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  • 17.05.2017
  • von Sarah Kugler

Neuer Leiter des Fontane-Archivs in Potsdam: Ein kultureller Akteur

von Sarah Kugler

Offen für Neues. Fontane-Archiv-Leiter Peer Trilcke. Foto: Sebastian Gabsch

Peer Trilcke ist neuer Leiter des Theodor-Fontane-Archivs. Er möchte das Haus und den ganzen Fontane präsenter machen.

Potsdam - Die schweren Stühle sind verschwunden, die dunklen Holzregale auch. Dafür steht im Büro von Peer Trilcke nun ein großer schlichter Tisch, ein offener Platz für Diskussionen, für Gespräche mit Kollegen. Der 36-jährige Literaturwissenschaftler hat vor wenigen Wochen die Leitung des Potsdamer Theodor-Fontane-Archivs übernommen, das seinen Sitz direkt am Pfingstberg in der Villa Quandt hat. Er tritt damit die Nachfolge von Hanna Delf von Wolzogen an, die das Haus die letzten 20 Jahre geleitet hat und in der vergangenen Woche offiziell verabschiedet wurde. Räumlich ist er dabei schon angekommen, wie er sagt. Er fühlt sich wohl in Potsdam – sowohl am Pfingstberg, als auch in Potsdam-West, wo er nun wohnt. „Ansonsten muss ich erst einmal schauen, wie das Haus funktioniert, viele Gespräche führen, viel beobachten“, so Trilcke, der in Kiel Neuere deutsche Literatur studiert hat und dann Vertretungsprofessor an der Universität Göttingen war.

Erstes Ziel: Ein öffentlich zugänglicher Online-Katalog

Peer Trilcke meint damit nicht nur interne Gespräche, sondern auch solche über die Schwelle des Archivs hinaus. Mit wissenschaftlichen Einrichtungen der Stadt, aber auch mit anderen Fontane-Forschern. „Wir sind eine wissenschaftliche Einrichtung, ein kultureller Akteur“, so Trilcke. „Deswegen ist es wichtig, dass Menschen zu uns kommen und unser Angebot nutzen.“ Damit potenzielle Archivbesucher auch wissen, welche Schriften oder Literaturangebote sie überhaupt dort finden können, ist Trilckes erstes Ziel, einen ausführlichen öffentlich zugänglichen Online-Katalog anzulegen. Bisher existiert nur ein interner Bestandskatalog, der von Besuchern vor Ort genutzt werden kann. „Das hat gerade hohe Priorität“, betont er. Langfristig plant das Haus auch eine Digitalisierung des gesammelten Archivmaterials. „Das wird allerdings viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen“, räumt Trilcke ein. Denn abgesehen von den technischen und personellen Voraussetzungen, die geschaffen werden müssen, muss auch das Material an sich für den digitalen Nutzer aufbereitet werden. „Das sind zum Teil sensible Daten, die kann man nicht einfach so ,dirty’ ins Netz werfen“, sagt der Archivleiter. Die Anmerkungen, Hilfestellungen, all das muss ebenfalls digital aufbereitet werden. Dafür sei viel interdisziplinäre Kommunikation nötig.

Doch der Aufwand kann sich lohnen, wie Trilcke selbst sagt. Denn je höher die Präsenz im Netz sei, umso höher sei die Wahrscheinlichkeit, auch jüngere Menschen zu erreichen. Nachwuchswissenschaftler zu unterstützen und zu bilden ist Trilcke ein großes Anliegen. Als Juniorprofessor für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts an der Universität Potsdam, an die das Archiv seit 2014 angegliedert ist, sitzt er dicht an der Quelle – und ist sich seiner Verantwortung sehr bewusst. „Bei mir ist die Leidenschaft ja auch durch die Lehre gekommen“, erklärt er. Zunächst sei es ein toller Deutschlehrer gewesen, der ihn mit Thomas Mann und Wolfgang Goethe begeisterte. „Und dann hatte ich ein herausragendes Studium, das mich für die Forschung gewonnen hat.“ Die Frage, warum Gesellschaften Literatur hervorbringen, treibe ihn besonders an. „Mich interessiert, was Literatur für eine Gesellschaft leistet und warum zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Realismus aufkam“, erklärt Trilcke.

Trilcke: Fontane hätte heute jede Menge zu sagen

Ihm geht es auch darum zu fragen, was etwa ein Autor wie Fontane heute noch zu sagen hat. Sein bisheriges Ergebnis: Jede Menge. „Bei ihm geht es oft um Rollenverteilung, besonders die der Geschlechter durch die Gesellschaft“, erklärt der Literaturwissenschaftler. „Das passiert heute immer noch, zwar anders, aber genau darüber kann man ins Gespräch kommen.“ Auch der Lebensweg Fontanes sei einem heute noch erstaunlich nahe, wie Trilcke meint. Schließlich ist der gelernte Apotheker zunächst lange als Journalist tätig gewesen, bis er erst spät zum erfolgreichen Schriftsteller wurde. Fontane in seinen vielen Funktionen – als Lyriker, Journalist, Romanschriftsteller, Briefeschreiber – einem breiteren Publikum bekannt zu machen, sei auch weiterhin eine Aufgabe des Archivs. Selbst Peer Trilcke hat durchaus noch Nachholbedarf in der Lektüre, wie er zugibt. „Manches kenne ich noch gar nicht, manches muss ich einfach nochmal vertiefen“, sagt er und fügt etwas verlegen hinzu: „Ich muss auch gestehen, dass der Lyriker Fontane mir noch nicht so zusagt.“

Im Hinblick auf das anstehende Jubiläumsjahr 2019, in dem Fontanes 200. Geburtstag gefeiert wird, gebe es aber andere Themen aufzuarbeiten. Fontanes Haltung zum Judentum etwa, die sehr ambivalent war, wie Trilcke sagt. „Das wollen wir auf keinen Fall unter den Tisch kehren, wir wollen keinen Zuckerguss- Fontane verkaufen.“ Vielmehr soll ein vielseitiges Bild des Schriftstellers geschaffen werden, etwa auf einem großen Kongress, aber auch in wiederholten Veranstaltungen im Haus, die natürlich auch unabhängig vom Fontanejahr stattfinden, wie Trilcke betont. Auch mit anderen Akteuren der Stadt möchte der neue Archivleiter in Zukunft stärker zusammenarbeiten. Bis alle Planungen vollendet sind, wird es allerdings noch viele Gespräche am großen Tisch in Trilckes Büro geben.

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