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  • 14.06.2017
  • von Jan Kixmüller

Neues Religionszentrum an der Uni Potsdam: Religionswissenschaftler Hafner: „Eine gerechtere, lichtere, hellere Welt“

von Jan Kixmüller

Der Potsdamer Religionswissenschaftler Johann Hafner. Foto: Andreas Klaer

Der Religionswissenschaftler Johann Hafner spricht im PNN-Interview über das neue Religionsforum der Universität, die Utopie des Glaubens, den Dialog der Religionen und die nötige Aufklärung über religiösen Extremismus.

Herr Hafner, Sie haben das Forum „Religionen im Kontext“ an der Uni Potsdam mit aufgebaut. Wozu wurde eine solche Einrichtung nötig?

An vielen Universitäten ist sichtbar, dass Religion heute nicht nur in der klassischen Theologie und Religionswissenschaft, sondern auch von der Soziologie bis zu den Wirtschaftswissenschaften eine Rolle spielt. Diese Drift in andere Disziplinen hinein muss begleitet werden, damit sich der Gegenstand „Religion“ nicht in verschiedenen Methodiken und Beschreibungen verliert. Wir wollen, dass alle religionsbezogenen Wissenschaften miteinander im Gespräch bleiben. Wir gehen davon aus, dass die Religiosität der Menschen ein Gegenstand ist, der, egal in welcher Disziplin betrachtet, einen Zusammenhang bildet. Dafür soll das Forum eine Plattform bieten.

Welche Rolle spielt die Interreligiosität?

In der Wissenschaft wird der interreligiöse Dialog zwar beobachtet, aber bislang wenig befördert. An den Universitäten gibt es wesentlich weniger Dialog zwischen den Religionen als in der Gesellschaft, der Austausch ist zu stark auf die einzelnen Theologien beschränkt. Dafür wollen wir ein Gesprächsforum schaffen.

Wird das vorrangig von einer christlichen Perspektive aus gedacht?

Ein symmetrischer Dialog wird hier nie möglich sein, denn bei uns dominieren die beiden christlichen Konfessionen das Thema. Wir haben in Deutschland über 700 christliche Theologieprofessuren, aber – je nach Zählung – nur rund zehn jüdische, die islamische Theologie entsteht an vier Standorten mit je vier Professuren. Insofern wird der Dialog vom Christentum dominiert sein.

Aber?

Am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft haben wir den glücklichen Zustand, dass einige Kollegen gleichzeitig Religionswissenschaftler und Vertreter ihrer jeweiligen Religion sind. So können wir leichter die Innenperspektive einer Religion zum Gegenstand der Wissenschaft machen und leichter Kontakte zu den jeweiligen Religionsgemeinschaften knüpfen. Kadir Sanci, der den sunnitischem Islam vertritt, ist gleichzeitig Imam des geplanten House of One in Berlin – damit haben wir auch einen Bezug zu diesem interreligiösen Vorhaben zwischen Christen, Juden und Muslimen.

Sie könnten sich als katholischer Theologe doch auf das Christentum beschränken. Das wäre sicher einfacher. Woher rührt Ihre Motivation für Interreligiosität?

Meine Aufgabe ist es, nicht als katholischer Theologe, sondern als Religionswissenschaftler die verschiedenen Erscheinungen des Christentums zu erläutern und zu vergleichen. Als Religionswissenschaftler spreche ich nicht als Christ, sondern über das Christentum. Die Kenntnis anderer Konfessionen lässt erst die Besonderheit der eigenen Konfession hervortreten. Max Müller, Begründer der vergleichenden Religionswissenschaft, hat das kurz gefasst: „Wer eine Religion kennt, kennt keine.“ Auch halte ich es heute für angezeigt, dass Religionen gegenseitig aus ihren Fehlern lernen und ihre Errungenschaften gegenseitig schätzen.

Es geht in dem Forum auch um die Interdisziplinarität. Was können Physiker, Biologen oder Mathematiker zum Thema Religion überhaupt beisteuern?

Die Gravitationsphysiker befassen sich beispielsweise auch mit dem Ursprung der Welt. Dazu suchen sie den Kontakt zum kulturgeschichtlichen Hintergrund. In sogenannten Mixed Conferences wird nicht nur die Vieldimensionalität der Stringtheorie modelliert, sondern die Forscher wollen auch reflektieren, was Begriffe wie „Teilchen“ oder „Anfang“ oder „Universum“ noch bedeuten, wenn sie keine alltagsweltlichen Eigenschaften mehr tragen. Da berühren sie metaphysische und religiöse Traditionen. Dazu sind wir dann da. Ähnlich ist es in der Musikwissenschaft: Musiktheorie ist ohne die Erläuterung einer katholischen Messe oder des lutherischen Abendmahls gar nicht möglich. Solche Querverbindungen soll das Forum innerhalb der Universität schaffen.

Das kann für Gläubige aber auch ernüchternd sein, wenn beispielsweise die Biologen die Spiritualität mit der Ausschüttung körpereigener Endorphine erklären.

