23.03.2017, 6°C
  • 15.03.2017
  • von Jan Kixmüller

Geoforschung aus Potsdam: Unter Berlin schlummert seit Urzeiten ein Vulkan

von Jan Kixmüller

Gigantische Ausmaße. So ähnlich mag der Berliner Vulkan damals vom Havelland aus ausgesehen haben, wenn die Sonne hinter dem Berg aufging (auf dem Bild der heutige Vulkan Mayon auf den Philippinen). Das Berliner Ungetüm hatte die Ausmaße einer Kanareninsel. Foto: Francis R. Malasig/dpa picture-alliance

Vor 290 Millionen Jahren thronte an der Stelle Berlins ein riesiger Vulkan. Seine Lavaströme flossen hinab ins heutige Potsdam. Der Koloss ist mittlerweile erloschen und tief unter der Bundeshauptstadt versunken.

Berlin/Potsdam - Dass die Region Berlin-Potsdam gerade heute wieder eine ganz besondere Strahlkraft hat, ist kein Geheimnis. Dass aber das Bild vom Tanz auf dem Vulkan im Berlin der 1920er-Jahre gar nicht so falsch war, ist doch eine ziemliche Überraschung. Tief unter der Bundeshauptstadt schlummert ein Vulkan von enormen Ausmaßen. Vor rund 290 Millionen Jahren flossen von dem mehrere Tausend Meter hohen Schildvulkan glühende Lavaströme hinab ins Tal, von den Gipfeln im heutigen Norden Berlins ergoss sich das Magma rundherum auch bis Potsdam hinab, dem damaligen – wenn auch noch unbewohnten – Pompeji Berlins.

Was klingt, wie aus einem Fantasyfilm entlehnt, ist doch faktische Realität. Im Erdzeitalter Perm gab es auf dem Gebiet des heutigen Brandenburgs zahlreiche Vulkane – die größten davon im Raum Angermünde und eben der versunkene Feuerberg, dem die Geologen den Namen der heutigen Hauptstadt gaben. „Das war schon ein bombastisches Ding“, sagt der ehemalige Leiter der Brandenburger Landesgeologie, Werner Stackebrandt. Zwar war der Schildvulkan weniger gefährlich als seine hochexplosiven Genossen, doch von seinen Ausmaßen her könne man ihn durchaus mit dem Vesuv oder gar dem Mauna Loa auf Hawaii vergleichen. Der Berliner Koloss war in etwa so groß wie die Kanareninsel La Palma.

Vulkan liegt 4000 Meter unter Berlin

Heute liegt der Vulkan in fast 4000 Meter Tiefe unter der Bundeshauptstadt verborgen, ohne dass jemand etwas von ihm ahnt. Doch Geologen hatten schon immer angenommen, dass es im Permzeitalter in Brandenburg Vulkane gab. Damals querte ganz Mitteleuropa ein riesiges Faltengebirge, aufgeschoben von den Erdplatten des einstigen Superkontinents Pangäa. Das Gebirge, an dessen nördlichem Rand sich das heutige Brandenburg befand, nennen die Forscher Variszisches Gebirge. Die hohe Krustenmobilität in dem Gebiet verursachte dann den späteren Vulkanismus.

Gewissheit bekamen die Forscher durch zahlreiche Tiefbohrungen noch zu DDR-Zeiten. Gesucht wurden damals eigentlich Rohstoffe wie Erdöl und -gas. Gefunden wurden dann aber unter anderem auch die Überbleibsel des ehemaligen Berliner Vulkans. Damals wurde seine heutige Mächtigkeit von mehr als 1000 Metern komplett durchbohrt. In der Permzeit ragte der Vulkan aber noch weit höher über die Erde, der Gipfel am nordöstlichen Berliner Stadtrand mag mindestens 2000 Meter hoch gewesen sein, schätzt Stackebrandt.

 „Der Berliner Vulkan war im Vergleich zu den explosiven Vulkanen eher ein ruhiger Kollege“

In der sogenannten Rotliegend-Zeit gab es für rund fünf Millionen Jahre im gesamten norddeutschen Raum extrem starken Vulkanismus, erklärt Stackebrandt, der Vorstand des Fördervereins des Potsdamer Geoforschungszentrums (GFZ) ist. Das über 1000 Grad heiße dünnflüssige Magma aus dem Erdinneren floss aus dem Berliner Schildvulkan vergleichsweise langsam in die Brandenburger Senke, vergleichbar fast schon mit einem glühenden Bach, wie es heute auf Hawaii zu beobachten ist. „Der Berliner Vulkan war im Vergleich zu den explosiven Vulkanen eher ein ruhiger Kollege“, sagt Stackebrandt. Im Magdeburger Raum hingegen hatte man es mit sehr zähem Magma zu tun, das sich bisweilen mit gewaltigen Explosionen seinen Weg nach draußen suchte.

