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  • 17.05.2017
  • von Jan Kixmüller

Zeithistorische Forschung in Potsdam: Flucht ist nicht steuerbar

von Jan Kixmüller

Abgeschottet. Historiker wissen, dass Migration in der Geschichte Europas eher der Normalfall ist. Ethnische Homogenität von Gesellschaften sei vielmehr eine Illusion. Wenn Europa heute wieder seine Grenzen schließe, sei das ein Irrweg. Denn Fluchtbewegungen würden sich durch Zäune nicht aufhalten lassen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Erstmals betrachten Potsdamer Zeithistoriker das Jahrhundertthema Migration. Und kommen dabei zu der Erkenntnis, dass Einwanderung nicht durch Grenzen und Restriktion reguliert werden kann.

Potsdam - Die Zeitgeschichte hat das Thema spät für sich entdeckt: „Erst 2015 setzte sich das Bewusstsein durch, dass wir in einer bislang nicht wahrgenommenen Phase der globalisierten Migration leben“, so der Co-Direktor des Potsdamer Zeithistorischen Zentrums (ZZF), Martin Sabrow. „Plötzlich fragen wir nach den Vertragsarbeitern aus Mosambik, Nicaragua, Kuba oder Vietnam in der DDR, plötzlich fragen wir nach den 30 000 Flüchtlingen, die 1979 aus Südostasien in die Bundesrepublik kamen und als Boatpeople Reaktionen zwischen Willkommen und Abschied auslösten, wie wir sie seit 2015 wieder erleben“, sagte Sabrow unlängst auf der Konferenz „Unmögliche Ordnung – Europa, Macht und die Suche nach einem neuen Migrationsregime“.

Plötzlich rücke auch das fast vergessen Schicksal der 20 000 Tamilen in den Fokus, die die DDR zwischen 1985 und 1987 einreisen ließ und nach West-Berlin weiter schickte, um Bonn unter Druck zu setzen. Damals schrieb der Spiegel von überfüllten Asylbewerberheimen und Politikern, die in ihrer Not das Asylrecht einschränken wollen. „Die Ähnlichkeiten zur Gegenwart sind deutlich“, so Sabrow.

Bislang hatte sich die deutsche Zeitgeschichte um solche Themen kaum gekümmert. Um das Terrain zurückzugewinnen, müsse nun eine neue zeithistorische Perspektive entwickelt werden, eine Erweiterung des Blickes. Sabrow spricht sogar von einer Art Gegenwartsgeschichte angesichts des Migrationsthemas – auch weil die Zeitgeschichte den „Fluchtpunkt ihrer Meistererzählung“ verliert, der immer noch auf 1989 liege.

Raus aus dem Krisenmodus

Marion Detjen vom Potsdamer ZZF, die zusammen mit Frank Wolff vom Institut für Migrationsforschung der Universität Osnabrück die internationale Konferenz organisiert hat, betont ebenfalls die Relevanz der zeithistorischen Betrachtung. Es sei wichtig, die Migrationsgeschichte als transnationale Geschichte zu betrachten: „Um die Gegenwart ein wenig zu relativieren, um aus dem Krisenmodus herauszukommen.“ Der tiefere Blick in die Geschichte zeige, dass wir heute schon viel weiter sind, als wir denken, sagte Detjen den PNN. Es sei falsch, angesichts der aktuellen Migrationsbewegungen in Panik zu verfallen. „Denn auf lange Sicht gesehen haben wir heute eine Position, mit der wir arbeiten können.“

Der Blick in die Vergangenheit lasse Rückschlüsse darauf zu, wie man die Dinge für die Zukunft positiv verändern kann. Dazu müssten die historischen Linien aber erst einmal genau betrachtet werden, auf Fakten und Evidenz basierend.

