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  • 06.09.2017
  • von Jan Kixmüller

Erinnerung an DDR-Grenze in Potsdam: Gedenken an vergessene Mauergeschichte sorgt für Spannungen

von Jan Kixmüller

Versteckte Sackgassen. Die Grenzzäune an der Alten Meierei wurden begrünt, nachdem ein West-Politiker die Grenzanlagen bei einem Staatsbesuch vom Schloss Cecilienhof aus erspäht hatte. Foto: Potsdam Museum

Potsdamer Zeithistoriker haben mit dem Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“ einen Informationspfad zur Berliner Mauer am Jungfernsee erstellt. Es gab einige Hindernisse. Nun hoffen die Macher, für das Vorhaben von den Stadtverordneten grünes Licht zu bekommen.

Potsdam - Wenn der Historiker Frank Bösch mit Gästen des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) durch den Neuen Garten am Jungfernsee in Richtung Bertinistraße und Meierei geht, stellt sich immer die gleiche Überraschung ein. Dass hier, an einem der meistbesuchten Orte Potsdams, das ehemalige DDR-Grenzgebiet mit keinen Hinweistafeln erwähnt wird, sorge für Unverständnis, erzählt der Direktor des ZZF. Das letzte Stück Mauer in der Bertinistraße war 2011 abgerissen worden. „Tausende Besucher aus der ganzen Welt bewegen sich täglich zwischen Glienicker Brücke, Cecilienhof und der Meierei, ohne einen Eindruck davon zu bekommen, welche Geschichte dieser Ort neben der als Landschaftspark noch hat“, so Bösch.

Letzte Zeugnisse der Mauer

„Heute weiß kaum jemand, dass dort die DDR-Grenzanlagen standen“, sagt auch ZZF-Doktorandin Florentine Schmidtmann, die im Rahmen eines Projekts das Leben an der Potsdamer Grenze erforscht. 2014 gründete sich der Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“, der sich für den Erhalt der letzten Zeugnisse, eine Aufarbeitung und Dokumentation einsetzt. Bösch, der sich auch in diesem Verein engagiert, warb beim Brandenburger Wissenschaftsministerium und der Stiftung Aufarbeitung Mittel dafür ein. 2015 gab es dann einen Stadtverordnetenbeschluss zur Grenzübergangsstelle Nedlitz für Schiffe (Güst), auf dessen Grundlage das Projekt „Der Todesstreifen im Weltkulturerbe“ gestartet wurde.

Probleme mit Stiftung und Ämtern

Nach einem halben Jahr wissenschaftlicher Recherchearbeit von Florentine Schmidtmann sind die zehn Erinnerungstafeln für das Gebiet zwischen Bertinistraße und Schwanenallee nun konzeptionell fertig. Sie veranschaulichen den Aufbau der damaligen Grenze, die heute weitgehend unbekannte Grenzübergangsstelle für Schiffe an der Bertini-Enge, das Leben der Bewohner im Grenzgebiet und die wechselvolle Historie der dortigen Villen. Eigentlich sollten die Tafeln bereits in diesem Sommer entlang des Jungfernsees aufgestellt werden. Doch es gab Verzögerungen. Die Schlösserstiftung lehnte die dauerhafte Aufstellung von Tafeln zur Geschichte der einstigen Grenze im Neuen Garten ab. Hier sollten generell keine Erinnerungsschilder stehen, da die Stiftung den Auftrag habe, die Kulturlandschaft aus dem 19. Jahrhundert zu rekonstruieren und Infotafeln das authentische Bild störten, so Bösch. Immerhin steht den Historikern das Fotoarchiv der Stiftung zur Verfügung.

Vonseiten der Schlösserstiftung bekräftigte man gegenüber den PNN, dass das Vorhaben nicht aus inhaltlichen, sondern aus gartendenkmalpflegerischen Erwägungen abgelehnt worden sei. „Der entscheidende Grund dafür war die Bewahrung des Parkerscheinungsbildes“, erklärte Stiftungssprecher Frank Kallensee. Grundsätzlich sei die Phase der deutsch-deutschen Teilung sowohl dauerhaft als auch temporär im Neuen Garten, im Park Babelsberg und in Sacrow präsent. Kallensee verweist in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Ausstellungen und den Infopavillon am Haupteingang zum Neuen Garten. Auch will man mit Blick auf eine temporäre Präsentation im Jahr 2019 gern mit dem ZZF und dem Verein Erinnerungsorte Potsdamer Grenze im Gespräch bleiben.

