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  • 02.08.2017

Dynamo-Dusel auf der Zickenwiese

Stadionbesuche in Babelsberg und Berlin: DDR-Heimspiele der BSG Rotation, des ASK Vorwärts und SC Dynamo. Von Josef Drabek

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen „Von Böhmen nach Brandenburg. Wege zwischen Weltkrieg und Wende“, deren erster und zweiter Teil vorliegt. Der dritte Teil zu Brandenburg beginnt mit der Studienzeit. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

Fußball wollten wir nicht nur auf grünem Rasen spielen, wie beispielsweise bei den beiden Spielen gegen eine Vertretung der Lehrerschaft (PNN vom 19.04.2017), sondern auch im großen Rund anschauen. Das war in Potsdam möglich, wo auf dem Karl-Liebknecht-Sportplatz (heute Karl-Liebknecht-Stadion) die BSG Rotation Babelsberg ihre Heimspiele austrug. Der Vereinsname verrät, dass die 1949 gegründete Betriebssportgemeinschaft einen Zeitungsverlag als Träger hatte beziehungsweise vom Verlags- und Druckwesen unterstützt wurde, was bald zum Aufstieg in die Oberliga führte. Die höchste DDR-Spielklasse haben wir allerdings nicht mehr erlebt, weil im Jahr unseres Studienbeginns der Abstieg in die Liga erfolgte, wo die Mannschaft sich zwischen Rang drei und zehn platzieren konnte.

Zum Besuch solcher Heimspiele fuhren der „Boute“ und wir „Eisernen Vier“ mit der Straßenbahnlinie 4 von der Haltestelle Im Bogen zum alten Babelsberger Rathaus, in dessen Nähe ein großer mit dem Rotationslogo gekrönter Schaukasten über die BSG, ihre Spieler und Spiele informierte. Unweit davon verkaufte ein Verantwortlicher für einen oder zwei Groschen das Programmheftchen für die anstehende Begegnung, in dem wir sofort zu lesen begannen und dabei schnurstracks zur Sportstätte marschierten, wo uns nach dem Erwerb der für Studenten besonders billigen Eintrittskarten eine Flasche Bier mundete.

In dem großen Rund, das allerdings eckig war, wo das Runde aber trotzdem ins Eckige sollte, befand sich unser Stehplatz seitlich hinter der Bande. Da es sich um einen „englischen“ Sportplatz, also einen ohne Laufbahn, handelte, hätte man einen einwerfenden Spieler beinahe anfassen können. Das hatte vor unserer Zeit der zu den Fünfjährigen gehörende „Smutje“ praktiziert, als er den Verteidiger Karl Wolf von dem in Aue beheimateten SC Wismut Karl-Marx-Stadt mit der Krampe des Regenschirms in die Hose hakte, so dass der beinahe hingefallen wäre. Wir fielen durch andere Gags auf, indem „Richard“ beim Spiel gegen die tatsächlich aus Karl-Marx-Stadt stammende BSG Motor auf einen Gong schlug, „Saran“ zur Halbzeitpause mit aufgespanntem Regenschirm und umgehängtem klingelndem Wecker zum Anstoßpunkt schritt und ich unentwegt auf dem Flügelhorn blies. Das fanden die einheimischen Zuschauer, die damals noch nicht Fans hießen, ganz lustig, unseren Torjubel für die Gastmannschaft allerdings weniger. Es gab aber nicht wie heute deshalb eine Prügelei, sondern nur entsprechende Kommentare.

Unterschiedlich zu Babelsberg saßen wir in Berlin wirklich im großen Rund. Eines davon war das Stadion des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks, die Spielstätte des ASK Vorwärts. Der 1958 erstmals DDR-Meister gewordene Armeesportklub galt als haushoher Favorit gegen den Neuling BSG Chemie Zeitz, für die neben Fortschritt Weißenfels mein sachsen-anhaltinisches Herz schlug. Auch deren zweimaliger Torschützenkönig der DDR-Oberliga, Bernd Bauchspieß, konnte die hohe Niederlage seiner Mannschaft nicht verhindern, und für meinen Torjubel bei seinem Treffer für die Gäste erntete ich böse Blicke und Bemerkungen des ASK-Anhangs.

Ein noch größeres Rund war das wiedererrichtete frühere Polizeistadion, das nach Walter Ulbricht benannt wurde und wegen dessen Barttracht im Volksmund „Zickenwiese“ hieß. Hier haben wir neben Leichtathletik-Länderkämpfen, wie etwa den gegen Großbritannien, bei dem es von DDR-Seite einen neuen Europarekord im Stabhochsprung gab, Heimspiele der Fußballmannschaft des SC Dynamo gesehen. Dieser der Volkspolizei zugeordnete und vom obersten „Horcher und Gucker“ protegierte Klub galt als bekannt für den oft erlebten „Dynamo-Dusel“. Unbeeindruckt davon galt unser Beifall solchen Gastmannschaften aus südlichen Bezirken wie Motor Zwickau und Einheit Dresden, die von den Kommilitonen „Most“ und „Saran“ präferiert wurden. Trotzdem gab es auch hier lediglich verbale und keine körperlichen Auseinandersetzungen, sodass ein Einschreiten der ebenfalls als Zuschauer anwesenden Volkspolizisten nicht nötig war.

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