Vergleich mit Vertriebenen

So lasse sich beispielsweise die Einwanderung der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus mit aktuellen Migrationsprozessen vergleichen: „Auch das waren Menschen, die nicht freiwillig ihr Land verlassen hatten, die in Not kamen und als Neulinge, Fremde und störende Elemente von der Aufnahmegesellschaft empfunden wurden“, so Detjen. Zwar habe es den Vertriebenen die Integration sehr erleichtert, dass sie rechtlich als Deutsche galten und die gleich Sprache sprachen. Dennoch habe es auch hier sehr starke kulturelle Unterschiede gegeben, die Konflikte hervorriefen. „Es gab heftige Auseinandersetzungen und viel Leid in den meisten Flüchtlingsfamilien“, sagte Detjen. „Es ist ein Irrtum zu denken, dass es in sich geschlossene homogene Gemeinschaften überhaupt gibt“, so Detjen. Seien doch beispielsweise Preußen und Bayern noch bis ins 20. Jahrhundert kulturell äußerst unterschiedlich gewesen.

Ein differenzierter Blick zeige, dass jede Einwanderergruppen ihren spezifischen Hintergrund habe, seien es die Türken oder die Vietnamesen, von denen es selbst wiederum komplett unterschiedlich Gruppen gibt. Über die vergangenen Jahre fand gerade bei den Vietnamesen eine relativ gute Integration statt, die Eltern fanden Arbeit und entwickelten ein starkes Bildungsbewusstsein für ihre Kinder. Bei den Türken sei es wiederum eine völlig andere Geschichte, sie hatten über Jahrzehnte nur einen Gaststatus mit offenem Ausgang. Nach drei Generationen könne man aber trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten auf beiden Seiten von einer Erfolgsgeschichte sprechen.

Der Rückblick können uns als Gesellschaft heute ermutigen, sagte Detjen. So erinnerte sie auch an die starke Einwanderung aus Polen ins Ruhrgebiet vor rund 100 Jahren. Heute habe dort noch jeder Zweite einen polnischen Namen, während von diesen Wurzeln kaum noch etwas vorhanden ist. Einwanderung gehöre zur Geschichte Europas dazu. „Bis zum Zweiten Weltkrieg war in Europa Migration der Normalfall“, erklärt Detjen. Heute entwickele es sich wieder in diese Richtung. Nationalstaaten sieht die Historikerin als Konstrukt von politischen Kräften. „Kritisch wird es in der Geschichte immer, wenn Fragen zur Nationalität zur Identitätsfrage werden, wenn das Wir gegen Andere abgegrenzt wird.“ Das sei heute in Europa flächendeckend wieder stark zu beobachten. „Dem muss etwas entgegengesetzt werden.“

Festung Europa

Ausgangspunkt der Konferenz war die Feststellung, dass die EU als Reaktion auf die gewandelte Migration nach dem Ende des Kalten Krieges ein neues System der Grenzsicherung errichtet hat. Aus dem „Eisernen Vorhang“ sei die „Festung Europa“ geworden, in der zwischen innerer Freizügigkeit und äußerer Abschottung scharf unterschieden werde. Die Initiatoren der Konferenz sprechen hier von einem Versagen auf der Suche nach einer umfassenden Migrationsordnung. Akteure und Organisationen seien durch eine Differenz zwischen ihrem Ordnungs- und Machtwillen und dem kreativen menschlichen Handeln überfordert. Das Migrationsgeschehen, die Debatten und der Umgang damit würden Europa verändern – und umgekehrt. „Migration verändert stets das, was wir als Europa begreifen“, so Frank Wolff. „Deshalb ist die lange Suche nach einer europäischen Migrationsordnung auch die Suche nach der europäischen Zusammengehörigkeit. Vielleicht sogar nach der europäischen Identität.“

Um der Komplexität des Themas gerecht zu werden hatten die Historiker auch vielerlei andere Disziplinen und Organisationen bis hin zur Kunst und Kultur eingeladen. So war es dann auch der Leiter der Bundeszentrale für Politische Bildung, der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, Theologe und SPD-Politiker Thomas Krüger, der nicht nur auf den postkolonialen Hintergrund der Migrationsbewegungen hinwies, sondern auch daran erinnerte, dass die Mythengestalt Europa selbst eine illegale Migrantin war.