Monatelange Verhandlungen

Das Historiker- Projekt, das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur gefördert wird, ist nun seit Monaten mit den Behörden in Verhandlung. Ein Vorgang, der Zeit braucht. Schließlich müssen Standorte gefunden werden, die den Vorgaben verschiedener Ämter der Stadt entsprechen: nicht zu nah am Weg, nicht zu nah an Bäumen und Büschen, aber auch den Blick auf den Jungfernsee nicht verdeckend. Dieser Prozess sei viel schwieriger als gedacht, berichten die Initiatoren. „Die Gelder sind vergangenes Jahr bewilligt worden, die Tafeln sind alle entworfen und nun wägen wir seit über einem Jahr mit den unterschiedlichen Ämtern die genauen Stellplätze und das Design ab“, erklärt Bösch.

Verständlicherweise brauche es besondere Sorgfalt, wenn man im Weltkulturerbe Gedenktafeln aufstellen will, räumt Florentine Schmidtmann ein. Man versuche aber entsprechend, die Stelen an den jeweiligen Standort anzupassen, keine Sichtachsen zu verstellen. „Auch sollte man bedenken, dass die wunderschöne Welterbe-Landschaft zunächst durch die Grenze zerstört wurde, dann aber durch den Mauerfall erst wieder möglich wurde. Die Ausstellungstafeln zeigen den Kontrast zu heute“, so Schmidtmann. Schwierig für das gesamte Vorhaben sei nun, dass die von der Bundesstiftung Aufarbeitung zur SED-Diktatur bewilligten Gelder nur noch im Jahr 2017 zur Verfügung stehen. „Das muss unbedingt in diesem Jahr umgesetzt werden und ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen“, sagt Schmidtmann.

Jährlich 4000 Schiffe kontrolliert

Die Grenzübergangstelle Nedlitz an der Bertinistraße war ein recht ungewöhnlicher Ort. Hier, an der sogenannten Bertini-Enge, wurden Tausende Schiffe von West nach Ost, aber auch von Westdeutschland nach Westberlin kontrolliert, die die Grenze 1,2 Kilometer südostwärts nahe der Glienicker Brücke passieren wollten. Es gab auch einen sehr regen Schiffsverkehr von Ost nach West: Sand, Schrott und Kohle wurden zwischen den beiden deutschen Staaten transportiert. Etwa auch Bauschutt aus Westberlin, der auf die DDR-Deponien nach Deetz und Ketzin gebracht wurde – natürlich gegen Devisen. Die Güst war die zentrale Übergangsstelle für diesen Schiffsverkehr, rund 4000 große Schlepper passierten beispielsweise im Jahr 1979 hier den Jungfernsee, das waren 15 bis 20 Schiffe pro Werktag. Die mussten mit großem Aufwand kontrolliert werden.

Am Anfang waren dort zwei Kähne als Sperre mit einem Kettennetz als Sperre positioniert worden. 1974 wurde die Anlage dann professionell mit Schwimmpontons befestigt. Unter Wasser war ein hochziehbares Drahtseil mit Fangnetzen verborgen. Die Güst umfasste das Gelände zwischen dem alten Wasserwerk und der Villa Jacobs an der eigentlichen Bertini-Enge. Heute sind nur noch wenige Relikte der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen vorhanden. Auf das Gelände der Villa Starck zog die Bootskompanie samt eines Hafens und einer Grenzkaserne, welche heute beide abgerissen sind.

Auf der anderen Seite lag Sacrow, was damals ebenfalls DDR-Gebiet war. Trotzdem wurde das Ufer durch einen Grenzzaun und später die Mauer mit Todesstreifen abgesichert, schließlich konnte man von hier aus quer über die Havel bis Wannsee gelangen. Noch komplett erhalten ist der Beobachtungsturm an der Güst Nedlitz, der heute unter Denkmalschutz steht. Dem Turm kommt eine gewisse Bedeutung zu. Denn erhaltene Wachtürme sind entlang der ehemaligen Grenze heute sehr selten, die meisten stehen nicht mehr. Und: „Der Turm ist das Einzige, was bei dem kompletten Projekt bisher ganz sicher ist“, so Schmidtmann.

