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  • 16.08.2017
  • von Holger Catenhusen

Preussische Geschichte erforschen: Sammelfimmel und Fake News

von Holger Catenhusen

Königliche Kostbarkeiten. Für die Tabatieren gab Friedrich der Große Unsummen aus. Die Kosten für die Sammlung von Tabaksdosen lassen sich heute anhand der monatlichen Schatullrechnungen des Preußenkönigs rekonstruieren (oben rechts). Fotos: SPSG, XII 11152 Foto: Daniel Lindner/Recs/Wikipedia

Im Research Center Sanssouci wird seit vergangenem Jahr in Kooperation von Schlösserstiftung und Universität Potsdam das preußische Erbe erforscht. Unter anderem kam dabei heraus, welch hohen Summen der Alte Fritz für Tabakdosen ausgab.

Potsdam - Sündhaft teuer waren die Tabatieren, für die Friedrich der Große geradezu eine Sammelleidenschaft entwickelt hatte. So ein edles Tabaksgefäß konnte durchaus bis zu 12 000 Taler kosten. Gerade einmal ein Tausendstel davon, nämlich schmale zwölf Taler, erhielt der Fechtmeister der Pagen Friedrichs als Monatslohn. Er hätte also mehr als 83 Jahre arbeiten müssen, um sich dann von seinem gesamten Salär wenigstens eine Dose leisten zu können. Friedrich hingegen hatte ein ganzes Arsenal dieser aufwendig verzierten Gefäße. Allein zwischen dem 21. Mai 1770 und dem 24. Dezember 1772 erwarb der Monarch mit den Geldern aus seiner sogenannten Roten Schatulle insgesamt 22 Tabatieren. Diese knapp zwei Dutzend Käufe sowie das Verschönern einer bereits vorhandenen Tabaksdose verschlangen die stolze Summe von 192 500 Talern.

In der Roten Schatulle sind Rechnungen des Königs erhalten geblieben

Heute, über 200 Jahre später, wissen wir dies alles so genau, weil für die Rote Schatulle sowohl die Rechnungen als auch die Quittungen und die Zahlungsanweisungen des Königs erhalten geblieben sind. Doch der König ordnete seine Finanzen längst nicht nur mittels der Roten Schatulle. Er hatte auch andere Kassen. Viele der dazugehörigen Originalbelege sind jedoch im Laufe des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen.

Der Historiker Ralf Zimmer arbeitet derzeit daran, die im Juni 2011 bei perspectivia.net erschienene kommentierte Edition der Schatullrechnungen Friedrichs des Großen um neue Informationen zu ergänzen. Denn seit der Onlineveröffentlichung vor sechs Jahren hat man in einem Nachlass Abschriften historischer Buchhaltungsunterlagen von Friedrich II. gefunden – ein Schatz, den Historiker Zimmer nun für die Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit heben soll. Der Verlust der Buchhaltung Friedrichs wird dank Zimmers Arbeit künftig daher wohl etwas weniger schmerzlich sein.

Die Forschungseinrichtung residiert im einstigen Zivilkabinetthaus in der Allee nach Sanssouci

Zimmer arbeitet als freier Mitarbeiter für das Research Center Sanssouci (Recs), einer Kooperation der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) und der Universität Potsdam. Vor zwei Jahren wurde das Recs von der SPSG gegründet, wenig später folgte die Kooperationsvereinbarung mit der Universität. Das Institut ist rechtlich nicht selbständig. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die brandenburgisch-preußische Geschichte sowie das hiesige materielle Kulturerbe zu erforschen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt, der mit diesem Themenkreis eng verbunden ist, liegt auf der Geschichte der europäischen Aufklärung. Die Forschungseinrichtung, die in Potsdam in der Allee nach Sanssouci im einstigen Zivilkabinetthaus residiert, wird von einer Doppelspitze geführt. Die beiden Direktoren des Forschungszentrums sind der Germanist und Historiker Professor Iwan-Michelangelo D’Aprile von der Universität Potsdam sowie Jürgen Luh, promovierter Historiker der Potsdamer Schlösserstiftung. Die Personalausstattung der noch jungen Einrichtung ist sehr überschaubar: Es gibt lediglich zwei etatmäßige Stellen. Hinzu kommen Projektmitarbeiter wie Ralf Zimmer.

