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  • 20.12.2017
  • von Richard Rabensaat

Wissenschaft in Potsdam: Mit Big Data die Medizin revolutionieren

von Richard Rabensaat

Spitzenforscher. Erwin Böttinger ist Professor und Chair für Digital Health and Personalized Medicine an der gemeinsamen Digital Engineering Fakultät der Hasso-Plattner-Institut (HPI) gGmbH und der Universität Potsdam sowie Gründungsdirektor des HPI Digital Health Centers. Er gilt als internationaler Experte für Personalisierte Medizin und Digital Health. Foto: Kay Herschelmann

Der renommierte Gesundheitsforscher Erwin Böttinger hat an der Fakultät für Digital Engineering der Uni seine Arbeit begonnen und leitet nun auch das Digital Health Center.

Potsdam - Was mittlerweile als Big Data die Grundlage des rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs von Unternehmen wie Facebook und Google geworden ist, hält nun auch in der Gesundheitswirtschaft Einzug. Heute bereits lassen sich auch in diesem Bereich tiefgreifende Änderungen erkennen. „Als das erste Genom sequenziert wurde, kostete das mehrere Millionen Dollar, heute ist es mit wenigen hundert Dollars möglich“, erklärt Erwin Böttinger, Gründungsdirektor des kürzlich eröffneten Digital Health Centers an der Digital Engineering Fakultät der Universität Potsdam. Mit Hilfe der sequenzierten Gene lasse sich nachweisen, wie und wo möglicherweise Gefahren für die Gesundheit des Patienten drohen, erklärte der Professor den Nutzen für sein Fachgebiet.

Der Mensch von Kopf bis Fuß durchleuchtet

Der Oberbegriff, unter den Böttinger seine Forschungstätigkeit stellt, ist „Personalisierte Medizin“  – die richtige Behandlung für jeden einzelnen Patienten. Es gehe um einen umfassenden Gesundheitsbegriff, der künftig im wesentlichen auf Daten basiere, so Böttinger. Der Mensch werde von Kopf bis Fuß durchleuchtet.

Die Gesundheitsparameter könnten in Zukunft mit immer genaueren und ständig verfügbaren Messgeräten ausgewertet werden. Die Möglichkeiten seien vielfach, so der Mediziner: das Messband am Arm, Untersuchungsinstrumente für Blutdruck, Stressparameter und Körpertemperatur seien allzeit verfügbar. Die unmittelbare Verbindung zum Arzt sei jederzeit über eine App oder das Internet am PC herstellbar. Die Auswertung und Speicherung aller Parameter geschehe über eine Cloud, in der sämtliche Daten gespeichert würden.

Potsdam will zum Zentrum fpür digitale Medizin werden

Die Universität Potsdam will mit dem Digital Health Centers zu einem Zentrum der digitalen Medizin werden. Dazu soll auch ein Studiengang Digital Health etabliert werden. Ziel ist eine internationale Spitzenposition in der Entwicklung von Digital Health – der datenbasierten Medizin – zu erreichen. „Zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) und den Gesundheitsunternehmen in der Region können wir in Potsdam einen internationalen gesundheitswissenschaftlichen Schwerpunkt aufbauen“, erklärt der Präsident der Universität Potsdam, Oliver Günther, vergangene Woche zur Antrittsvorlesung Böttingers.

Erwin Böttinger war in diesem Sommer vom Berlin Institute of Health (BIH) einem Ruf an die Potsdamer Universität gefolgt. Er ist der erste von mehreren Lehrkräften, die künftig im Bereich Digital Health unterrichten sollen. Zwei weitere Berufungsverfahren laufen gegenwärtig. Angesiedelt an der Digital Engineering Fakultät, soll im Fachbereich modernste Datenanalyse mit technologisierter High-End-Medizin verbunden werden. Insgesamt soll der Fachbereich Digital Engineering bis zu 40 Lehrkräfte umfassen. 2018 soll die Sparte Digital Health mit Böttinger an der Spitze starten.

Der Mediziner Böttinger hat mehrere Jahrzehnte in den USA gearbeitet und sich schon früh auf die Verschränkung von Daten und Medizin spezialisiert. Beim Mount Sinai Health Center in New York hat er als einer der ersten eine groß angelegte Sammlung von mehr als 40 000 Patientendaten vorgenommen, um aus deren systematischer Auswertung Rückschlüsse auf den Verlauf von Krankheiten und möglichen Risiken zu ziehen. Wobei Erwin Böttinger betont, dass dies nur mit der ausdrücklichen schriftlichen Zustimmung der Patienten möglich sei.

Böttinger ist sich sicher, dass Telemedizin, also der Dialog mit dem entfernten Arzt über den Bildschirm, in Zukunft stark wachsen werde. Dazu zähle auch die Übermittlung der Patientendaten aus einer Region, in der es keine niedergelassenen Ärzte mehr gibt, an ein fernes Medizincenter. An dieser Entwicklung könne die Universität Potsdam nun ihren Anteil haben. Deshalb setze man hier nun einen Forschungsschwerpunkt.

Die Analyse großer Datenvolumen revolutioniert Wissenschaft und Industrie

Auch Uni-Präsident Günther unterstreicht die zunehmende Bedeutung der Datenauswertung und der Informatik für die Medizin: „Früher waren Informatiker einmal als Rechenknechte verschrien. Heute ist klar, dass die Analyse von großen Datenvolumen die Wissenschaft und die Industrie revolutioniert“, stellt der Wirtschaftsinformatiker fest. Den meisten Großunternehmen sei bewusst, dass Wachstumschancen gegenwärtig im Bereich von Big Data liegen würden und es daher gälte, entsprechende Fachleute zu fördern.

Die Professur Böttingers und auch der Aufbau des Fachbereiches will Uni-Chef Günther mit Unterstützung der Privatwirtschaft vorantreiben. „Es war gar nicht so einfach, eine Lücke im Gesetz zu finden, die es für eine öffentlich-rechtliche Universität möglich macht, gemeinsam mit einem privatwirtschaftlichen Unternehmen eine Professur einzurichten“, stellt Günther fest. Die Digital-Fakultät wird komplett durch die private Hasso-Plattner-Stiftung finanziert.

Obwohl die Durchführung von Forschungsprojekten in der Wissenschaft schon seit etlichen Jahren von Drittmittelförderungen abhängig ist, sei eine direkte Zusammenarbeit bei der Berufung von Professoren doch ungewöhnlich. Die Universität wolle mit Böttinger die Zusammenarbeit mit den gesundheitswirtschaftlichen Unternehmen der Region und den Krankenkassen stärken. So könnte sich die Region Brandenburg im Bereich der Gesundheitsforschung profilieren. Hier strebt die Hochschule aktuell mit weiteren Brandenburger Hochschulen auch eine gemeinsame gesundheitswissenschaftliche Fakultät an.

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