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  • 30.08.2017
  • von Klaus Büstrin

Liebhaber im Paradies

von Klaus Büstrin

Grüne Idylle. Der Paradiesgarten liegt gegenüber dem Botanischen Garten an der Maulbeerallee. Er ist nicht nur ein ganz besonderes Kleinod, sondern auch ein Ort des Wissens.

Uni Potsdam startet für Paradiesgarten des Botanischen Gartens ein ambitioniertes Fundraising-Projekt

Es soll nur ein Paradies geben. Auf den ersten Seiten des Alten Testaments ist das zu lesen. Doch bekanntlich wurden aus ihm wegen des widerrechtlichen Genusses eines einzigen Apfels die ersten Menschen vertrieben. „Wir aus dem Paradies Vertriebene haben naturgemäß Heimweh danach. Wie alle Entwurzelten sind wir auf der steten Suche nach dem abhanden gekommenen Glück“, bemerkte André Heller in seinem Buch „Augenweide“. Im eigenen oder in fremden Gärten sieht man oftmals das wiedergefundene Paradies.

Der Paradiesgarten in der Potsdamer Maulbeerallee, der zum Botanischen Garten der Universität Potsdam gehört, hat einige Liebhaberinnen und Liebhaber. Und er benötigt immer mehr. Ihm soll verstärkte Aufmerksamkeit zugedacht werden. „Die Idylle des Ortes trügt ein wenig“, meint Universitätspräsident Oliver Günther, der nun ein ambitioniertes Fundraising-Projekt angeschoben hat. Das Vorhaben wird von Schirmdamen und -herren, darunter auch die Europa-Abgeordnete Susanne Melior, die Landtagsabgeordneten Luise von Halem und der Schauspieler Steffen Schröder, unterstützt, wie auch vom Freundeskreis des Botanischen Gartens e.V.

Schon als Kinder waren wir Liebhaber des königlichen Paradiesgartens an der Maulbeerallee, gegenüber des Gewächshauses des Botanischen Gartens der damaligen Pädagogischen Hochschule. In den 50er-Jahren war er ein bevorzugter Spielplatz. Es schien, als ob der Garten den Mädchen und Jungen allein gehörte. Man tobte auf den Wildwiesen und im ruinös wirkenden Stibadium. Es wurden dort Schulaufgaben erledigt und an einem einsamen idyllischen Platz konnte man sich mit einem Buch zurückziehen. Manchmal kam ein Parkaufseher vorbei und ermahnte die Kinder, nicht auf den Wiesen zu spielen. Dass bereits damals besondere, in dieser Gegend nicht heimische Pflanzen wuchsen, entdeckten die Schulkinder mit ihrer Biologielehrerin, die den Unterricht gern in das grüne Areal verlegte. Manchmal kamen auch Studenten mit ihren Professoren in den Garten, um Pflanzen zu bestimmen. Dann konnte es passieren, dass die Kinder aus dem Paradiesgarten vertrieben wurden. Noch zu DDR-Zeiten wurde das Areal für einige Zeit geschlossen, denn man gestaltete aus ihm einen geordneten Schaugarten, der in erster Linie der Forschung diente.

König Friedrich Wilhelm IV. hat den Paradiesgarten in den Jahren 1841 bis 1845 in erster Linie als einen Ort der Sammlung und der Meditation anlegen lassen. Mit ihm träumte er sich, wie mit anderen Parkanlagen und Bauten ebenfalls, ins römische Arkadien. Peter Joseph Lenné lieferte ihm dafür die Pläne. Oberhofgärtner Hermann Sello, ein Vertrauter und Freund Lennés, übernahm die gärtnerische Gestaltung. Er machte aus ihm „einen einmaligen Zaubergarten … in heute kaum mehr vorstellbarer Fülle und Schönheit“. Mediterrane Vegetation wurde bevorzugt, paradiesischer Blumenschmuck sorgte bis zur Kaiserzeit für Staunen.

Die Architekten Ludwig Ferdinand Hesse und Ludwig Persius entwarfen die Wasserkaskade beziehungsweise das Stibadium, das sich als Staffagebau eignete. Nach dem Sturz der Monarchie wurde der Paradiesgarten stiefmütterlich behandelt. Seine Liebhaber blieben weitgehend aus. 1937 verwirklichte Sanssoucis Gartendirektor Julius Emanuel Kache die Idee, aus ihm einen Schaugarten zu machen, vor allem mit südlichen Nutzpflanzen, Blatt- und Wasserpflanzen oder auch Sommerblumen, die an einem neugeschaffenen Teich mit Bachlauf wuchsen. Gestaltet wurde die Anlage durch Hermann Sello.

Für die Leitung der Pädagogischen Hochschule war die Umgestaltung aus den 30er-Jahren eine gute Gelegenheit, den Paradiesgarten ab 1950 in den Botanischen Garten zu integrieren und ihn als Forschungs- und Bildungsstätte zu nutzen. Dazu gab es natürlich einen Vertrag mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Sanssouci. Wurde zu DDR-Zeiten das Areal mal in einem mehr oder in einem weniger gepflegten Zustand bedacht, so erlebt das Grundstück seit der Gründung der Universität Potsdam im Jahre 1991 eine neue Blütezeit, das eine ständige Aufmerksamkeit erfordert. Die Kaskade, das Wasserbecken wurden in den 90er-Jahren saniert und restauriert. Das Stibadium, ein besonderes Schmuckstück, ebenfalls. Die 40 Glasvasen mit ihren verschiedenen Formen und Farben, die 1855 angefertigt wurden und seit 2009 durch Kopien auf dem Dach ersetzt wurden, sind von besonderer leuchtender Wirkung. In Sachen Stibadium war Mäzen Hasso Plattner maßgeblich beteiligt, 2008/09 wurde das Gebäude aufwendig restauriert. Auch Plattner also ein Bewunderer des Paradiesgartens. Es wäre schön, wenn sich noch mehr Freunde hinzugesellen würden, sagte Präsident Oliver Günther während eines Liebhaber- Treffens, von denen manche sich bereits als Kinder in die Gartenanlage verliebt hatten.

Einiges ist noch stark restaurierungsbedürftig. So der Teich, der eine Pflanzenkläranlage erhalten soll, die das Wasser säubert und in einen neu entstehenden Wasserkreislauf einspeist. Auf Holzstegen soll man dann das Feuchtbiotop in Augenschein nehmen können. Der Paradiesgarten als „Grünes Klassenzimmer“, bei dem man vor Ort Pflanzen und Tiere kennenlernt, ist bei Vorschulgruppen und Schulklassen bereits sehr gefragt. Durch den Bau eines Holzdecks mit Sitzgelegenheiten soll er für Kinder und Jugendliche zum Lernen und zum Diskutieren noch einladender werden. Weiterhin ist eine Neustrukturierung der Pflanzflächen geplant, auch die Aufstellung von Tafeln mit besseren Informationen zu botanischen Themen sowie mehr Gartenbänke. Um diese Vorhaben realisieren zu können – sie werden rund 800 000 Euro kosten – sind weitere Liebhaber willkommen, so Oliver Günther. „Machen wir den Garten schöner, so tun wir kein Unrecht“, sagte 1845 Friedrich Wilhelm IV., der inspirierende Geist des Paradiesgartens.

Der Autor gehört zu den Schirmherren des Projektes

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