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  • 18.10.2017
  • von Jan Kixmüller

Klimaforschung in Potsdam: „Das Risiko, das wir eingehen“

von Jan Kixmüller

Dürres Land. Explodierende Getreidepreise, aber auch Cholera-Epidemien stehen für die Potsdamer Forscher in engem Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung. Foto: Arno Burgi/dpa-picture alliance

PIK-Klimaforscherin Katja Frieler spricht im PNN-Interview über Kosten des Klimawandels, Hitzetote, Cholera und Migration.

Frau Frieler, Sie befassen sich mit den Kosten des Klimawandels. Wie lässt sich so etwas überhaupt quantifizieren?

Wir schauen uns an, was der Klimawandel für die Gesellschaft bedeutet. Das betrifft zum Beispiel die Wirtschaft, den Gesundheitsbereich, aber auch das Thema Migration. Wir wollen besser verstehen, auf welche Weise unsere Gesellschaft bisher auf Wetterschwankungen oder -extreme reagiert hat. Im Bereich der ökonomischen Kosten haben wir zum Beispiel die Entwicklung der Weltmarktpreise von Weizen untersucht.

Mit welchem Ergebnis?

Es gibt in jüngerer Vergangenheit zwei sehr deutliche Preisausschläge nach oben: 2007/08 und 2010/11. Solche explodierenden Getreidepreise sind ein besonderes Problem für arme Länder, wo sie zu regionalen Ernährungskrisen führen können. Wir konnten zeigen, dass diese Preisexplosionen durch Produktionseinbrüche erklärt werden können, die etwa im Zusammenhang mit schweren Dürren aufgetreten sind. Politische Maßnahmen, wie etwa Exportbeschränkungen in den betroffenen Ländern, haben die Anstiege weiter verstärkt. Weder Spekulation auf den Rohstoffmärkten noch die Nutzung von Land für die Biosprit-Produktion scheint entscheidend für die Preissprünge. Durch den Klimawandel nehmen Wetterextreme zu und damit steigt auch das Risiko für die Getreideproduktion. Die gute Nachricht ist, dass unsere Studie helfen kann, Preisspitzen bei Nahrungsmitteln in Zukunft zu vermeiden.

Wie das?

Neben der Verbesserung der Produktivität können Experten zum einen versuchen, behutsam die Handelspolitiken und die Möglichkeiten der Lagerhaltung anzupassen. Zum anderen lassen sich die Risiken von Wetterextremen natürlich durch Klimaschutzmaßnahmen verringern.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die menschliche Gesundheit aus?

Ein extremes Beispiel ist der Hitzesommer von 2003 in Westeuropa. Heute wissen wir, dass die Dauerhitze damals rund 70 000 Menschen das Leben gekostet hat. Ein anderes Beispiel sind Infektionskrankheiten – da ist der Einfluss des Wetters oft gar nicht so einfach zu erkennen. Auch da kann uns eine Analyse vergangener Ereignisse helfen, die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Krankheiten und dem Wetter besser zu verstehen.

Zum Beispiel?

In einer Studie wurde die Entwicklung der Cholera in Haiti in den Jahren 2010/11 sehr genau untersucht. Davor war die Cholera dort nicht verbreitet. Der erste Ausbruch war direkt nach dem Erdbeben von 2010, gleichzeitig konnte gezeigt werden, dass die nachfolgenden Schwankungen in den Infektionszahlen von den lokalen Regenfällen abhingen. Nach dem Abflachen einer ersten Infektionswelle wurde ein erneuter starker Anstieg der Cholera-Fälle von besonders starken Regenfällen begleitet. Modellrechnungen konnten zeigen, dass der erneute Anstieg durch zusätzliche Erreger erklärt werden kann, die vom Regen in das Fluss-System gespült wurden. Ein Zusammenhang mit dem Niederschlag ist bei der Cholera allerdings nicht immer eindeutig.

Inwiefern?

Das Infektionsrisiko steigt in anderen Fällen nicht mit der Niederschlagsmenge an. Auch können solche Epidemien mit Dürren zusammenhängen, weil dann zu wenig Trinkwasser zur Verfügung steht und die Menschen auf verunreinigte Quellen ausweichen. Der Zusammenhang von Gesundheit und Klimawandel ist kompliziert. Die Beispiele zeigen, wie abhängig das Funktionieren unserer Gesellschaft eigentlich vom Wetter ist und dass die Auswirkungen in ganz verschiedenen Lebensbereichen spürbar sind.