Vorbild für das Recs war das Centre de Recherche in Potsdams Partnerstadt Versailles, erzählt Luh. Dort wird die europäische Kulturgeschichte erforscht, wie sie sich ausgehend von den historischen Zentren der Macht, insbesondere am Hof von Versailles, entwickelt hat. Ebenso wie jetzt das Recs in Potsdam arbeitet das französische Pendant an der Schnittstelle zwischen einer musealen Einrichtung und dem universitären Betrieb.

„Wir hatten immer schon die Idee, so etwas zu machen“, sagt Luh über das Recs. Am 304. Geburtstag Friedrichs des Großen am 24. Januar vergangenen Jahres wurde die Kooperationseinrichtung von Schlösserstiftung und Universität im Schloss Lindstedt der Öffentlichkeit vorgestellt. Den Festvortrag hielt damals der Historiker Avi Lifschitz vom University College London. Er referierte über die philosophischen Schriften Friedrichs des Großen. Lifschitz arbeitet zurzeit an einer englischsprachigen kommentierten Studienausgabe der philosophischen Schriften Friedrichs. Der König hatte sie auf Französisch abgefasst. Das Projekt ist eines der ersten, an dem das Recs beteiligt ist.

Das Research Centers Sanssouci ist international ausgerichtet

Wie schon der Name des Research Centers Sanssouci andeutet, ist die Forschungseinrichtung international ausgerichtet. Nicht nur ausländische Wissenschaftler wie Lifschitz sollen im Recs das Wissen mehren. Fest geplant ist für das kommende Jahr auch eine Summer School mit Studenten aus Bordeaux, Riga, dem estnischen Tartu sowie aus Potsdam. Die Arbeit des Recs soll zudem auch auf die Öffentlichkeit ausstrahlen. So gab es in Kooperation mit der Berliner Pückler Gesellschaft bereits mehrere Vorträge, die sich mit dem grünen Fürsten begleitend zur derzeit im Schloss Babelsberg stattfindenden Pücklerausstellung befassten.

Mit dem sogenannten Recs-Ovid-Forum wurde überdies ein Veranstaltungsformat ins Leben gerufen, das künftig an einem besonders edlen und inspirierenden Ort stattfinden soll: Der Ovidgalerie in den Neuen Kammern im Park Sanssouci. Hier will man zu Vorträgen einladen. Im vergangenen Juni fand die Auftaktveranstaltung statt. Am 19. Oktober wird die Reihe mit einer Lesung aus Barbara Stollberg-Rilingers „Maria Theresia“ fortgesetzt. Auch an einem Drohnen-Projekt mit der Universität Potsdam, in dem ein virtuelles 3D-Modell vom Park Sanssouci und seinen Schlössern geschaffen werden soll, ist die Forschungsinstitution beteiligt, wie Truc Vu Minh, Koordinatorin im Recs und Leiterin der Geschäftsstelle, berichtet.

Fake News gab es auch früher schon

Historiker Zimmer arbeitet zurzeit überdies an der Vorbereitung einer kommentierten Online-Edition von Flugschriften aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges. Hierfür besteht eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Potsdam. Die Flugschriften Friedrichs II. sind eine Mischung aus Propaganda und Information. Nicht alles darin entspricht den damaligen Tatsachen. Fake News, wie man es heute wohl nennen würde, gab es also auch früher schon. Was seine Siege angeht, habe Friedrich alles selber redigiert – und dabei manches ein bisschen geschönt, sagt Historiker Jürgen Luh. „Friedrich will schon seine Sicht der Dinge.“ Was nicht ins Bild passte, wurde zuweilen passend gemacht.

Auch wenn die Forschungsthemen, denen sich das Recs widmen kann, also nicht ausgehen dürften, so ist die Forschungsinstitution dennoch zunächst nur bis zum Jahr 2018 gesichert. „Und dann sind wir voll der Hoffnung, dass es weitergeht“, sagt Luh – und äußert zugleich den Wunsch nach einer besseren personellen Ausstattung. Es muss ja nicht gleich so unverschämt viel kosten wie Friedrichs Tabatieren.

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