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  • 11.10.2017
  • von Jan Kixmüller

25 Jahre Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam: „Die Stadt Potsdam ist für uns ein Glücksgriff“

von Jan Kixmüller

Verdichtungsort. Zeithistoriker Martin Sabrow plädiert im Fall der Potsdamer Garnisonkirche für einen patchworkartigen Ansatz. Dies würde bedeuten, dass das Rechenzentrum (Foto) in seinen beiden Straßenfronten samt seiner Mosaiken erhalten bleiben sollte und gleichzeitig Platz geschaffen werden muss für den Bau des Turms der Garnisonkirche. Foto: Andreas Klaer

ZZF-Direktor Martin Sabrow über 25 Jahre Zeithistorische Forschung in Potsdam, den hellen und dunklen Klang der Stadt, den Umgang mit der DDR-Moderne und der Garnisonkirche sowie den Erfolg der AfD.

Herr Sabrow, woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die ersten Tage des ZZF in den beengten Räumen Am Kanal denken?

Zunächst daran, dass Äußerlichkeit in diesen Tagen wenig zählte, es ging uns vor allem um die Inhalte der wissenschaftlichen Neuausrichtung. Zuallererst tagte man noch am Berliner Gendarmenmarkt in der sich formierenden neuen Akademie der Wissenschaften und an der Prenzlauer Promenade in der Nähe des ehemaligen Botschaftsviertels der DDR. Nach Potsdam umgezogen, kamen wir dann in den Räumen „Am Kanal 4/4a“ in einer sehr historischen Umgebung zusammen, in einem Barockhaus an einem zugeschütteten Kanal: Die Symbolik von zuschütten und wiederentdecken fand ich für uns Zeithistoriker in dieser Zeit der mit Wucht einsetzenden DDR-Aufarbeitung ganz passend.

Wie war der Empfang in Brandenburg?

Wir wurden hier damals außerordentlich freundschaftlich empfangen, durch den damaligen FDP-Kulturminister Hinrich Enderlein, der um die neue entstehende Universität eine Reihe von außeruniversitären Edelsteinen setzen wollte, zu denen er auch uns zählte. Die Villa am Kanal war zwar sehr beengt, aber sie bedeutete, verglichen mit dem Schicksal vieler anderer Institute aus der abgewickelten Akademie, einen geradezu paradiesischen Zustand. Der Umzug an den Neuen Markt erlaubte uns nach der Jahrhundertwende dann, weiter zu wachsen. Heute sind wir neben dem Institut für Zeitgeschichte München/Berlin zu einem der großen außeruniversitären Häuser zur Erforschung der Zeitgeschichte in Deutschland geworden.

Potsdam atmet an allen Ecken und Enden Geschichte, welche Rolle spielt das für Sie?

Die Stadt ist für uns ein Glücksgriff. Potsdam ist ein besonderer Verdichtungsort der stadthistorischen Auseinandersetzung, auch der symbolgeschichtlichen Debatte um die Rolle der Vergangenheit in unserer Gegenwart. Wenn ich an den für die einen hellen, für die anderen dunklen Klang des Namens „Potsdam“ denke, an das zerstörte, abgetragene und wiedererrichtete Stadtschloss, an die Garnisonkirche und an das Konzept einer sozialistischen Bezirkshauptstadt mit ihrer Höhendominante, die heute Hotel Mercure heißt, dann ergibt sich eine Vielfalt von exemplarischen Untersuchungsgegenständen.

Und Berlin ist auch nicht gerade arm an Geschichte.

Natürlich ist die Verbindung nach Berlin für unsere Arbeit von herausragender Bedeutung. Wir bewegen uns als Zeithistoriker sozusagen im Mekka der Zeitgeschichte – und wahren trotzdem eine relative Distanz. Berliner Entwicklungen mit einem gewissen Abstand zu diskutieren und wiederum Potsdam in die Hauptstadtregion analytisch einzubeziehen, verschafft uns Handlungsraum und Beobachtungsposten. Hinzu kommt die inhaltliche Verbindung mit den anderen Institutionen am Neuen Markt und der Universität Potsdam, wie auch der Humboldt Universität und Freien Universität in Berlin. Diese Verkopplung ergibt für uns eine denkbar gute Grundlage für die zeithistorische Arbeit.

In Potsdam werden derzeit historische Gebäude wieder aufgebaut. Zum Teil ist das wegen der einstigen Bedeutung der Gebäude umstritten. Wie sehen Sie das?

