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  • 23.08.2017

Schwankendes Schwofen

Marginale musische Erziehung, historische Gaststätten und die umwerfende Wirkung des Werderaner Obstweins. Von Josef Drabek

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen „Von Böhmen nach Brandenburg. Wege zwischen Weltkrieg und Wende“, deren erster und zweiter Teil vorliegt. Der dritte Teil zu Brandenburg beginnt mit der Studienzeit. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

Neben der Freude an Körperkultur und Sport (PNN vom 2.8.2017) hatten wir ein Faible für Kultur und Kunst, dem unterrichtsseitig aber nur wenig entsprochen wurde. So fand im Unterschied zur Studentischen Körpererziehung nur ein Jahr lang alle 14 Tage die obligate musische Erziehung statt. Dabei gab es im Bereich Musik unter anderem Übungen im Dirigieren und die Möglichkeit zum Gitarrenspiel, die ich leider nicht nutzte, obwohl es Vorkenntnisse gab. Für das Künstlerische Wort zählte das Mitwirken in der „Arbeitsgruppe Brecht“, das ich nach der „Pflichtzeit“ wegen meiner Beschränkung auf die Bild- und Tontechnik aufgab. Die anderen Mitglieder unserer Fünf-Mann-WG blieben dabei, traten bei Studententagen auf und wurden von der bekannten DDR-Autorin Renate Holland-Moritz in einem Zeitungsbericht lobend erwähnt.

Um musisch aktiv zu werden, überredete ich „Richard“, uns in dem als kulturellen Aushängeschild der Pädagogischen Hochschule bekannten Stephan- Hermlin-Ensemble für den von Manfred Grüttner geleiteten klassischen Chor anzumelden. Da hierzu ein Vorsingen nötig war, fuhren wir zum Gebäude der Arbeiter- und Bauern-Fakultät in die Hegelallee, Ecke Schopenhauerstraße, wo die Proben stattfanden. Dort angekommen, gab es Herzklopfen, weil jeder glaubte, dass der Chor anwesend ist und wir uns blamieren. Daher kehrten wir unverrichteter Dinge zurück – eigentlich schade, denn als frühere Schulchorsänger hätte man uns wahrscheinlich genommen.

Deshalb blieben für mich nur kontemplative Kulturmöglichkeiten, die in der Stadt reichlich vorhanden waren. Unsere Studienstätte, die heute zum Weltkulturerbe gehört, bot Ausblicke zum Park von Sanssouci mit seinen historischen Bauten wie dem Neuen Palais und der Orangerie, in deren rechtem Flügel sich das Historische Institut befand. Aber weil das alles vor der Haustür lag, wurde es nur nebenbei zur Kenntnis genommen, lediglich Schloss und Chinesisches Teehaus waren uns einen Besuch wert.

Im Unterschied dazu bot das Zentrum einen tristen Anblick. Diesen beschrieb der tschechische Historiker Miroslav Hroch vor Beginn unseres Studiums: „Meine erste Begegnung mit Potsdam im Jahre 1957 war sehr prosaisch. Die immer noch durch die Bombardierung deutlich beschädigte Stadt hinterließ nur einen matten Eindruck. Alles war irgendwie grau.“ Dem kann ich zustimmen. Bei Fahrten beispielsweise zum Karl-Liebknecht-Stadion haben wir historische Bauwerke wie die „Moschee“ nicht wahrgenommen oder nur beiläufig registriert. Pläne zum Wiederaufbau des ausgebrannten Schlosses blieben uns unbekannt, bis der „imperialistische Bau“ 1959/60 zugunsten eines Wohnungsbauprogramms abgerissen wurde. Gleiches galt für die Garnisonkirche mit dem zerstörten Schiff, an deren Wiederherstellung die evangelische Kirche kein Interesse hatte.

Größeres Interesse hatten wir an historischen Gaststätten, allerdings weniger wegen der Bau-, sondern der Braukunst und gemütlicher Geselligkeit. Die bot sich im „Dreimäderlhaus“, das seinen Namen einer Wirtin und ihren beiden Töchtern verdankt, und in der Traditionsgaststätte „Zur 1000jährigen Eibe“. Hier feierten alle im Heim wohnenden „Jungs“ der Seminargruppe die bei „Gosposcha“ Zimmermann bestandene Russischprüfung. Da wegen der vielen Gäste nach jeder Bierrunde abkassiert und aufgerundet wurde, hatten wir unseren Kellner ständig abrufbereit und gut geölte Stimmen für gängige russische Volkslieder.

Einen anderen Charakter besaß der Besuch in der „Mühlenberggrotte“, die 1955 von der HO als Tanzgaststätte „Weinbergterrassen“ eröffnet wurde. Im großen Saal fanden 400 Gäste Platz, darunter viele NVA-Soldaten, die das Lokal „Pickel“ nannten. Obwohl stark frequentiert, erhielt sich eine gewisse Tanzkultur, die es erlaubte, zu den Klängen einer Kapelle einschlägige Tänze aufs Parkett zu legen. Getreu dem Namen des Etablissements haben wir Wein getrunken, wobei jede leere Flasche dem Ober mit der Bitte übergeben wurde, sie wieder füllen zu lassen.

Das Gegenteil gab es zum Herrentag 1959 auf der „Friedrichshöhe“ in Werder. Zu viert waren wir mit der Weissen Flotte zur Anlegestelle hingefahren, wo schon die ersten „Obstweinopfer“ lagen. Das aus Erdbeeren hergestellte Getränk kaufte man für wenig Geld in einer Flasche, die mittels eines Tragenetzes umgehängt werden konnte. So ausgestattet erreichten wir die Höhengaststätte, in deren Saal eine Kapelle aufspielte. Die Tanzfläche mit wiegenden Körpern, wogendem Dunst und wachsendem Lärm entwickelte sich zusehends zur nahkampfdielenartigen Arena kulturlosen Tanzens. Als gegen 22 Uhr die aufgeheizte Atmosphäre kulminierte und die Musiker ins Atonale glitten, beendete der Veranstalter den schwankenden Schwof. Danach schwankten wir obstweintrunken im Dunkeln zum Bahnhof, in den überfüllten Personenzug Richtung Wildpark und ins Studentenheim, wo alle förmlich ins Bett fielen – um die Erfahrung reicher, dass der Erdbeerwein umwerfende Wirkung hat.

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