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  • 25.10.2017
  • von Jan Kixmüller

Betriebswirtschaftslehre: Wenn der Chef in Rente geht

von Jan Kixmüller

Foto: Friso Gentsch/dpa

Eine Studie des emeritierten Wirtschaftswissenschaftlers Dieter Wagner zeigt, dass Firmen zu wenig auf die Übergabe vorbereitet sind. Zumal die Nachfolger oftmals andere Ziele haben.

Potsdam - Nur rund die Hälfte der Unternehmer im Kammerbezirk Potsdam, die kurz vor dem Ruhestand stehen, haben sich mit dem Thema Nachfolge befasst. Zu diesem Ergebnis kommt der emeritierte Wirtschaftswissenschaftler Dieter Wagner, der von 1993 bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Organisation und Personalwesen an der Universität Potsdam war. Zusammen mit FH-Professor Enrico Sass und Henriette Binder hatte Wagner in diesem Jahr eine Untersuchung zum Thema vorgenommen, 26 Interviews wurden geführt und eine repräsentative Stichprobe von 3000 Firmen gezogen.

Rund 16 Prozent der Befragten sei noch unschlüssig, was die Übergabe ihres Betriebs angeht. Allerdings hofften viele, mit 67 Jahren in den Ruhestand gehen zu können. „Dabei wird der erforderliche Zeitraum in der Regel unterschätzt“, so Wagner. Im Einzugsbereich der IHK und der Handwerkskammer Potsdam, dem jeweils größten Kammerbezirk in Ostdeutschland, sind die Inhaber von mehr als 25 000 Unternehmen bereits 56 Jahre oder älter. „Knapp zehn Jahre vor dem klassischen Rentenalter dürfte es deshalb Zeit genug sein, sich auf die Unternehmensnachfolge vorzubereiten und einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin den Betrieb zu übergeben“, erklärte Wagner.

Für die Nachfolger steht meist die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter im Vordergrund

Rund 80 Prozent der Antworten kamen von männlichen Unternehmern, die im Mittel 63 Jahre alt sind und durchschnittlich rund sieben Mitarbeiter in ihrem Unternehmen haben. Bei einer geplanten Übergabe möchten der Umfrage zufolge 42 Prozent am liebsten die Firma an ihnen bekannte Personen übergeben. Dies könnten Familienmitglieder, aber auch bewährte Führungskräfte sein, so Wagner. Der genaue Ablauf der Übergabe sei mehr als der Hälfte der Befragten jedoch nicht klar.

„Viele von den Betroffenen wollen weniger den Verkaufspreis maximieren, auch wenn häufig unrealistische Vorstellungen darüber bestehen, stattdessen steht die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter im Vordergrund“, so der Betriebswirtschaftsexperte. Am wichtigsten sei den Betroffenen, dass der Betrieb erhalten bleibe.

„Mangelnde Einsichten, Qualifikations- und Motivationsdefizite kann man durchaus korrigieren“

Die Herausforderungen einer solchen Übergabe einer Firma seien vielschichtig und groß. Doch insgesamt hält Wagner die Unternehmensnachfolge grundsätzlich für machbar. „Mangelnde Einsichten, Qualifikations- und Motivationsdefizite kann man durchaus korrigieren“, so der Forscher, der selbst im Ruhestand ist. Dies habe auch die Landesregierung begriffen und 2016 Überlegungen zur „Gründungs- und Unternehmensnachfolgestrategie“ veröffentlicht. Dabei sollte man bedenken, dass „Gründung“ und „Nachfolge“ recht verschiedene Vorgänge sind.

„Letztlich geht es um die Erhaltung und Weiterentwicklung des Mittelstandes in unserem Bundesland, wo uns nun auch der demografische Wandel einen eklatanten Fach- und Führungskräftemangel beschert hat, der sich demnächst noch weiter verschärfen wird“, sagte Wagner. Insofern sei es mit den durchaus benötigten Zuschüssen für fachliche Hilfen alleine nicht getan. Man sollte bereits bei der Berufsorientierung in den Schulen ansetzen, Kreativität und unternehmerischen Einsatz in den Hochschulen und Mittelstandsakademien fördern, neue Wege in der Berufs- und Meisterausbildung beschreiten und die Zusammenarbeit mit den Hochschulen verstärken. 

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