Messerscharf dann die Analyse von Migrationshistoriker Frank Wolff, der sich auf Ergebnisse von Kollegen und die historische Betrachtung stützt. Der Ruf nach Wiederherstellung der Nationalgrenzen in ganz Europa suggeriere, dass Migration zuvor stabile Nationalstaaten aus der Balance bringe. Dabei werde fälschlicherweise von einer ethnischen Homogenität in den Gesellschaften ausgegangen. „Wenn diese in Europa aber überhaupt je existiert hat, dann nur als kurzfristige Folge von Krieg und Genozid.“ Falsch sei auch die Vorstellung, dass Zuwanderung bis zur jeweilige Krise geordnet verlaufen wäre. Eine zentrale Erkenntnis der migrationshistorischen Forschung besage, dass Migration viel schneller Gesellschaften verändere, als dass diese Migration kontrollieren können.

Tausende Tote im Mittelmeer

Der Blick in die Geschichte zeige, dass wer auf Grenzen setzt, letzten Endes auch bereit sein muss, zu schießen. Langfristig würden Grenzanlagen wie die Berliner Mauer – in deren Berliner Gedenkstätte die Konferenz stattfand – nicht vor Veränderungen schützen, sondern hingegen die Möglichkeit reduzieren, Veränderungen konstruktiv zu gestalten. Das gelte heute auch für das Mittelmeer, in dem jährlich Tausende Menschen auf der Flucht ihr Leben lassen. „Der Ruf nach Grenzkontrollen ist nichts anderes als ein demagogischer Zugriff auf eine komplexe und durchaus konfliktreiche Situation.“

Die nach dem Ende des Kalten Krieges gesuchte Europäische Migrationsordnung habe vor allem ökonomische Interessen im Blick gehabt. Die Akteure hätten das Migrationsregime als internationalen Aushandlungsprozess erkannt: „Damit wurde anerkannt, dass Migration per Se nicht abschließbar oder lösbar ist – weder durch Abkommen noch durch Grenzen“, so Wolff. Spätestens seit dem Fall der Mauer suchen wir nach der einer neuen Migrationsordnung. „Wir werden sie aber nicht finden – das Aushandeln ist das Ziel.“ Die Politik könne den Prozess nur erleichtern oder erschweren. Und Wolff gibt auch zu bedenken, dass ein ganz entscheidender Akteur von den Beteiligten vergessen worden sei: die Migranten selbst.

In Europa habe sich ein überraschender Effekt gezeigt: „Je deutlicher wir sehen, dass Migration nicht steuerbar ist, desto fester klammern wir uns an die Idee der Grenzen.“ Wolff zitierte einen mexikanischen Witz, wonach der wichtigste Effekt eines vier Meter hohen Zaunes die Steigerung der Produktion von fünf Meter langen Leitern sei. Er kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Die Rückkehr zum Grenzdogma ist eigentlich eine innereuropäische Misstrauenserklärung.“ Denn einfache Regulierungen würden an der Komplexität der Migration scheitern. Dennoch versuche man, diese Komplexität auszuhebeln, indem mehr Regulation eingeführt werde. „Das kostet derzeit Tausende Menschenleben – und treibt Europa auseinander.“

Eine reichlich entspannte Perspektive brachte schließlich der libanesische Philosoph Bashshar Haydar von der American University Beirut in die Debatte mit ein. Er verstehe die ganze Aufregung in Europa nicht. Während es hier um die Aufnahme von rund einer Million Flüchtlingen im Jahr eine riesige Aufregung gegeben habe, nehme das kleine Land Libanon ein Vielfaches davon auf. Er rät zu mehr Gelassenheit und weniger Perfektionismus: Vielleicht sei das Ziel einer kompletten Assimilation eine zu hohe Hürde. Zudem könnte Länder wie Deutschland sich nach der weitgehend gelungen Integration etwa der eingewanderter Türken und Vietnamesen der neuen Herausforderung selbstbewusst und gefasst stellen. Haben wir doch reichlich Erfahrungen, aus denen wir schöpfen können, wie auch Frank Wolff feststellt.

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