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  • 19.04.2017
  • von Steffi Pyanoe

Beratung und Therapie an der Uni Potsdam: Der Hypochonder-Arzt

von Steffi Pyanoe

Das Leid mit dem Leiden. Hypochonder sind keine neue Erscheinung, bereits Moliere schrieb 1673 die Komödie „Der eingebildete Kranke“; ein Stück, in dem das Publikum über das ernste Thema lachen kann. Der Maler Honoré Daumier hat das Phänomen um 1860 auf seine Weise interpretiert. Repro: Archiv

Eingebildete Kranke leiden unter ihren Ängsten. Die Universität Potsdam hat nun ein Beratungsangebot für Menschen mit Krankheitsangst eingerichtet.

Potsdam - Die leichte Schwellung am Hals war gestern noch nicht da. Was könnte das sein? Ist es die Schilddrüse – oder gar Krebs? Und wenn ja, ist es lebensbedrohlich, gibt es Heilungschancen? Es gibt Menschen, denen rattern solche Gedanken innerhalb weniger Minuten nach dem Aufstehen durch den Kopf, anschließend setzen sie sich vor den Rechner und lesen stundenlang Krankheitsbeschreibungen und Erfahrungsberichte im Internet. Ist das noch ein normales Interesse an der eigenen Gesundheit?

„Wenn es zur Belastung wird, wenn die Beschäftigung damit mehr und mehr Zeit einnimmt und man vielleicht nicht mehr dazu kommt, mit den Kindern zu spielen, weil man immer daran denken muss, dass man möglicherweise einen Tumor hat – dann spricht man von einer psychischen Störung“, sagt Florian Weck. Der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Potsdam beschäftigt sich seit zehn Jahren mit „Menschen mit Krankheitsängsten“. In der ausgeprägten Form heißt es Hypochondrie, dann sitzt man möglicherweise wöchentlich bei Fachärzten, sagt Weck, besteht auf immer kompliziertere Untersuchungen und lebt doch in der ständigen Angst, man könnte schwer krank sein.

Neues Beratungsangebot soll Betroffenen helfen

Das ist keineswegs komisch, sondern für die Betroffenen ein großes Problem. Aus solchen Sorgen können sich weitere Störungen entwickeln, Depressionen, Schlafstörungen, noch mehr Ängste. Deshalb hat die Universität Potsdam jetzt ein spezielles Beratungsangebot für Menschen mit Krankheitsangst eingerichtet. In der Psychologisch-psychotherapeutischen Ambulanz der Universität in der Posthofstraße können sich Betroffene ab sofort melden. Nach einem ersten Beratungsgespräch wird entschieden, ob eine Therapie in Frage kommt. Auf Antragstellung trägt die Krankenkasse die Kosten. Eine Überweisung vom Hausarzt oder Facharzt braucht man nicht, erklärt Florian Weck.

Bisher gibt es deutschlandweit erst wenige solcher Beratungsstellen mit Therapieangeboten, beispielsweise in Mannheim und Mainz. Erst seit etwa 15 Jahren gibt es überhaupt ein Behandlungskonzept, sagt Weck. Er beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema, 2007 promovierte er zur Behandlung von Patienten mit Hypochondrie. In Potsdam leitet er jetzt ein Team von 13 approbierten Psychotherapeuten. „Ich wünsche mir, dass das schnell bekannt wird und gut angenommen wird“, sagt der Psychologe.

Wirklich krankhaft sind weniger als ein Prozent

Etwa sieben bis zehn Prozent der Menschen sorgen sich überdurchschnittlich viel um ihre Gesundheit, und längst nicht jeder, der sich gewissenhaft um seine Gesundheit kümmert und gut mit seinen Blutwerten auskennt, ist ein Hypochonder. Tatsächlich krankhaft sei es bei weniger als einem Prozent, sagt Weck. Hypochonder sind dabei keine neue Erscheinung. Moliere schrieb 1673 die Komödie „Der eingebildete Kranke“, ein Stück, in dem das Publikum über das ernste Thema lacht.