Steine tragen per se keine Schuld. Natürlich stehen in deutschen Städten zahlreiche Gebäude, die mit furchtbaren historischen Erinnerungen beschwert sind. Aber solche Hypotheken können in Vergessenheit geraten, sie entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie zum Sprechen gebracht werden. Man kann historische Gebäudelasten schlicht überschreiben, wie etwa das Beispiel des Reichsluftfahrtministeriums zeigt, das in der DDR zum Haus der Ministerien wurde und heute Finanzministerium der Bundesrepublik ist, ohne dass uns das offenbar weiter stört. Als Historiker ist mir jedenfalls wichtig, die geschichtliche Entwicklung im Stadtbild zu erhalten.

Das heißt?

Es darf nicht darum gehen, unsere Städte in Museen zu verwandeln – aber die Spuren des Vergangenen für die eigene und die künftigen Generationen zu erhalten ist das Anliegen von Zeithistorikern. Auch wenn es bedenkenswerte Stimmen gibt, etwa prominente NS-Bauten wie das Zeppelinfeld in Nürnberg nicht zu konservieren, sondern dem kontrollierten Verfall zu überantworten, sind wir in der Regel dafür, historische Gebäude zu erhalten, ohne damit die Entwicklung von Neuem zu ersticken. Umgekehrt gilt genauso, dass der Bau des Neuen dem Alten das Recht nicht nehmen darf, erkennbar zu bleiben. Darin steckt ein patchworkartiger Ansatz, der im Fall der Potsdamer Garnisonkirche etwa bedeuten würde, dass das Rechenzentrum in seinen beiden Straßenfronten samt seiner Mosaiken erhalten bleiben sollte und gleichzeitig Platz geschaffen werden muss für den Bau des Turms der Garnisonkirche. Das beides scheint mir städtebaulich und auch in der Nutzung zusammenzupassen – und dafür plädiere ich.

So gesehen wird auch das ehemalige FH-Gebäude am Alten Markt zu einem historischen Zeugnis.

Das habe ich früher anders beurteilt und stelle heute mit Interesse meinen eigenen Meinungswandel fest. Auch an mir selbst beobachte ich, dass Relikte umso mehr Zugkraft entfalten, je mehr sie nur noch als Fragmente bestehen. Sicherlich hätte hier ein Teil des Gesamtkomplexes im Original erhalten bleiben können, ohne den Raumeindruck des Stadtschlosses allzusehr einzuengen. Aber ich kann mich auch der Erkenntnis nicht verschließen, dass für das durch den Abriss freiwerdende Stadtquartier sehr interessante Pläne entwickelt wurden, die in der Mischung von Wohn- und Geschäftshäusern der Stadt einen neuen Akzent geben und gleichzeitig ihre historische Mitte wieder erfahrbar machen werden. Das ist in der Bürgerschaft ausgehandelt worden. Nun hat sich ein Konzept durchgesetzt und dabei muss man dann auch bleiben.

Zeitgeschichte setzt bereits mit einem Abstand von 20 bis 30 Jahren zum Geschehen an. Ist das nicht immer auch eine Operation am offenen Herzen?

Das ist es in der Tat. Zeitgeschichte geht sogar noch näher an die Ereignisse heran. Sie hat nach 2008 das Phänomen des digitalen Kapitalismus aufgegriffen, sie erörtert seit 2016 intensiv den historischen Hintergrund der Massenflucht nach Europa, und sie stellt nicht erst im Licht der jüngsten Bundestagswahl die Frage nach der Krise des Politischen, nach dem Zerfall der Sozialdemokratie in europäischem Maßstab, nach dem Aufstieg von Ein-Mann-Parteien oder nach der Konjunktur des „Wutbürgers“.

Sie plädieren auch für eine Gegenwartsgeschichte, die Ereignisse jüngster Vergangenheit, etwa die aktuellen Migrationswellen, in den Blick nimmt. Kommt man dabei nicht zu dicht an das Geschehen heran?

Das tut man als Zeithistoriker schnell, und gegen die Unterwerfung unter das Diktat rasch wandernder Aufmerksamkeitswellen hilft nur die Kraft der distanzierenden Reflexion auf den eigenen fachlichen Standort. Wir haben zudem noch das Problem, dass wir den Endpunkt der Geschichte, die wir schreiben, oft noch gar nicht kennen können. Geschichtsschreibung fällt leichter, wenn sie sich an allgemein anerkannten Epochenzäsuren orientieren kann, wie wir sie etwa mit dem Datum 1989 haben. Alles, was davor über das Verhältnis von DDR und Bundesrepublik geschrieben worden war, wurde im Herbst 1989 schlagartig entwertet. Das ist das Risiko, mit dem wir umgehen müssen. Es macht Forschung zwar nicht überflüssig, aber es zwingt uns dazu, unsere Bezugspunkte selbst festzulegen – und auch immer wieder kritisch zu überprüfen. Denn jeder gewählte Bezugspunkt verschiebt die zeitgeschichtliche Perspektive. Man schreibt eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, wenn man sie 1989/90 enden lässt oder 2004 mit der EU-Osterweiterung oder 2008 mit der globalen Finanzkrise

Wenn man so dicht dran ist, passieren auch Fehler. Wie etwa jüngst in der ZZF-Publikation „Im Riss zweier Epochen“.