Im heutigen Brandenburg findet sich in der Tiefe fast flächendeckend vulkanisches Gestein. In der Prignitz, in der Uckermark und im Osten lagen wohl die höchsten Vulkane, deren unterirdische Mächtigkeit heute noch über 1000 Meter beträgt. „Diese Zentren waren alle in der gleichen Zeit aktiv“, so Stackebrandt. Nur im mittelbrandenburgischen Raum war es wohl etwas ruhiger. Dinosaurier gab es damals noch nicht auf der Erde, die Tierwelt hatte allerdings schon 250 Millionen Jahre zur Entwicklung gehabt.

Norddeutsches Becken senkte sich ab - die Vulkane verschwanden von der Erdoberfläche

Schon bald nach ihrer Bildung sind die Vulkane wieder verschüttet worden. Von der Erdoberfläche verschwunden sind die Vulkane vor allem durch die Absenkung des Norddeutschen Beckens. Darin sammelten sich Sedimente, die die absinkenden Gipfel überzogen. Noch während der Rotliegend-Zeit bis vor rund 260 Millionen Jahren wurde der Berliner Vulkankegel wieder von Sand und Ton und Kies zugeschüttet.

Das südlich gelegene Hochgebirge wurde durch geologische Prozesse abgetragen und der Abraum über Flüsse in das Norddeutsche Becken transportiert. Millionen Jahre später dann war die Ebene so tief abgesackt, dass sogar das Meer einbrechen konnte – das sogenannte Zechsteinmeer überschwemmte vor rund 255 Millionen Jahren nahezu das gesamte nördliche Mitteleuropa, vom heutigen England bis nach Südpolen. Später verdunstete das Meer mehrfach wieder im damaligen heißen Klima und hinterließ mächtige Salzhorizonte, die wie die Sande und Tone die Vulkanbauten überlagern. Im weiteren zeitlichen Geschehen wechselten sich Land und Meer ab und so kam es in der mittleren Trias zu einer weiteren Meeresüberflutung, die mächtige Kalksteinschichten hinterließ.

Der Vulkan schläft

Was ist von dem Berliner Ungetüm nun noch zu erwarten? Schläft der Vulkan einen Dornröschenschlaf und wird uns eines Tages wieder böse überraschen? „Nein, der schläft nun wirklich“, sagt Stackebrandt. Vulkanische Aktivitäten in Mitteleuropa sind gegenwärtig nur in Regionen zu erwarten, in denen während der relativ jungen erdgeschichtlichen Vergangenheit, dem Känozoikum, Dehnungsstrukturen aufgetreten sind – etwa im Egertalgraben in Böhmen oder auch in der Eifel. In zweieinhalb Meter Tiefe fanden die Geologen auch in Brandenburg Ascheablagerungen von einem Ausbruch des Laacher-See-Vulkans in der Eifel vor rund 12 000 Jahren.

Auch sei es aussichtslos, die Wärme des erloschenen Berliner Vulkans heute noch energetisch zu nutzen, so der Geologe Stackebrandt. „Der ist längst abgekühlt“, sagt er. Die vulkanische Vergangenheit der Mark liege einfach schon zu lange zurück. Da jedoch die Temperatur mit zunehmender Tiefe generell um rund 30 Grad je 1000 Meter Tiefe zunimmt, könne man sich ausrechnen, wie warm es dort unten gegenwärtig ist.

1000 Meter Eis in der Potsdamer Region

Stackebrandt kann sich nicht nur für die vulkanische Vergangenheit der Mark begeistern. Auch die jüngste erdgeschichtliche Vergangenheit sei äußerst spannend. Etwa die Vorstellung der jüngsten Kaltzeiten, als mächtige Eisdecken Norddeutschland überzogen. Wenn die Forscher in der Potsdamer Region bohren, finden sie bereits unmittelbar unter der Oberfläche den Nachweis des damals vorrückenden Eises: „Das war dramatisch, 1000 Meter Eis über uns“, so der Experte. Und zwischen den Kaltzeiten auch immer wieder Warmzeiten, in denen die Urnordsee teilweise bis in die Mittelmark reichte. Und wenn man tiefer bohre, finde man die Überreste von den riesigen Urwäldern der Tertiärzeit. „Die Erde ist in einem ständigen Wandel - auch im Berlin-Potsdamer Raum.“

 

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Potsdamer Geoforscher haben mit zwei Studien belegen können, dass tief unter der Vulkaninsel Mauritius im Indischen Ozean ein Teil der Ur-Kontinente liegt. Die versunkene Landmasse nannten sie Mauritia.

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