19.10.2017, 15°C
  • 12.07.2017
  • von Michael Burkart & Bernd Weber

Botanischer Garten Potsdam: Düster-erotische Visionen

von Michael Burkart & Bernd Weber

Tollkirsche als Bestandteil von Hexensalben erzeugte Visionen vom Fliegen und das Gefühl von wachsenden Federn. Foto: Archiv

Vor der Tollkirsche wird nachdrücklich gewarnt: sie gehört zu den giftigsten Pflanzen Europas. Einst war die Pflanze Bestandteil sogenannter Hexensalben. Jetzt ist sie in der Drogenpflanzen-Ausstellung des Botanischen Gartens Potsdam zu sehen.

Potsdam. Im Botanischen Garten der Uni Potsdam wachsen exotische und heimische Pflanzen. In den PNN stellt Kustos Michael Burkart jeden Monat eine von ihnen vor.


Die Tollkirsche (Atropa belladonna) gehört zu den giftigsten Pflanzen der europäischen Flora. Das Nachtschattengewächs enthält in allen Teilen große Mengen hochwirksamer Tropan-Alkaloide, wie auch einige andere Vertreter dieser Pflanzenfamilie. Diese Stoffe rufen in sehr niedrigen Dosierungen düster-erotische Visionen hervor, dann Herz- und Atembeschleunigung, Mundtrockenheit sowie eine typische Lähmung der inneren Augenmuskeln. Der Tod durch Atemlähmung tritt bereits bei geringer Überdosierung ein.

Lähmung der Augenmuskulatur führt zur Pupillenerweiterung

Die Lähmung der Augenmuskulatur führt zur Pupillenerweiterung. Die resultierenden dunklen Augen werden als schön wahrgenommen und haben der Pflanze den wissenschaftlichen Artbeinamen belladonna eingetragen, übersetzt „schöne Frau“. Die Gattungsbezeichnung Atropa zitiert dagegen den Namen der griechischen Schicksalsgöttin Atropos, die nach der Überlieferung den Lebensfaden der Menschen durchtrennt.

Die Tollkirsche ist Bestandteil von überlieferten Rezepturen sogenannter Hexensalben. Möglicherweise machte die äußerliche Anwendung an stark durchbluteten Körperstellen das extrem hohe Vergiftungsrisiko besser kontrollierbar als bei der Einnahme. Wegen dieses Risikos muss vor Selbstversuchen mit Tollkirsche und verwandten Nachtschattendrogen nachdrücklich gewarnt werden!

Der Blaue Eisenhut hat ein ähnlich hohes Vergiftungsrisiko

Bemerkenswert ist ferner die Nennung von Blauem Eisenhut (Aconitum napellus) in solchen Rezepturen, einer Pflanze mit ähnlich hohem Vergiftungsrisiko und praktisch ohne berauschende Wirkung. Ihr Gift ist einerseits herzwirksam und bereits in geringen Mengen tödlich. Andererseits wirkt es auch auf Nerven in der Haut, anfangs erregend, gefolgt von einer Lähmung. In Kombination mit Tropan-Alkaloiden kann so die subjektive Empfindung des Wachsens einer Behaarung oder eines Federkleids entstehen. Die mit Tropan-Alkaloiden heraufbeschworenen Visionen waren für die Anwender offenbar kaum von der Realität zu unterscheiden, im Unterschied zu anderen Halluzinogenen, bei denen dem Nutzer durchaus bewusst ist, dass er sich auf einem „Trip“ befindet. Zumindest kann diese Argumentation erklären, wie die unter brutalster Folter erpressten Geständnisse angeblicher „Hexen“ mit Flugerlebnissen und Verwandlungen in Raben, Wölfe oder andere Tiere zustande kamen.

Gemeinde Bernau rehabilitiert hingerichtete Hexen posthum

Die Hexenverfolgung als eine Erscheinung der frühen Neuzeit (weniger des „finsteren“ Mittelalters) passt gut in das reiche Erbe unmenschlich-barbarischer Grausamkeiten unseres „christlichen“ Abendlandes. Vor diesem Hintergrund verdienen die Bemühungen der Gemeinde Bernau nördlich von Berlin Respekt, jene 25 Frauen und drei Männer wenigstens posthum zu rehabilitieren, die zwischen 1536 und 1658 dort wegen „Hexerei“ hingerichtet wurden. Seit 2005 erinnert ein Denkmal neben dem Henkerhaus an die Opfer. Michael Burkart, Bernd Weber

TERMINE:
Tollkirsche und Eisenhut blühen jetzt im Drogenpflanzenbeet des Botanischen Gartens Potsdam (Maulbeerallee 2). Sie sind Teil der Ausstellung „Rausch und Wirklichkeit – Bewusstseinsverändernde Pflanzendrogen“ (noch bis 3. Oktober). Letzte Veranstaltung vor der Sommerpause ist am kommenden Sonntag (15 Uhr) für Kinder ab 6 Jahren, Thema: Fleischfressende Pflanzen einschließlich Fütterung, bitte anmelden. MB

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