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  • 01.11.2017
  • von Katharina Golze

Potsdam: Rabbinerin in Potsdam: Ein weibliches Vorbild

von Katharina Golze

Vorbild sein. Alina Treiger bei ihrer Ordination 2010 in Berlin. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

Alina Treiger ist die erste Rabbinerin, die nach dem Holocaust in Deutschland ordiniert wurde. Studiert hat sie in Potsdam.

Potsdam - Mehr als 20 000 junge Menschen studieren an der Universität Potsdam. Was einige von ihnen nach dem Abschluss machen, stellen die PNN in einer Serie in Kooperation mit der Universität vor. Ihr klarer, lieblicher Gesang erfüllt die ganze Synagoge. Alina Treiger steht am Gebetstisch und liest aus der Tora, der Heiligen Schrift der Juden. Über ihren Schultern liegt der weiße Gebetsschal. Alina Treiger ist Rabbinerin. Im November 2010 wurde sie als erste Frau nach dem Holocaust in Deutschland ordiniert. Damit ist sie im deutschen Reformjudentum ein weibliches Vorbild. Wie wichtig ihre Stimme für jüdische Gemeinden weltweit ist, ist ihr am Abraham-Geiger-Kolleg Potsdam bewusst geworden.

Bereits in ihrer Heimatstadt Poltawa spielte das jüdische Gemeindeleben eine zentrale Rolle für die Ukrainerin. „Als Jugendliche war ich sehr aktiv in der Jugendbewegung und leitete auch eine Gruppe“, erinnert sich die heute 37-Jährige. Am Moskauer Institute of Progressive Judaism ließ sie sich zur Gemeindearbeiterin ausbilden und gründete nach ihrer Rückkehr die liberale Gemeinde „Beit Am“ in Poltawa. Von diesen Erfahrungen profitiert sie nun in Oldenburg und Delmenhorst, wo sie seit 2010 eigene Glaubensgemeinschaften betreut: „Ich weiß, wie man in einer kleinen Gemeinde die Menschen aktiviert und zusammenbringt. Dabei lege ich viel Wert auf eine aktive Jugendarbeit, denn die Jugend sichert die Zukunft der Gemeinde.“

Daher etablierte die Rabbinerin in Oldenburg eine Sonntagsschule für Kinder sowie für Jugendliche. Zusätzlich lädt sie den Nachwuchs zu Bar- und Bat-Mitzwa-Unterricht ein. „Teamarbeit bedeutet viel. Ich möchte den Kindern zeigen, dass vieles in ihren eigenen Händen liegt, so dass sie eine Gruppe gründen und Selbstinitiative ergreifen“, erklärt Alina Treiger. Dies gelingt unter anderem mit dem Projekt „Jewrovision“, bei dem die Jugendlichen für einen Gesangswettbewerb jüdischer Gemeinden proben und ein Lied schreiben. „Die ganze Gemeinde ist in den Wettbewerb involviert und fiebert mit“, sagt die Rabbinerin begeistert.

Doch Alina Treiger bringt nicht nur Kindern das Judentum näher. Vor dem Freitagsgottesdienst studiert sie mit Gemeindemitgliedern biblische Texte. Auch das Vorbeten auf Hebräisch und andere rituelle Abläufe des Gottesdienstes unterrichtet sie. „Oldenburg ist eine aktive Gemeinde, in der die Mitglieder vorbeten und der Rabbiner sich zurücksetzen kann“, erklärt sie. „Die Menschen kommen gern zum Lernen.“

Bis zum Januar 2017 gestaltete sie den Unterricht gemeinsam mit ihrem Ehemann Rabbiner Tobias Jona Simon. Ihre Konstellation war gleich zweifach einmalig: Oldenburg hatte als einzige Gemeinde in Deutschland zwei gleichberechtigte Rabbiner. Zudem sind sie das einzige Rabbinerpaar, bei dem beide Partner Gemeinden betreuen. „Die Trennung von Familie und Beruf mussten wir erst einmal lernen“, erinnert sich die Rabbinerin. Sie erzählt von den rabbinischen Diskussionen, die sie auch zuhause führen können. Sie seien einander gute Ratgeber, gerade weil jeder verschiedene Erfahrungen in seinen Projekten macht. Tobias Jona Simon ist für fünf weitere Gemeinden in Niedersachsen zuständig und hat einen Lehrauftrag am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg. Dort haben sich die beiden auch kennengelernt. Treiger war von der World Union for Progressive Judaism eingeladen worden, sich am Geiger-Kolleg und der Universität Potsdam rabbinisch ausbilden zu lassen.

„Ich wusste, dass ich ein Experiment bin“, sagt Treiger. Sie hatte zuvor ihre Heimat verlassen, ohne auch nur das lateinische Alphabet zu beherrschen. Während sie Deutsch lernte, besuchte sie den ersten rabbinischen Unterricht und absolvierte ein Gemeindepraktikum. Mit dem Bestehen der Sprachprüfung wurde sie Rabbinatsstudentin – doch sie zweifelte, da sie die einzige Frau in ihrem Studiengang war. „Ich musste Selbstbewusstsein entwickeln, denn ich bin kein Mensch, der im Vordergrund steht. Ich bin kein Alphamännchen“, sagt sie. Doch sie habe erkannt, dass ihre Persönlichkeit gut zum Rabbinerberuf passt. Katharina Golze

Zur Person:

Alina Treiger studierte von 2004 bis 2010 an der Universität Potsdam die Fächer Jüdische Studien, Religionswissenschaft und Psychologie.

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