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  • 10.11.2017
  • von Jan Kixmüller und Susanne Ehlerding

Wissenschaft fordert mehr Klimaschutz: Mit Klimaschutz Wohlstand sichern

von Jan Kixmüller und Susanne Ehlerding

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Hans Joachim Schellnhuber. Foto: Thilo Rückeis

Potsdamer Wissenschaftler beteiligen sich zum Weltklimagipfel in Bonn an einem Appell an die Politik: Deutschland droht der Verlust der Vorreiterrolle im Klimaschutz. Das Thema sollte von einer neuen Regierungskoalition sehr ernst genommen werden.

Berlin/Potsdam - Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, hat angesichts der Sondierungsgespräche der Parteien zur Regierungsbildung die Politik aufgefordert, den Klimaschutz nicht weiter zu verschleppen. Das Zwei-Grad- Ziel von Paris einzuhalten sei entscheidend für die Zukunft der menschlichen Zivilisation, sagte Schellnhuber am Donnerstag in Berlin bei einer Stellungnahme des Deutschen Klima Konsortiums (DKK) zur UN-Klimakonferenz in Bonn. Mit der deutschen Klimapolitik ging Schellnhuber hart ins Gericht. Die Politik reagiere heute auf das Problem des Klimawandels mit Versprechen, die dann verschleppt würden, um sie schließlich aufzugeben, weil es zu spät sei. Die Politik wolle in der Gegenwart niemandem wehtun: „Aber wer heute niemandem wehtun will, wird morgen allen schaden.“

Arbeitsplätze in der Braunkohle in Zukunftsbranchen umschulen

Deutschland drohe derzeit auch der Verlust der Vorreiterrolle im Klimaschutz: „Wenn nicht Deutschland mit seinem Potenzial Vorreiter ist, wer dann?“, fragte der Physiker. Zum Kohleausstieg sagte er, dass die rund 12 000 Arbeitsplätze in der Braunkohle in Zukunftsbranchen umgeschult werden müssten. Dies sei angesichts der allein für 2018 erwarteten 600 000 neue Arbeitsplätzen möglich. „Es ist eine freche Lüge, wenn heute noch behauptet wird, dass Deutschland zur Einhaltung seiner Klimaziele deindustrialisiert werden müsse“, so der Forscher.

In der Stellungnahme bezeichnen die Forscher die deutsche Politik als viel zu mutlos, um entschlossen gegen den Klimawandel vorzugehen. „Der Zug in die postfossile Welt hat sich längst in Bewegung gesetzt.“ Eigentlich müsste der Kohleausstieg bei den Sondierungsgesprächen der Parteien zur Regierungsbildung kein Streitthema sein, so Schellnhuber. „Ein Fahrplan für einen sozialverträglichen Kohleausstieg, der die Wirtschaft nicht gefährdet, liegt auf dem Tisch“, sagte er mit dem Hinweis auf ein Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung. Schellnhubers Botschaft: „Klimaschutz sichert langfristig den Wohlstand, weil er Arbeitsplätze schafft und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert.“ Wenn man Klimapolitik ernst nehme, müsse man aber auch an den Verkehrssektor ran. „Da geht es um Wählerstimmen und heilige Kühe“, sagte Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft Kiel, der einen globalen Umbau des gesamten Wirtschaftssystems angesichts des Klimawandels für nötig hält.

Ein Planetenpass für Klimaflüchtlinge

Klimaschutz ist nach Ansicht der Forscher ein Instrument, um auch die Fluchtursachen auf der Welt zu bekämpfen. Klimawandel und Migration hängen demnach eng miteinenader zusammen. So war eine langjährige Dürre in Syrien der Grund für eine massive Landflucht und Nährboden für die Proteste gegen Baschar al Assad, wie eine Studie der Universität von Kalifornien zeigte.
Um den Klimaflüchtlingen zu helfen, fordert Schellnhuber einen „Planetenpass“ nach dem Vorbild des Nansen-Passes des Völkerbundes aus den 1920er-Jahren. Der Nansen-Pass wurde vom Völkerbund für die staatenlos gewordenen Flüchtlinge eingeführt, die Russland nach der Oktoberrevolution verlassen hatten. So könnten heute auch Fluchtbewegungen gelenkt werden, die der Klimawandel verursacht. „Wer den Zugang zu seinem Heimatland verliert, sollte Zugang zu anderen Nationen erhalten“, so Schellnhuber. Bereits jetzt, bei einer Erwärmung von rund einem Grad seit Beginn der Industrialisierung sei eine weltweite Zunahme an Migration zu beobachten. Die Hauptverursacher des Klimawandels müssten den Menschen die Grenzen öffnen, die ihre Heimat verlieren, beispielsweise wenn die Inselstaaten durch den steigenden Meeresspiegel überflutet werden. Bereits bei zwei Grad Erwärmung müssten sich hunderte Millionen Menschen auf der Erde örtlich umorientieren „Da führt kein Weg dran vorbei.“

Beispielsweise sei zu erwarten, dass nach den Zerstörungen von Hurrikan „Maria“ in diesem Jahr bis zu einer Million Puerto-Ricaner versuchen, nun nach Florida auszuwandern. Der Tropensturm der Kategorie 4-5 habe in wenigen Stunden 21 Prozent des Bruttoinlandsproduktes vernichtet, 10 bis 12 Jahre Entwicklung seien über Nacht zunichte gemacht worden. Die zunehmende Migration werde auch zu mehr politischen Spannungen führen. Eine Studie des PIK lasse einen Anstieg bewaffneter Konflikte in ethnisch aufgespaltenen Gesellschaften befürchten, so Schellnhuber.

Langfristig drohe ein Meeresspiegelanstieg von bis zu 70 Metern

Ohne Klimaschutz drohe die globale Temperatur bis 2500 um acht Grad zu steigen. Doch selbst bei Einhaltung des Pariser 2-Grad-Ziels erwarte die Menschheit eine völlig andere Welt. Langfristig würden wesentliche Bereiche im Klimasystem umzukippen drohen, was beispielsweise das Abschmelzen des Grönlandeises oder der Verlust des tropischen Korallenriffe zur Folge hätte. Wenn Paris nicht umgesetzt werde, würde das Klima ein hochriskantes Stadium kommen, bis hin zum langfristigen Abschmelzen des antarktischen Eises mit einem Meeresspiegelanstieg 50 bis 70 Metern. „Die zwei Grad sollten wir unbedingt ernst nehmen“, sagte der Potsdamer Experte Schellnhuber.

Derweil hatte es am Donnerstag bei den Jamaika-Verhandlungen zur Regierungsbildung  Bewegung in der Verkehrspolitik gegeben. Union, FDP und Grüne verständigten sich darauf, dass die Mittel für Straßen des Bundes, Schienen und Wasserwege mindestens auf dem Niveau der vergangenen Jahre bleiben müssten, wie Teilnehmer Reuters sagten. Zudem solle der öffentliche Nahverkehr gestärkt und das Geld für die Kommunen bis Ende der Wahlperiode verdoppelt werden.

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