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  • 25.10.2017
  • von Richard Rabensaat

Akten aus deutscher Kolonialzeit: Potsdamer Forscher untersuchen vergessene Kolonialgeschichte

von Richard Rabensaat

Sichtbares Erbe. Noch heute finden sich in den ehemaligen deutschen Kolonien die Spuren der einstigen Besatzer – wie dieses Reiterdenkmal der ehemaligen deutschen Schutztruppe in Windhuk, Namibia, zum Gedenken an die Gefallenen der Aufstände von 1907. Das Denkmal wurde 1912 enthüllt. Foto: Roland Holschneider/dpa

In einem Forschungsprojekt der Fachhochschule Potsdam werden die Akten der deutschen Kolonien untersucht. Die Quellenlage ist schwierig – und die Forscher müssen sehr behutsam vorgehen.

Potsdam - Afrika ist präsent in Berlin. Nicht erst seit Flüchtlinge den Weg von der afrikanischen Nordküste auch nach Berlin finden, haben sich Spuren des Kontinents in das Berliner Stadtbild eingeschrieben. Zahlreiche Straßennamen nicht nur im Afrikanischen Viertel zeugen von der kolonialen Vergangenheit Deutschlands: Kongostraße, Otawistraße, Petersallee und viele andere. Genaues Wissen darüber, wie sich das Kaiserreich seine imperialen Neigungen in Afrika erfüllen wollte, ist allerdings kaum verfügbar. Ein Projekt an der Fachhochschule Potsdam will das nun ändern. Die Archivwissenschaftlerin Susanne Freund baut mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und ihres Fachbereichs ein Portal auf, in dem Daten und Informationen über die weltweit verstreuten deutschen Kolonien verfügbar sein sollen.

„Das ist ein sehr großer Forschungsauftrag. Aber wir beschäftigen uns nicht mit der Darstellung der Geschichte, sondern mit der Bereitstellung der Informationen darüber“, erklärt Freund. Nach dem Ersten Weltkrieg war es vorbei mit der deutschen imperialen Herrlichkeit, die ohnehin nie so recht zur Entfaltung gekommen war: Das Deutsche Kaiserreich musste seine Kolonien mit dem Vertrag von Versailles bis auf eine Ausnahme in Deutsch-Südwestafrika aufgeben.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte steckt noch in den Anfängen

Aber: Adolf Lüderitz, Carl Peters und weitere Namen früherer Kaufleute, die in Afrika Geschäfte machten und nicht selten gute Gewinne dabei einfuhren, finden sich noch immer im Berliner Stadtbild. Um die Straßenbezeichnungen ist eine Diskussion entbrannt. Denn die Kolonialherrschaft der Deutschen war für die einheimische Bevölkerung zumeist eine Okkupation, die soziale Gemeinschaften zerriss und mit erheblichen Grausamkeiten einherging. „Vieles, was dort geschah, ist nicht dokumentiert. Und die Deutschen in den Kolonien wussten häufig recht gut, dass ihre Handlungen nicht mit Rechtsmaßstäben in Einklang zu bringen waren“, stellt Uwe Jung fest, der am Projekt mitarbeitet und dafür vom Goethe-Institut in Kamerun, seinem regulären Arbeitsplatz, freigestellt ist.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte steckt noch in den Anfängen, wohl auch, weil Deutschland nie über ein Kolonialreich verfügte, das dem englischen oder französischen vergleichbar war. „Die wirtschaftliche Bedeutung der Kolonien war ziemlich gering“, sagt Jung. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum hat in diesem Jahr den Versuch unternommen, die Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Sie zeigte, dass die Kolonien ehemals im öffentlichen Bewusstsein sehr präsent waren. „Wenn der Winter in Berlin kalt war und die Kohleöfen ihren Rauch über die ganze Stadt legten, träumten die Leute gerne von der Exotik Afrikas“, vermutet Jung. Die Realität sah oft anders aus. Wie genau es in den Kolonien zuging, darüber geben, jedenfalls teilweise, Akten Auskunft, die sich noch heute in den ehemaligen Kolonien finden.