Nach der umfangreichen Recherche ist die Historikerin auch zu neuen Erkenntnisse zu dem Areal gelangt: Acht Mal ist demnach hier eine Flucht zu DDR-Zeiten gelungen, meist schwimmend, teils mit Tauchausrüstung. Tote – wie etwa an der Glienicker Brücke – habe es glücklicherweise hier keine gegeben. Ein Wasserschutzpolizist war sogar so dreist, mit dem Patrouillenboot einfach in den Westen zu fahren. Revolver und Uniform hatte er zuvor buchstäblich an einen Nagel gehängt. Die Westbehörden schickten das Boot später leer in den Osten zurück. Auch ein betrunkener Grenzpolizist versuchte es mit einem Boot, wurde allerdings gefasst.

Badestellen und Wachhunde

Zu den neuen Erkenntnissen der Historiker zählt auch, dass das betroffene Gebiet zu Anfang nicht gut abgesichert war. Die beliebte Badestelle Quappenhorn wurde erst zwei Jahre nach dem Mauerbau geschlossen. Es gab auch das Gerücht, dass dort ein U-Boot gebaut wurde, ein anderes Mal hieß es, jemandem sei die Flucht mit einem künstlichen Schwanenhals als Schnorchel gelungen. Bestätigen konnte die Historikerin diese Geschichten zwar nicht – die Behörden reagierten seinerzeit aber und sperrten das Areal 1963 komplett ab. „Vielen ist heute gar nicht klar, dass die heutigen Badestellen am Heiligen See sich damals erst durch die Grenzbefestigung als Ausweichplatz sozusagen etabliert hatten“, erklärt Bösch.

Auch das Leben der Menschen im Grenzgebiet wird aufgegriffen. Eine Zeitzeugin, die von den Historikern interviewt wurde, hatte ihren Gartenzaun direkt an der Schwanenallee. Sie erinnert sich heute noch an das permanente Hundegebell – und dass das ganze Gebiet auch nachts wegen der Fluchtgefahr immer taghell ausgeleuchtet war. Die wenigen Häuser, die direkt im Grenzgebiet lagen, waren nur mit Passierschein zu erreichen, die Bewohner des Areals hatte der DDR-Staat zuvor sorgsam ausgewählt. Am Silvesterabend stellten die Anwohner für die Soldaten eine Flasche Sekt mit Gläsern an den Zaun, die sich diese dann heimlich holten. Eine damalige Anwohnerin erinnerte sich auch daran, dass die Grenzsoldaten gerne mit den hübschen Töchtern des Nachbarn schäkerten. Der Zaun habe dort sogar einen Delle vom Drauflehnen gehabt. Später soll es auch eine Liebesbeziehung gegeben haben. „Auch das war Realität an diesem Ort“, sagt Schmidtmann.

Entscheidung der Stadtverordneten

Neben den Grenzanlagen wird auch die Geschichte der dortigen Villen von dem Erinnerungsprojekt beleuchtet: von den meist jüdischen Besitzern, die zur NS-Zeit enteignet worden waren, über die Nutzung zur DDR-Zeit bis hin zum Leerstand oder der Sanierung durch neue, oft prominente Besitzer von heute. Zu DDR-Zeiten wurde in der Villa Louis Hagen ein Rechenzentrum errichtet, in der Villa Mendelssohn Bartholdy wohnten Studierende der Pädagogischen Hochschule Potsdam, später dann vietnamesische Vertragsarbeiter – im dazugehörigen Kutschstall öffnete ein Konsum-Laden. Dass am Cecilienhof schließlich ein hoher Sichtschutzzaun errichtet wurde, war dem damalige Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim zu verdanken: von dem geschichtsträchtigen Haus aus hatte er bei einem Staatsbesuch die Grenzbefestigungen erspäht. Fortan sollte die Grenze den Staatsgästen in Cecilienhof verborgen bleiben.

Am 13. September soll nun über die Umsetzung des Projekts in der Stadtverordnetenversammlung entschieden werden, im Kulturausschuss wurde das Vorhaben in der vergangenen Woche bereits vorgestellt. Grundsätzlich ist der Historiker Bösch „überrascht, dass heute bereits so viele Überbleibsel des Mauerregimes – wie die 2011 am Jungfernsee entfernten Mauerreste – verschwunden sind. Könne man doch an der Bernauer Straße in Berlin täglich erleben, wie groß das Interesse der Öffentlichkeit an der innerdeutschen Grenze ist. Nun hoffen die Wissenschaftler, dass die Stadtverordneten den Zugewinn dieses Projekts für Potsdams Erinnerungslandschaft zu schätzen wissen.

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