Es gibt keine historische Arbeit, in der sich keine empirischen Ungenauigkeiten und auch sachliche Fehler finden. Historiker schreiben keine historischen Gebrauchsanweisungen mit Nutzungsgarantie, sondern sie schlagen Deutungsachsen, und sie vertrauen darauf, dass sie in ihrer unaufhebbaren Vorläufigkeit durch Nachfolgearbeiten verbessert werden. In unserem Tun geht es auch um letztmögliche Exaktheit, aber mehr noch geht es darum, ob eine gewählte Betrachtungsperspektive plausibler ist als eine andere, ob sie das untersuchte Phänomen in seiner Breite erfasst oder nicht. Weniger Richtigkeit als Angemessenheit ist in der Historiografie der zentrale Begriff – und das entscheidet die Diskussion. Das angesprochene Buch über Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren ist eine großartige Pionierleistung. Dass Zeitzeugen die Dinge bisweilen anders sehen, ist selbstverständlich, beeinträchtigt aber den Gehalt des Buches ebenso wenig wie einzelne Errata, die in der nächsten Auflage einfach zu korrigieren sind.

Die Mediengesellschaft erwartet heute von der Wissenschaft endgültige Antworten.

Was aber verfehlt ist. Ob das Wahlergebnis der AfD bei der Bundestagswahl eine Zäsur, eine vorübergehende Welle oder eine Normalisierung darstellt, das kann man noch gar nicht sagen. Wir können als Zeithistoriker häufig nur Hypothesen anbieten und Urteile fällen, die Grundlage vertiefender Betrachtung späterer Zeiten sind. Zeithistorie ist immer von einer gewissen Vorläufigkeit geprägt und setzt darauf, weiterentwickelt oder widerlegt zu werden. Eben darin liegt die Dignität unseres Faches.

Als nun nach der Bundestagswahl viele Beobachter von einer Zeitenwende sprachen, da dachten Sie sich als Zeithistoriker ...

... dass der Begriff der Zäsur nicht ganz so einfach ist, wie er scheint. Wir suchen nach Zäsuren, um den Zeitfluss zu teilen, um ihn beherrschbar zu machen. Viele Zäsuren, denken Sie nur an das Millennium, erweisen sich schnell als Schall und Rauch. Andere Zäsuren steigen erst im Nachhinein in ihrer ganzen und weitreichenden Bedeutung auf, so etwa der Anschlag vom 11. September 2001, während das Ende des sozialdemokratischen Jahrzehnts 1982 oder die Ablösung der rot-grünen Regierung Schröder 2005 weit weniger eine Zeitenwende darstellte, als man damals annahm. Oft bemerken umgekehrt Zeitgenossen die Bedeutung der sich vor ihren Augen vollziehenden Zeitenwende noch gar nicht. Eine solche Zäsur vollzog sich etwa in den 1970er Jahren mit dem Auslaufen der industriegeprägten Hochmoderne – und sie vollzieht sich wohl auch in unserer Zeit mit der unser Zusammenleben so radikal umstülpenden digitalen Revolution. Ob der Einzug der AfD in den Bundestag nun ebenfalls eine Zäsur darstellt oder nur eine weitere Drehung der Veränderung des Politischen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten schon erlebt haben, das wird sich erst herausstellen.

Wo liegt hier die Aufgabe der Zeitgeschichte?

Sie stellt Wissen und Reflexion bereit, um gegenwärtige Entwicklungen historisch zu erschließen und besser erkennbar zu machen. Wir fragen uns heute etwa, ob der politische Aufstieg der AfD Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in der späten Weimarer Republik hat. Ein solcher Vergleich wirkt dramatisierend, aber er kann auch vor falscher Aufgeregtheit bewahren. Nicht wenige AfD-Wähler mögen gleichen Ressentiments huldigen und ähnlichen Mobilisierungsparolen folgen. Aber die AfD schöpft ihr Potenzial nicht aus einer entwurzelnden Wirtschaftskrise, sondern aus einem diffusen Empfinden des Überdrusses. Sie hat kein geschlossenes Weltbild, und sie wird nicht von der Suche nach einem erlösenden Messias getragen. Vor allem bietet sie kein Zukunftsversprechen.

