25.11.2017, 6°C
  • 08.11.2017
  • von Michael Burkart

Botanischer Garten der Uni Potsdam: Efeu: Nutznießer des Klimawandels

von Michael Burkart

Spätes Semester. Efeu ist im Winter noch belaubt und blüht auch im November. Foto: MB

Die allermeisten bei uns heimischen Pflanzen blühen im Frühling und fruchten im Herbst. Über Winter ruhen sie ohne Blätter und treiben im Frühjahr wieder aus. Der Efeu verhält sich jedoch ganz anders.

Im Botanischen Garten der Uni Potsdam wachsen exotische und heimische Pflanzen. In den PNN stellt Kustos Michael Burkart jeden Monat eine von ihnen vor.

Die allermeisten bei uns heimischen Pflanzen blühen im Frühling und fruchten im Herbst. Über Winter ruhen sie ohne Blätter und treiben im Frühjahr wieder aus. Der im Wald, aber auch auf Friedhöfen häufige Efeu (Hedera helix) verhält sich jedoch ganz anders. Auch im Winter belaubt, ist er einer der spätesten Blüher; noch jetzt im November kann man blühende Pflanzen sehen, jedenfalls bei einem so milden Herbst wie in diesem Jahr. Die schwarzen, fleischigen Früchte dienen dann ab Januar oder Februar als Futter für Amseln und andere Vögel.

Mit seinem für unsere Breiten ungewöhnlichen Lebenszyklus ist der Efeu empfindlich gegen Winterkälte. Er zeigt so auch seine Herkunft an, nämlich immergrüne subtropische Wälder, wie sie bis vor einigen Millionen Jahren auch in Europa wuchsen. Der Efeu ist also ein Relikt einer wärmeren Epoche; fast alle seine Verwandten der Araliengewächse sind subtropisch-tropisch verbreitet.

In einer Periode klimatischer Erwärmung würde man daher mit einer Ausbreitung des Efeus rechnen. Und genau das ist auch zu beobachten. Er hat in vielen Wäldern in Deutschland über die letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen. Neben der Klimaerwärmung spielen dabei offenbar auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die unabsichtliche flächendeckende Stickstoffdüngung aus Autoabgasen und Massenviehhaltung sowie der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Luft. Dieser ist von 280 ppm aus vorindustriellen Zeiten bereits auf über 400 ppm angestiegen (100 ppm entspricht 0,01 Prozent), also eine Zunahme um mehr als ein Drittel – bekanntlich eine der wesentlichen Ursachen der globalen Erwärmung. Die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft spielt für das Pflanzenwachstum direkt meist nur eine erstaunlich geringe Rolle, obwohl es unmittelbar für die Photosynthese benötigt wird. Andere Faktoren, vor allem Wasserknappheit, bremsen den Düngereffekt des üppigen Kohlendioxidangebots nämlich stark ab. Bloß im tiefen Schatten von Wäldern oder Friedhöfen ist das anders, eben da, wo der Efeu wächst.

Von einem moralischen Standpunkt betrachtet ist es allerdings nicht so bedeutsam, ob der Efeu direkt vom Kohlendioxid-Anstieg profitiert oder indirekt von den dadurch bewirkten milderen Wintern – seine vielerorts sichtbare Zunahme sollte uns allen Mahnung sein, den globalen Temperaturanstieg zu begrenzen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Die Delegierten auf der Klimakonferenz in Bonn tragen hier gerade eine große Verantwortung.

Bekanntlich ist aber schon jetzt zu viel Kohlendioxid in der Luft, um das 2-Grad-Ziel von Paris noch einhalten zu können – und es wird täglich mehr. Das muss verstanden und die nötigen Konsequenzen daraus gezogen werden – damit über unsere Gräber dereinst friedliche Efeuranken wachsen und keine Meeresalgen. Michael Burkart

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