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  • 18.10.2017
  • von René Garzke

Diskussion zu Traditionen der Bundeswehr in Potsdam: Anker der Identität

von René Garzke

Führungsprobleme. Historiker Michael Wolffsohn fordert einen „Ethik-Kodex“ für die Bundeswehr. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften diskutierte die Bundeswehr über ihr Traditionsverständnis.

Potsdam - Es ist schwierig mit den Traditionen. Einerseits sind sie Anker der eigenen Identität und Kompass, andererseits stammen sie aus einer früheren, zum Teil gesellschaftlich überholten Zeit. Es ist eine Gratwanderung: Was behält man aus diesen früheren Zeiten bei und was wirft man über Bord? Hochrelevant wurde diese Frage in diesem Jahr für die Bundeswehr, nachdem immer wieder Fälle von Rechtsextremismus und Schikane in ihren Reihen bekannt wurden. Eine Zäsur in der öffentlichen Debatte gab es im Frühjahr, als Anschlagspläne des rechtsextremen Soldaten Franco A. aufgeflogen waren – und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) der Truppe eine „Führungsschwäche“ unterstellte. Gleichzeitig warf das die Frage auf: Wie viel Wehrmacht steckt noch in der Bundeswehr?

Am vergangenen Donnerstag war das Traditionsverständnis der Truppe Thema bei einem Workshop am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMBSBw). Es war die dritte von vier deutschlandweiten Veranstaltungen der Workshop-Reihe, Ministerin von der Leyen hatte die Diskussionen angeordnet. Am Ende soll ein neuer Traditionserlass stehen, der den seit 1982 bestehenden ersetzt. Der Erlass soll den Soldaten mehr Sicherheit im Alltag geben, deutlich machen, was noch erlaubt ist.

KSK-Kommandeur: Emotionen spielen eine große Rolle

Wichtig sei es im Diskussionsprozess um einen neuen Traditionserlass, dass auch die Sicht der Truppe gehört werde, sagte Brigadegeneral Alexander Sollfrank, der auch Kommandeur der Elite-Einheit Kommando Spezialkräfte (KSK) ist. Sonst wäre der Erlass lediglich eine Verordnung von oben, sagte Sollfrank. „Die Soldaten aber müssen sich mit der Tradition identifizieren können.“ Und dabei spielten Emotionen eine große Rolle.

In der Geschichte der Bundeswehr aber – die eine Tradition als Verteidigungsarmee, eine Tradition des Helfens habe – fänden sich nur wenige entsprechende Beispiele, sagte Sollfrank. „Ich glaube, wir brauchen weitere Leitplanken und Identifikationspunkte. Insbesondere jene, die Orientierung in Gefechtssituationen geben“, forderte der Brigadegeneral. Flüchtlingshilfe oder Fluteinsätze in Hamburg sind da wenig geeignet. „Auftragstaktik, Tapferkeit und positive Menschenführung finden wir sicher auch in Zeiten des Zweiten Weltkriegs“, sagte Saalfrank. Gleichwohl sei die Werteordnung des Grundgesetzes der Orientierungsrahmen für Traditionen.

Historiker Wolffsohn empfiehlt einen Etik-Kodex

Darüber hinaus legte der renommierte deutsche Historiker Michael Wolffsohn der Verteidigungsministerin in Potsdam einen „Ethik-Kodex“ für die Truppe nahe. „Wenn der auf Menschlichkeit beruht, ist die Distanz zu jeder Unmenschlichkeit eher gegeben“, sagte er den PNN. Dass von der Leyen der Bundeswehr eine „Führungsschwäche“ attestierte, hatte in der Truppe für Empörung gesorgt. Wolffsohn aber stärkte ihr den Rücken. Dass es tatsächlich ein Führungsproblem gebe, beweise die Reaktion weiter Kreise der Bundeswehr. „Statt die Dinge zu prüfen und Selbstkritik zu üben, spielte ein Großteil beleidigte Leberwurst“, sagte der Historiker, der mehr als 20 Jahre an der Bundeswehr-Universität in München Neue Geschichte lehrte. „Behauptungen kann man nur durch Fakten entkräften, nicht durch Empörung.“

Nach dem Auffliegen der Anschlagspläne von Franco A. hatte von der Leyen deutschlandweit die Kasernen nach Wehrmachtsdevotionalien durchforsten lassen. Gewehre, Helme, Bilder, Uniformen. Für Wolffsohn ist klar: In die Kaserne gehören solche Gegenstände nicht. „Devotionalien jedweder Art sind in meinen Augen geradezu kindisch oder erfüllen die Funktion von Götzen“, sagte er den PNN. „Wenn die Gegenstände wirklich von Bedeutung sind, gehören sie in ein Museum.“ Wie berichtet hat das Potsdamer ZMSBw für solche Gegenstände eigens eine Dienststelle eingerichtet, die seit August dieses Jahres Dienststellenleiter und Vorgesetzte in der Bundeswehr im Umgang mit Devotionalien berät.

Es geht auch um die Namen von Kasernen

Doch nicht nur das Innenleben der Kasernen ist Gegenstand der Debatte, auch ihre Namen sind zum Teil umstritten. „Für eine Hindenburg-Kaserne gibt es heute ebenso wenig Platz wie für eine Emmich-Cambrai-Kaserne“, sagte Michael Epkenhans, der leitender Wissenschaftler am Potsdamer ZMSBw ist. Damit forderte er die Umbenennung der Hannoveraner Kaserne, die nach dem preußischen General Otto von Emmich und der während des Ersten Weltkriegs von deutschen Truppen besetzten französischen Stadt Cambrai benannt ist.

Eine Hindenburg-Kaserne hingegen gibt es inzwischen nicht mehr. Deutschlandweit hatte es jedoch mehrere gegeben, eine davon auch in Potsdam. Zwar „kann die Bundeswehr stolz darauf hinweisen, dass sie sich sehr kontinuierlich mit ihrer Vergangenheit befasst hat“, sagte Epkenhans. „Trotz aller Erfolge ist die Bundeswehr jedoch gut beraten, sich zu fragen, was sie vielleicht doch noch tun könnte.“

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