Inwiefern?

Mit dem Nationalsozialismus verband sich in der Weimarer Republik ein Versprechen, eine Vision, die auf eine radikal veränderte Zukunft zielte. Die Zukunftsvisionen im politischen Raum sind im Vergleich zu dieser Zeit sehr stark geschrumpft. Selbst die AfD versteht als Zukunft nur die Rückkehr zu einer gedachten Vergangenheit, die es so nie gab. Die Ankündigung Alexander Gaulands, sich „unser Land und unser Volk“ zurückholen zu wollen, beschwört keine bessere Zukunft, sondern eine bessere Vergangenheit – übrigens eine ortlose Vergangenheit, die es nie gab. Hier kommt ein unserer Zeit eigener Zukunftsverlust zum Ausdruck, der in einer ganz anderen Wählerschicht auch den Niedergang der Sozialdemokratie ursächlich begleitet. Solche Phänomene in historischer Perspektive zu erschließen und einen analytischen Abstand zu schaffen, um weitere Sicht zu gewinnen, das ist die Aufgabe der Zeitgeschichte.

Nach der NS-Geschichte rückte in den Gründungstagen des ZZF vor allem die DDR-Historie in den Blick. Was kommt als nächstes, wenn auch dies Geschichte wird?

Die Ära des Sozialismus bleibt weiterhin noch Zeitgeschichte. Die Erforschung des Kommunismus als einem der drei großen gesellschaftlichen Ordnungsentwürfe des 20. Jahrhunderts, das wird auch weiter eines unserer Kernthemen bleiben. Aber wir haben uns thematisch deutlich erweitert: Heute beschäftigen wir uns genauso mit der Geschichte des Wirtschaftens, Fragen nach dem wirtschaftlichen Strukturwandel in Ost und West, befassen uns mit den besonderen Charakter des kollektiven Wirtschaftens und der „moralischen Ökonomie“ überhaupt, aber auch der Verhaltensökonomie und zum Gebrauch von Zeit im 20. Jahrhundert. Ein besonderer Akzent unserer Arbeit liegt seit einigen Jahren auf der Geschichte des Sozialstaats. Wir ergründen in vergleichender Perspektive, wie soziale Ungleichheit wohlfahrtsstaatlich eingehegt wird und wie sie etwa durch die Art des Erbens beeinflusst wird.

Sie betrachten auch die Digitalisierung.

Wir wollen wissen, wie die Art des Arbeitens sich in den letzten hundert Jahren verändert hat – Fordismus ist hier ein Stichwort, Automatisierung, Digitalisierung und Globalisierung sind andere. Dann haben wir einen Schwerpunkt gebildet, der sich mit der digitalen Revolution unserer Tage befasst. In ihm geht es um die dramatisch gewachsene Rolle des Bildes und des Bildgedächtnisses in unserer Alltagskultur, aber auch um die umwälzenden Veränderungen im sozialen Zusammenleben und in der staatlichen Behördenpraxis, die der Einzug des Computers in Ost und West mit sich brachte. Ein schon traditioneller Akzent unserer Arbeit liegt auf dem öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit. Wir engagieren uns in der „Aufarbeitung der Aufarbeitung“, und wir erarbeiten wie andere Zeithistoriker auch im Rahmen der sogenannten Behördenforschung Studien zu den NS-Belastungen verschiedener Bundesministerien und des Bundeskanzleramtes. Methodische Reflexion, Suche nach neuen Forschungsansätzen und vergleichende Fragestellungen, und besonders der Ost-West-Vergleich gelten dabei am ZZF als leitende Prinzipien.

25 Jahre ZZF – könnte das Zentrum nun also selbst bald zum Gegenstand der Zeitgeschichte werden?

Das geschieht ja schon. Nicht nur in der Reflexion der Medien. Sondern auch in Abschlussarbeiten von Studierenden. Wir haben ein Archiv, das genutzt wird, um die Geschichte der Zeitgeschichte nach 1989/90 zu erforschen. Und natürlich sind wir als zeithistorische Beobachter selbst auch Teil der Zeitgeschichte. Um es mit einem Wort aus der Zeitgeschichte zu sagen: Das ist auch gut so.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Martin Sabrow (63) leitet mit Frank Bösch das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Er ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt Universität.

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