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  • 22.11.2017
  • von Jan Kixmüller

Potsdamer Kongresspreis 2017: Tauwetter und urbane Gefühle

von Jan Kixmüller

Gemustert. Der Permafrostboden im LenaDelta aus der Luft gesehen. Foto: T. Sachs, AWI

Die Potsdamer Kongresspreise 2017 gingen an Veranstaltungen, die auf modernen Forschungsfeldern und mit innovativen Formaten die Stadt als internationalen Wissenschaftsstandort profilieren.

Potsdam - Eigentlich kein Thema zum Jubeln: Der Klimawandel lässt in arktischen Regionen den eigentlich dauerhaft gefrorenen Boden auftauen – mit drastischen Konsequenzen für Mensch und Natur. Doch mit dem eher unglamourösen und besorgniserregenden Thema hat sich das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) nun Lorbeeren verdient. Am Dienstagabend wurde den Veranstaltern der „XI. International Conference on Permafrost“ (zusammen mit der UP Transfer GmbH) der Potsdamer Kongresspreis in der Kategorie „Einzelveranstaltung“ verliehen (Preis der Dehoga Brandenburg). Zu der Konferenz waren im Juni 2016 knapp 740 Wissenschaftler aus 31 Ländern nach Potsdam gekommen – und hatten Alarm geschlagen. Das Tauwetter im Permafrost sei eine große Gefährdung für die Polarregion, so ihr Urteil.

Im Mittelpunkt stand die Stadt Potsdam

Die Konferenz hatte die Jury des Kongresspreises überzeugt, weil es den Organisatoren gelungen war, die internationale Veranstaltung erstmals nach Deutschland zu holen. Die große Anzahl der Teilnehmer habe sich davon überzeugen können, dass Potsdam nicht nur ein zentraler Ort für Wissenschaft ist, sondern darüber hinaus eine Stadt mit hoher Attraktivität für Bewohner und Touristen, heißt es in der Begründung der Jury. Vorab war die Tagung mit einem Konferenz-Trailer beworben worden, in dessen Mittelpunkt die Stadt Potsdam stand.

In der Arktis sind die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren

Die arktischen Permafrostgebiete gehören zu jenen Regionen der Welt, in denen die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zu spüren sind. Durch das Auftauen der seit Jahrhunderten dauerhaft gefrorenen Böden entstehen riesige Gebiete mit Wasserflächen, die unter anderem für Weidehaltung nicht mehr nutzbar sind. Zudem droht durch das Tauwetter auch eine Verstärkung des Treibhauseffektes, weil klimaschädliches Methan dabei aus den Böden freigesetzt wird beziehungsweise entsteht. In den betroffenen Gebieten muss nun nicht nur die Bautechnik von Häuser angepasst werden, um eine langfristige Standfestigkeit zu sichern. In küstennahen Regionen, deren Küstenlinien zunehmend erodieren oder abgetragen werden, werden Umsiedlungen von Ortschaften nötig. Diese komplexe Umbruchsituation wurde in Potsdam von den Experten erörtert – und für die Zukunft Lösungsstrategien entwickelt.

Die Preisträger für den Kongresspreis 2017 wurde aus 16 Bewerbungen in drei Kategorien ermittelt, hinzu kommt ein Sonderpreis für die beste interdisziplinäre Ausrichtung. Bewertungskriterien für den Kongresspreis waren Internationalität, Organisation, neue Formate und die wirtschaftliche Relevanz für die gesamte Region. Auch berücksichtigte die Jury, welche Impulse von Potsdamer Tagungen in die Forschung fließen, welches Rahmenprogramm geboten und ob auf Gleichstellung beziehungsweise Integration geachtet wurde. Die Auszeichnung ist für alle drei Kategorien und den Sonderpreis mit je 1000 Euro dotiert.

