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  • 13.10.2017
  • von Jan Kixmüller

25 Jahre Klimaforschung Potsdam: Die Welt retten

von Jan Kixmüller

Galionsfigur. PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber benennt die zivilisationsbedrohenden Risiken des Klimawandels oft mit sehr direkten Worten. Foto: Mike Wolff

Nach 25 Jahren ist das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) noch längst nicht überflüssig. Das soll es nach den Worten von Direktor Hans Joachim Schellnhuber aber in den nächsten 25 Jahren werden.

Potsdam - Er muss sich manchmal fühlen wie Galileo Galilei, der seine Mitmenschen einst davon überzeugen wollte, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Auch der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, muss immer wieder feststellen, dass Menschen die mittlerweile weitläufig anerkannte Auffassung, dass die Erderwärmung auf die Aktivitäten der Menschheit zurückgeht, anzweifeln. Erstaunlich, wie ruhig und besonnen der Physiker dann – jüngst in Maischbergers TV-Runde – auf krude Verschwörungstheorien von Leugnern des Klimawandels reagiert. Vielleicht auch weil er die erdrückende Evidenz der Fakten kennt. Und im Gegensatz zu Galilei wird er zumindest von der Kirche mittlerweile erhört.

Das Institut hat sich weltweit einen Namen gemacht

Seit 25 Jahren erforscht das PIK auf Potsdams wissenschaftshistorisch bedeutsamem Telegrafenberg die Ursachen und Konsequenzen der Erderwärmung sowie die Anforderungen, die der Klimaschutz und eine Anpassung an den Klimawandel an die Weltgemeinschaft stellen. Schellnhuber, der das PIK als Gründungsdirektor mit aufgebaut hat, war seither Kanzlerberater, Mitglied des Weltklimarates und treibende Kraft hinter der Umweltenzyklika des Papstes. Er gilt als renommiertester Klimaforscher Deutschlands und hat sich weltweit einen Namen gemacht. Was auch für das Institut selbst gilt, das am Donnerstag im Rahmen einer großen Konferenz sein 25. Jubiläum beging.

Zum Wohle des Planeten

Als Schellnhuber 1991 das PIK konzipierte, ging er noch davon aus, dass das Institut 25 Jahre später nicht mehr existieren würde: „Denn entweder würde sich das Klimaproblem bald als eine minder schwere Herausforderung entpuppen, der man mit Standardmaßnahmen begegnen könnte – oder es würde sich als existenzielle Bedrohung für die Menschheit identifizieren lassen, die entschlossenes Gegensteuern der Weltgemeinschaft auslösen würde.“ Heute gibt es das PIK immer noch, seine Expertise werde immer stärker nachgefragt und man wisse um die zivilisationsbedrohende Wirkung der Erderwärmung. Doch eine angemessene Reaktion der Gesellschaft auf das Risiko des Klimawandels kann Schellnhuber nach wie vor nicht erkennen. „So gesehen ist das 25-jährige Jubiläum ein tragisches Ereignis“, sagt er. Für die Zukunft hat er einen eher ungewöhnlichen Wunsch: „Auf der Grundlage der Arbeit der Forscher könnte das PIK in weiteren 25 Jahren tatsächlich überflüssig gemacht werden – zum Wohle des Planeten.“

Stefan Rahmstorf, Co-Forschungsbereichsleiter Erdsystemanalyse und Professor für Physik der Ozeane an der Uni Potsdam, kam 1996 ans PIK. „Gegen den Rat älterer deutscher Kollegen“, wie er sich heute erinnert. Doch im Rückblick sei es die beste berufliche Entscheidung seines Lebens gewesen. Heute bezeichnet er das Institut als seine intellektuelle Heimat. 25 Jahre Klimaforschung sind für ihn aber nicht nur ein Grund zum Feiern: Als er nach Potsdam kam, habe der Gehalt des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre bei 360 ppm (parts per million, Teile von einer Million) gelegen, heute sei er bei 405 ppm. „Und kein Ende ist in Sicht – es gibt noch viel zu tun“, so Rahmstorf.

Ideen und Konzepte, die auf wissenschaftlichem Fundament die Geschichte weiterentwickeln

Auch PIK-Chefökonom Ottmar Edenhofer betrachtet das Haus heute als seine geistige Heimat. „Und weil trotz aller Forschungsfortschritte die Klimapolitik immer noch nicht auf dem richtigen Weg ist, sind heute unsere Leistungen als Pfadfinder stärker gefragt als je zuvor“, sagt Edenhofer, der vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn Mitglied des Jesuitenordens war. Wolfgang Lucht, Co-Forschungsbereichsleiter Erdsystemanalyse am PIK, sieht die Arbeit dort als eine sehr besondere Aufgabe: „Ich kenne nicht viele Orte, an denen sich erstklassige Forschung derart mit einem Gefühl konkreter Verantwortung verbindet, und wo enorme Freiheiten in der Forschung systematisch zu strategischen Antworten auf kritische Gesellschaftsfragen führen“, sagt er. „Es sind unsere Ideen und Konzepte, die auf wissenschaftlichem Fundament die Geschichte weiterentwickeln.“

Das Blatt der globalen Treibhausgasemissionen wenden

Die ehemalige UN-Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention, Christiana Figueres, bestätigt diese Einschätzung: „Das PIK hat uns geholfen, die nächsten drei Jahre als Chance zu formulieren, um das Blatt der globalen Treibhausgasemissionen zu wenden, sodass wir beginnen können, in einer besseren Zukunft zu leben.“ Wobei der Politikberatung eine ganz besondere Bedeutung zukomme.

Die Leiterin der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC), Patricia Espinosa, rief den bei der Konferenz am Donnerstag versammelten Wissenschaftlern "Wir brauchen Sie“  zu. Sie betonte die herausragende Rolle des PIK und seines Gründungsdirektors Hans Joachim Schellnhuber: „Es ist kaum zu beschreiben wie wichtig Ihre Beiträge für die Menschheit sind“, sagte sie. „Bei unserem Kampf geht es nicht um Ideologie, es geht um Dringlichkeit und um unser Wohl. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns.“ Espinosa ist eine der bestimmenden Kräfte beim UN Weltklimagipfel, der in weniger als einem Monat mit Tausenden Teilnehmern in Bonn stattfindet dem ersten seit dem Rückzug der USA aus dem historischen Pariser Abkommen zur Klimastabilisierung.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wollte eigentlich zum Jubiläum gratulieren, musste aber aus Termingründen kurzfristig absagen. Die Glückwünsche überbrachte Forschungsministerin Martina Münch (SPD). Vor einem Jahr hatte Schellnhuber, der immer wieder den Kohleausstieg fordert, die Funkstille zwischen der Landesregierung und seinem Haus beklagt. „In einer so schwierigen Situation sollte man sich durchaus Rat von allen möglichen Seiten einholen, insbesondere von denjenigen, die sich seit 25 Jahren damit auseinandersetzen“, so Schellnhuber damals. Nach der Feier zum Jubiläum zeigte sich der Physiker äußerst optimistisch: „Es gab viele Tage in meinem Leben, an denen ich dachte, dass alles verloren ist“, sagte Schellnhuber am Freitag. „Aber nach dieser Jubiläumsfeier und den wunderbaren Beiträgen von Freunden und Verbündeten weiß ich, dass wir die Welt retten werden.“

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