Da haben Sie Recht, das kann auch entzaubernd wirken. Soziologen gehen davon aus, dass Religion zur sozialen Integration von Individuen in Gemeinschaften dient, mehr nicht. Oder zur Einübung von Selbstbeobachtung mittels der Vorstellung von einem geistigen Begleitwesen. In den Kognitionswissenschaften hört man, was im Gehirn passiert, wenn jemand in der Phase der Tiefenentspannung ist: Die ozeanischen Gefühle lassen sich sogar messen. Damit wird die Religion auf der Ebene der psychischen, biologischen oder sozialen Zusammenhänge als Konstrukt dann entzaubert. Aber das heißt nicht, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit von Religion dadurch geschmälert wird. Wenn man sich auf das Wesentliche der Religion beschränkt, dann geht es nicht um Gefühl und soziale Integration, sondern auch um Utopien, die uns anleiten. Viele Religionen entwerfen eine gerechtere, lichtere, hellere Welt, auf die wir hinstreben. Das ist eine kontrafaktische Vorstellung. Es geht dabei nicht darum, wie die Welt hier ist, sondern wie sie sein sollte.

Kann das Forum auch einen Beitrag zur Aufklärung über religiösen Fundamentalismus und Extremismus leisten?

Auch das ist bei uns Thema. Ob die akademische Debatte allerdings die Milieus erreicht, die von religiösen Gewaltvorstellungen berührt werden, bezweifle ich. Unser Multiplikator in diesen Fragen ist in jedem Fall das Schulfach LER, zu dem wir für Brandenburg und Berlin Lehrer und Lehrerinnen ausbilden. Sie können die Gewaltaffinität bestimmter Texte erklären. Den Aufruf zur Gewalt gibt es in allen Religionen. Doch in den Auslegungstraditionen wurde das oft als innerer Kampf, als Kämpfe in der Urzeit oder als endzeitliche Schlacht dargestellt – damit es nicht als direkte Anleitung zur Gewaltausübung missverstanden wird. Den Schülern kann man zeigen, dass die Interpretationsgeschichte der Religionen zu den ursprünglichen Bedeutungen meist völlig gegenläufig ist.

Warum hat eine gute Ausbildung der LER-Lehrer Priorität?

Gerade im Bereich Religion muss man aufpassen, ob man im Internet, ob man auf einer Seite einer evangelikal-apokalyptischen Gruppe oder einer Hochschul-Homepage liest. Ich erhalte Arbeiten, in denen die Quellenscheidung im Internet nicht richtig vorgenommen wird. Dabei wäre es so einfach: Zuerst in die Bibliotheken und dann erst ins Internet zu gehen – und nicht umgekehrt.

Ist die Interreligiosität eine Besonderheit der Potsdamer Religionswissenschaft?

Dass wir daran festhalten, dass es verschiedene Religionen gibt, die jeweils eine Eigengröße darstellen, halten viele unserer Kollegen für ein veraltetes Modell. Sie halten diese Sichtweise für alteuropäisch, metaphysisch und eurozentrisch. Sie betrachten die einzelnen Gruppen auf kleinster Ebene im Detail und zu einem Zeitpunkt. Das ist ja auch für die Grundlagenforschung wichtig. Aber wir gehen davon aus, dass es in den jeweiligen Glaubensrichtungen Gravitationszentren gibt, um die sich die Menschen versammeln und wiederkehrende Motive aufrufen – im Christentum etwa, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Nur über gemeinsame Nenner kann man die verschiedenen Glaubensrichtungen und die unterschiedlichen Situationen vergleichen. Diese Nenner können von außen an Religionen herangetragen werden, aber auch aus ihrem Selbstverständnis übernommen werden.

Wie verhält sich Potsdam in Bezug auf die Pläne eines Instituts für islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität?

Wir sind in Gesprächen für eine Zusammenarbeit, es gibt von uns konkrete Vorschläge für gemeinsame Handlungsfelder. Ich finde es eine gute Idee, dass es verschiedene miteinander kommunizierende Theologien nebeneinander geben soll. Aber dabei sollte auch die Religionswissenschaft als Außenperspektive miteinbezogen werden. Es reicht nicht, wenn die Religiösen untereinander einen Dialog haben, es sollten auch andere religionsbezogene Disziplinen beteiligt werden. Ohne die Reflexion der Geschichte, der Kognition, der Sozialgestalt oder auch des Atheismus wäre die geplante Fakultät der Theologien unvollständig.

Die Katholiken fühlen sich an Berlins Hochschulen unterrepräsentiert. Zwischenzeitlich hatte man auch ein Auge auf Potsdam geworfen.

Es wäre vorstellbar, dass in Potsdam Lehrstühle für katholische Theologie entstehen. Aber: Zur Priesterausbildung wäre eine volle Fakultät mit zehn Lehrstühlen nötig – diese Dimension kann niemand tragen. Auch würden die Studierendenzahlen im Berlin-Potsdamer Raum so etwas nicht rechtfertigen.

Sie haben aber noch einen anderen Vorschlag.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sich eine Ordenshochschule aus Münster in der Bundeshauptstadt oder ihrer Nähe ansiedelt. Damit die von den Bischöfen und Diözesen unabhängigen Orden – Kapuziner und Dominikaner und Franziskanern – aus dem Schatten der großen theologischen Fakultät in Münster heraustreten können, um im Berliner Kontext eine spirituell-akademische Tradition neben der analytischen Wissenschaft neu zu begründen.


Das Gespräch führte Jan Kixmüller

ZUR PERSON: Johann Ev. Hafner (54) ist Religionswissenschaftler und Vorsitzender des Forums „Religionen im Kontext“ an der Universität Potsdam. Der katholische Theologe ist auch als Diakon tätig.

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