Akten aus Archiven afrikanischer Länder und Kolonien im Pazifik wie Deutsch-Neuguinea oder Samoa als Grundlage des Archivs

Akten aus Nationalarchiven der afrikanischen Länder Kamerun, Namibia, Tansania, Togo sowie den ehemaligen deutschen Kolonien im Pazifik wie Deutsch-Neuguinea oder Samoa bilden die Grundlage des Archivs. Auch das deutsche Bundesarchiv verfüge über einen erheblichen Bestand, so Freund. Die Zusammenführung all dieser Bestände in einem webbasierten Portal soll es Historikern und Interessierten erheblich einfacher als bisher machen, zur Kolonialgeschichte zu forschen. Denn: „Informationen über Personen oder Vorgänge sind häufig auf mehrere Akten verteilt. Wer da etwas sucht, muss mehrere verschiedene Archive kontaktieren“, sagt Jung. Daher soll das Archiv auch allgemein im Netz zugänglich sein, ohne „Log-in“, so Jung.

Allerdings lieferten die Aktenbestände aus vergangenen Zeiten ein unvollständiges Bild der kolonialen Vergangenheit, denn die Sicht der betroffenen afrikanischen Gemeinschaften sei natürlich nicht dokumentiert, erklären die Wissenschaftler. Zwar gebe es dieses Wissen als Überlieferung in den Familien oder Stämmen, aber nur selten sei es schriftlich fixiert und meist durch die subjektive Überlieferung verfälscht. Das sei ein sehr sensibles Feld, stellt Jung fest. Schnell gerate der Historiker, der eine afrikanische Familiengeschichte erforsche, in den Ruch, die Ausbeutung der Kolonialzeit für seine eigene Karriere fortzusetzen. Überhaupt sei die europäische Sicht auf Afrika meist sehr verzerrt, denn „ein Afrika“ gebe es nicht, der Kontinent bestehe aus einer Vielzahl verschiedener Strömungen.

Die erhebliche Bedeutung des Forschungsprojektes spiegelt sich auch in den Entschädigungsforderungen

Soziale Gemeinschaften, die sich heute als Stämme und Ethnien verstehen würden, seien nicht selten erst von den Kolonialherren in dieser Weise benannt und gebildet worden. Bezweckt war, die beherrschten Kolonien und deren Einwohner für die Kolonialherren handhabbar zu machen. Da sei von den Verwaltungen vor Ort eine „Ethnogenese“ betrieben worden, so Jung. Gelegentlich hätten sich die Kolonialherren weit ab der Zivilisation ihr eigenes Reich errichtet, das der persönlichen Bereicherung diente, jedenfalls dann, wenn sie die Widrigkeiten vor Ort überlebten.

Die erhebliche Bedeutung des Forschungsprojektes spiegele sich auch in den Entschädigungsforderungen, die heute von den Nachfolgestaaten erhoben werden, bemerken die Wissenschaftler. Denn um zu Höhe und Grund der Entschädigung überhaupt einen Anhaltspunkt zu haben, sei es notwendig, vorhandene Dokumente zu erforschen.

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Hintergrund

Das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist im Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule angesiedelt. Auftraggeber ist das Auswärtige Amt. Ziel des Projekts ist es, ein webbasiertes Online-Portal aufzubauen, das die Erfassung der Aktenlage in den Nachfolgestaaten ehemaliger deutscher Kolonien ermöglichen soll. Die Informationen sollen sowohl in deutscher als auch in englischer und französischer Sprache abrufbar sein. Zudem wird eine Vernetzung mit anderen Portalen und Institutionen angestrebt und eine Beteiligung aller, die bislang oder künftig an historischen Informationen zu den ehemaligen deutschen Kolonien interessiert sind. Die Ergebnissesollen vorrangig der geisteswissenschaftlichen, explizit der geschichtswissenschaftlichen Forschung, der historisch interessierten Öffentlichkeit sowie Lehrern und Studierenden an Hochschulen und Universitäten als Grundlage für weitere Forschungen dienen. PNN

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