richtiges Schild für den Laden angefertigt werden, der die Klebefolie ersetzt. Und der Rest? Da muss Müller nicht lange überlegen: „Dafür kaufen wir natürlich Bücher.“ Corinna Micha

Stefanie Müller hat an der Universität Potsdam von 2001 bis 2011 Italienische Philologie, Anglistik/Amerikanistik und Soziologie studiert

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