Sie haben auch untersucht, inwieweit Menschen vor der Erderwärmung fliehen.

Zahlen aus den vergangenen Jahren belegen, dass ein Großteil der erfassten Vertreibungen auf das Wetter zurückzuführen ist. Die Ausmaß der Vertreibung aufgrund von Naturkatastrophen ist sehr viel höher als durch Konflikte und Gewalt, findet aber häufig innerhalb der Landesgrenzen statt. Unter den Naturkatastrophen sind die Wetterextreme, vor allem Stürme und Überflutungen, die häufigsten Ausschlaggeber. 2016 war die Vertreibung durch Naturkatastrophen vier Mal höher als durch andere Ursachen. Unter diesen Naturkatastrophen waren 86 Prozent auf Wettereignisse zurückzuführen, also wesentlich mehr als Erdbeben oder Vulkanausbrüche. Modellrechnungen sagen uns, dass der Klimawandel das Überflutungsrisiko deutlich erhöhen wird. Wichtig ist aber auch, ob die Menschen nach diesen Ereignissen wieder in die betroffenen Gebiete zurückkehren oder langfristig umsiedeln. Global gibt es zur Zeit noch keinen Datensatz, über den diese Unterscheidung systematisch gemacht werden könnte. In einigen Regionen aber schon. In Indonesien gibt es zum Beispiel eine Untersuchung dazu.

Was zeigt sie?

Für den Indonesian Family Life Survey wurden über 7000 Haushalte befragt und ihr Aufenthaltsort über viele Jahre verfolgt. Die in diesem Datensatz erfasste Umsiedlung ganzer Haushalte war meistens dauerhaft. So konnte man hier untersuchen, inwieweit diese dauerhafte Umsiedlung von Klimafaktoren abhängt. Tatsächlich konnte gezeigt werden, dass es einen solchen Zusammenhang gibt und dass in Bezug auf die permanente Umsiedlung in dem Land eher langfristige Niederschlags- und Temperaturänderungen eine Rolle spielen, nicht die Extremereignisse. Die Untersuchung legt nahe, dass es ein ideales Klima gibt, an das die Menschen in der Region angepasst sind und bei dem Migrationszahlen am niedrigsten sind. Die Zahlen steigen, wenn das Wetter von diesen Bedingungen abweicht.

Wie sieht so ein Wohlfühlklima aus?

In den untersuchten Regionen Indonesiens waren die Migrationszahlen bei einer mittleren Temperatur von 25 Grad am geringsten. Je größer die Abweichung davon, umso häufiger kam es zu dauerhafter Migration. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überflutungen und Erdlawinen hatten größtenteils keinen signifikanten Einfluss auf Fluchtbewegungen. Es sind wohl eher die langfristigen Klimaänderungen, die dauerhafte Migration auslösen.

Sie haben auch die UN-Nachhaltigkeitsziele betrachtet – mit welchem Schluss?

2015 haben sich die Staaten nicht nur auf das Ziel einer Beschränkung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad festgelegt, sondern sich auch auf weitreichende Nachhaltigkeitsziele geeinigt, die über die kommenden 15 Jahre erreicht werden sollen. Neben dem Klimaschutz geht es auch um den Schutz der Gesundheit, die Reduktion von Hunger, die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser und letztlich eine Sicherung unseres Wohlstandes. Die oberen Beispiele zeigen, wie sehr die Ziele eigentlich miteinander verbunden sind und wie der Klimawandel auch die Erreichbarkeit anderer Ziele gefährden kann.

Was schließen Sie aus Ihren Ergebnissen?

Unsere Gesellschaften hängen in vielen Bereichen von Klima und Wetter ab. Die Wirkung reicht oft deutlich tiefer, als wir direkt erkennen. Damit wird klar, welches Risiko wir eingehen, wenn wir das Wetter verändern, an das wir unser Leben über sehr lange Zeit anpassen konnten. Die Verschärfung der Klimaschutzziele von einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad zu einer Begrenzung auf „deutlich unter zwei Grad“ im Pariser Klimaabkommen spiegelt das zunehmende Wissen über diese Gefährdung wider.

Das Interview führte Jan Kixmüller

Vom 11. bis 13. Oktober waren über 450 Forscher aus aller Welt zur Impacts World Conference an das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gekommen

Katja Frieler (41) ist stellvertretende Leiterin des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

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