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  • 30.08.2017

Inspirationen aus der Ferne

Seit 25 Jahren fördern Regionen die Innovationskraft ihrer Wirtschaft in Clustern. Zeit für einen Neuanfang. Von Felix Müller

Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner forschen seit mehreren Jahren zu Entwicklungen von Dörfern und Städten in ländlichen Regionen. Zugrunde liegt die Feststellung, dass viele ländliche Regionen – in Brandenburg etwa die Uckermark – von der wirtschaftlichen Entwicklung weitgehend abgekoppelt sind, dass sie mit Abwanderung, bröckelnder Infrastruktur und schwachen Finanzen zu kämpfen haben. Doch das Negativbild ist nur die halbe Wahrheit, sagen die Forscher. Ihre Ergebnisse zeigen Kreativität, Innovationsfähigkeit und neue Perspektiven auch für ländliche Regionen auf. Über ihre Erkenntnisse berichten sie nun in den PNN.

Die Deutsche Post baut in Eigenregie einen Elektrotransporter, weil kein Autobauer eine passende Lösung liefern wollte – und das Modell wird ein Riesenerfolg. Die deutschen Autokonzerne dagegen haben wohl durch Kartellabsprachen Innovation verhindert, und die enge Bindung Niedersachsens an VW wirkt neuerdings eher wie ein Nachteil. Haben sich die sicher geglaubten Koordinaten des Technologie-Exportmeisters Deutschland und seiner global erfolgreichen Industriestandorte verschoben?

Ein Team von IRS-Wissenschaftlern – Verena Brinks, Oliver Ibert, Felix Müller und Suntje Schmidt – hat nun erforscht, wie Innovationen entstehen, wie sie sich über die Zeit entwickeln und im Raum organisieren. Genutzt wurden eigene Forschungserkenntnisse und die anderer, um über eine notwendige Neuausrichtung von Innovations- und Regionalpolitik nachzudenken. Die Ideen wurden im Konzept „Open Region“ zusammengeführt. Nachrichten wie die von dem Post-Auto belegen, dass die Zeit dafür reif ist. Auch neue Ideen aus der Praxis selbst, etwa von der Wirtschaftsförderung Brandenburg (ehemals ZAB), zeigen das.

Ab Anfang der 1990er-Jahre vollzog sich in der Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung ein fundamentaler Wandel. Ging es bisher vor allem um Infrastrukturausstattung, Ausgleichszahlungen und Subventionen für einzelne Branchen, verbreiteten sich nun neue Ideen: Regionen sollten vor allem wettbewerbsfähig werden, und das mit Hilfe neuer Technologien und Produkte. Sie sollten innovativ werden. Dieser Wandel hatte mit der allgemeinen Liberalisierungsdynamik der 1990er-Jahre genauso zu tun wie mit neuen Forschungserkenntnissen zu sogenannten „Clustern“ – besonders wettbewerbsfähigen Ballungen spezialisierter Industrien. Seither gibt es kein Bundesland mehr ohne Clusterstrategie, keine Region ohne Technologie-Netzwerke und Wissenstransfereinrichtungen. Auch Berlin und Brandenburg haben, nach langem Ringen, eine abgestimmte Innovationsstrategie, die fünf Branchencluster schwerpunktmäßig fördern soll: von Energie über Gesundheits- und Kreativwirtschaft zu Optik- und Verkehrstechnologien. Diese Änderungen waren sinnvoll. Sie haben Kirchturmdenken aufgebrochen, regionale Kooperation gefördert und ineffiziente Förderpraktiken beendet.

Doch heute stellen sich neue Fragen. Sind Forschungsinstitute und Technologieunternehmen die einzigen Akteure, die Innovation hervorbringen? Wo sind in all den Innovationsstrategien die Nutzer? Sind sie nur passive Empfänger oder sind sie „Makers“? Heute sind Nutzer, wie etwa die Deutsche Post, selbst Treiber und Macher von Innovationen. Sie haben dabei oft ganz andere Prioritäten als die etablierten industriellen Produzenten. Sie streben nach mehr Autonomie bei der Lösung von Problemen, manche sogar nach der Demokratisierung von Innovation. Egal ob sie nun Ärzte, Landwirte, Privathaushalte oder selbst Unternehmen sind: Das IRS-Team plädiert dafür, die Nutzer künftig ins Zentrum innovationspolitischer Maßnahmen zu stellen.

Was ist mit Regionen, in denen es schlicht keine wettbewerbsfähigen Industrien gibt? Ihnen hat das Cluster-Denken nicht geholfen. Zum einen ist ein erneuertes Bekenntnis zu Mindestversorgung (z.B. mit Breitband) und räumlichem Ausgleich wünschenswert. Zum anderen lässt sich Kreativität auch in der Peripherie organisieren: mit neuen Formaten des Zusammenkommens, mit „temporären Orten“ und Events, wie sie in den Metropolen bereits seit einer Weile genutzt werden. Solche „kreativen Labore“ können Orte der Öffnung sein, an welchen auch Nutzer und Laien experimentieren können.

Was ist mit Beziehungen über Regions- und Landesgrenzen hinweg? Oft finden Innovatoren nur in der Ferne passende Kooperationspartner. Für besonders spezielle Technologien gibt es weltweit nur eine Handvoll mögliche Partner – hochspezialisierte Vertragsproduzenten oder risikofreudige Erstabnehmer. Wir sprechen uns dafür aus, dass verstärkt Inspirationen aus der „Fremde“ in die Region geholt und Suchende aus der Region in ihrer Mobilität unterstützt werden. Das bedeutet nicht, dass alle Grenzen geöffnet und jede wirtschaftlichen Eigeninteressen vergessen werden. Mit „Open Region“ plädiert man am IRS für ein wohlüberlegtes Öffnen und Schließen, einen reflektierten, aber selbstbewussten Umgang mit Grenzen.

Öffnung tut gerade dort not, wo allzu enge Kooperation zu Verfilzung geführt hat. Schließlich sollen auch gute Ideen, die anderswo oder außerhalb der üblichen Zirkel entstanden sind, in der eigenen Region umgesetzt werden können. Und die „Emigranten“, die man irgendwann ziehen ließ, kommen vielleicht zurück – mit Erfahrung, Beziehungen und Kapital. Wir plädieren, zuletzt, für einen bewussteren Umgang mit den Grenzen der Kontrolle. Man kann Gelegenheiten schaffen, man kann Gelegenheiten nutzen, wo sie sich bieten – und gerade praktischer Problemdruck kann eine Gelegenheit sein. Doch man kann, auch das ist eine Lehre aus über 25 Jahren Clusterpolitik, nichts erzwingen.

Der Autor ist seit 2016 Post-Doc Wissenschaftler in der Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ am IRS

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