Der eingebildete Kranke selbst aber leidet. Damals wie heute. Neu ist heute, dass durch das Internet der Zugang zu Fachinformation leichter geworden ist. Viele Menschen sind geradezu Experten auf ihrem Gebiet, sagt Weck. Dazu kommt, dass die Facharztdichte in Deutschland im europäischen Vergleich relativ hoch ist. Weil in der Regel jeder, der möchte, früher oder später einen Arzttermin bekommt, können aber auch unnötige Kosten für das Gesundheitssystem entstehen. Es sei durchaus denkbar, dass Ärzte das ausnutzen, noch diese oder jene Untersuchung anregen und vielleicht sogar den Patienten zu zusätzlichen, aber kostenintensiven Leistungen überreden.

Verhaltenstherapie statt vieler medizinischer Untersuchungen

Dabei wäre es viel wichtiger und hilfreicher, die tatsächliche Ursache für diese Angststörung zu finden und zu behandeln. Die Heilungschancen sind gar nicht so schlecht, sagt Weck. Es ist wie bei anderen Ängsten auch: Die Angst wird nicht komplett verschwinden, aber man kann lernen, damit umzugehen. Ziel sei ein gesundes Mittelmaß zwischen Sorge und Sorglosigkeit.

Wie macht man das? Jedenfalls nicht mit weiteren medizinischen Untersuchungen, um vermeintlich Klarheit oder eine Diagnose zu finden. „Das feuert die Ängste nur noch mehr an“, sagt Weck. Stattdessen lernt der Patient über eine Verhaltenstherapie, wie er mit seiner Angst umgeht. „Er lernt, Symptome richtig zu bewerten und einzuordnen“, sagt der Psychologe. Beispiel: Ein Schnupfen ist und bleibt eben ein Schnupfen und ist nicht die Vogelgrippe. Zur Verhaltensänderung gehören Umstellungen im Tagesablauf, zum Beispiel zu versuchen, zeitweise ohne Internet zurechtzukommen. Nicht über Krankheiten sprechen, keine Filme darüber anzuschauen. „Das kann man lernen.“ Weiterer Therapieschwerpunkt: Konfrontation mit dem eigentlichen Problem. „Der Patient muss sich fragen, warum das Thema Krankheit und Sterben für ihn ursächlich so wichtig ist.“ In einer französischen Studie zeigte sich, dass nach drei Jahren Therapie zwei Drittel der Patienten sich von ihrer Angststörung befreit fühlten.

Auch an der Psychologisch-psychotherapeutischen Ambulanz der Universität Potsdam sind dazu Studien geplant. Wünschenswert und sinnvoll wären auch Weiterbildungen für Hausärzte, denn nicht alle erkennen so ein Krankheitsbild und wissen damit umzugehen. Auch nicht jeder Psychologe kenne sich mit dieser Störung aus. „Die meisten Betroffenen kommen von selber darauf, dass sie ein Problem haben, weil sie davon in den Medien erfahren.“


HINTERGRUND: Strategien zur Bewältigung

Die Psychologisch-psychotherapeutische Ambulanz der Abteilung Klinische Psychologie bietet Psychotherapie, klinische Diagnostik und Beratung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Der Behandlungsschwerpunkt Krankheitsangst und Hypochondrie ist neu. Heute gibt es effektive Behandlungsmethoden für Krankheitsängste, in der Potsdamer Ambulanz wird ein verhaltenstherapeutischer Behandlungsansatz angeboten, der sich in wissenschaftlichen Studien als besonders wirksam erwiesen hat. Die Behandlung erfolgt durch approbierte Psychotherapeuten (Fachkunde in Verhaltenstherapie), die über spezifische Kompetenzen hinsichtlich der Behandlung von Krankheitsängsten verfügen. Es wird aufgeklärt, wodurch die Krankheitsängste immer wieder auftreten, Strategien zur Bewältigung vermittelt, um eine Verbesserung der Lebensqualität zu erhalten. Die Sprechzeiten sind von 9 bis 15 Uhr in der Posthofstraße 15; Tel. 0331/24342351 (Mail: ambulanz@psych.uni-potsdam.de).


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