Konferenz zur Cybersicherheit als Beitrag für den Digital-Hub-Verbund mit Berlin

In der Kategorie „Regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen“ (Preis der Erfa-Gruppe) hat es diesmal die „5. Potsdamer Konferenz für Nationale CyberSicherheit“ vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) geschafft. Die Veranstalter erhielten den Preis, weil die Konferenz durch die hohe Aktualität des Themas, renommierte Teilnehmer, den interdisziplinären Ansatz, eine besondere Imagewirkung für Potsdam und eine starke überregionale Presseresonanz die Jury überzeugt hat. Rund 250 „herausragende Vertreter“ aus Sicherheitsbehörden des Bundes, der deutschen Industrie, der Politik und von Spitzenverbänden diskutierten im Mai 2017 am HPI den Stand der Sicherheitslage im Cyber-Bereich. Berücksichtigt wurden dabei Erkenntnisse aus der IT-Forschung, den Politik- und Medienwissenschaften sowie Studien internationaler Beziehungen. Zudem habe die Plattform mit dazu beigetragen, Potsdam im Verbund mit Berlin als Digital Hub weiter zu profilieren, so die Jury.

Wie Gefühle die Stadtentwicklung dynamisieren

Als innovative beziehungsweise außergewöhnliche Veranstaltung (Preis der Stadt Potsdam) wurde eine Tagung der „Potsdamer Netzwerkstatt 2016 – Urbane Komplexität – Emotionen“ der Universität Potsdam (zusammen mit der UP Transfer GmbH) ausgezeichnet. Die Jury bewertete als positiv, dass die Konferenz zu Emotionen in der Stadt nicht nur ein hochaktuelles, innovatives Thema zum Gegenstand hatte, sondern auch durch ein abwechslungsreiches Netzwerkstatt-Design überzeugte. Dies habe einen offenen und kreativen Dialog zwischen Praktikern und Theoretikern ermöglicht, in dem für konkrete Probleme in der Praxis im Rahmen der Konferenz Lösungsansätze entwickelt wurden. Wichtig war den Juroren auch, dass das Qualitätsmanagement durch Feedback-Runden zum Ende der Veranstaltung gesichert wurde. Urbane Komplexität entsteht zu einem guten Teil durch offene und versteckte Emotionen – so die These der Forscher. Es seien Gefühle, die die Stadtentwicklung dynamisieren würden. Den von dem Forschungsnetzwerk pearls gestiftete Sonderpreis für die beste interdisziplinäre Ausrichtung erhielten die Veranstalter des Symposiums zu „Type 2 diabetes in African populations under transition – The State of Art“ vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DlfE).

Die feierliche Preisverleihung fand im Hotel Bayrisches Haus statt, Anna Luise Kiss, Vizepräsidentin für Forschung und Transfer der Filmuniversität Babelsberg, moderierte. Der Wettbewerb findet zum sechsten Mal statt. Der Kongresspreis ist eine gemeinsame Veranstaltung des Vereins proWissen Potsdam und der Erfa-Gruppe der Potsdamer Premiumhotels. Kooperationspartner sind die Landeshauptstadt Potsdam, der Dehoga Brandenburg e. V. und die Stiftung pearls – Potsdam Research Network.

Potsdam biete kulturelles Ambiente, jungen Forschergeist und Lebensart

„Potsdam profiliert sich als internationale Plattform für moderne Forschungsfelder mit innovativen Formaten und lockt damit hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Stadt“, so das Fazit der Jurysprecherin Silke Engel von der Universität Potsdam. Moderne, interdisziplinäre Ansätze würden so entstehen, mit denen die Landeshauptstadt den dynamischen und kreativen Diskurs in der Wissenschaft aktiv fördere. „Als Gastgeber bringt Potsdam in idealer Weise kulturelles Ambiente, jungen Forschergeist und Lebensart zusammen“, so Engel.

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Der Autor ist verantwortlicher Redakteur für Wissenschaft und Hochschule der PNN und war Mitglied der Jury des diesjährigen Kongresspreises

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