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  • 01.03.2017
  • von Jan Kixmüller

Lutherjahr 2017 in Potsdam: Potsdamer Historiker: „Eine neue Form von Toleranz“

von Jan Kixmüller

Luther in Worms. Foto: dpa

Der Historiker Matthias Asche von der Universität Potsdam spricht im PNN-Interview über Deutschland und die Reformation, die Rolle der Türken, die Fragen von Gleichberechtigung und Glaubensfreiheit sowie Martin Luthers Antijudaismus.

Herr Asche, Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg 1517 gilt als Beginn der Reformation. War Luther tatsächlich der Erste?

Die Reformation ist ein Ergebnis eines sehr langen Reformprozesses innerhalb der Papstkirche. Dieser begann im Spätmittelalter, an ganz verschiedenen Orten gleichzeitig und mit verschiedenen religiösen Erneuerungsbewegungen. Insgesamt gab es eine verstärkte Suche nach neuen Formen von Frömmigkeit – letztlich dramatische und verzweifelte Bemühungen des Christenmenschen um eine individuellere Nähe zu Gott. Die Kirche war großer Kritik ausgesetzt. Martin Luther stand in dieser Tradition der innerkirchlichen Reformer, die auch mit humanistischen Forderungen verbunden war.

Warum wurde gerade Deutschland zum Kernland der Reformation?

Die Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich waren anders als in einem zentralisierten Nationalstaat wie Frankreich oder Spanien. Die einzelnen Reichsstände, die Fürsten und viele Städte konnten in vielen Dingen selbständig agieren. Luther hatte den großen Vorteil, dass er den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich den Weisen, zum Fürsprecher hatte, der ein Parteigänger des Kaisers war. Sein Wort zählte am Hofe. Dazu schrieb Luther vieles in deutscher Sprache. Dies sollte nicht vergessen werden, denn die Reformation lutherischer Prägung war zunächst einmal eine rein deutsche bzw. deutschsprachige. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der zumeist nur Historikern geläufig ist.

Was meinen Sie?

Die Gefahr von außen. Vor allem der Druck der Türken. An der Südostflanke des Reiches bestand seit Beginn des 16. Jahrhunderts eine permanente Gefahr durch die Türken. Zur Abwehr war der Kaiser darauf angewiesen, eine Türkensteuer zu erheben. Dies führte dazu, dass man den evangelisch gesinnten Fürsten und Städten Zugeständnisse machen musste, damit auch dort die Steuer gezahlt wurde.

Die Reformation spaltete die christliche Kirche auf. Alles nur wegen des Ablasshandels der katholischen Kirche?

Dies war einer der Auslöser, weil Luther damit konkret konfrontiert war. Allerdings ging es vor allem um die theologische Frage, wie man Rechtfertigung, also Gnade vor Gott finden könnte, etwa ob man sich diese Gnade erkaufen kann, durch gute Taten. Mit dem Ablass konnten nach altgläubiger Lehre zeitliche Sündenstrafen erlassen werden – allerdings war damit das Grundproblem der Rechtfertigung noch nicht geklärt. Für Luther war auch zentral, wie man als Individuum sein persönliches Heil findet. Mit dieser Frage hat er lange selbst gerungen. Er kam zum Schluss, dass dies nur über die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift und allein durch den Glauben möglich ist. Alles andere sei eine falsche Tradition. Damit richtete sich Luther gegen aus seiner Sicht Fehlentwicklungen von tausend Jahren Traditionen innerhalb der Papstkirche.

Die Reformation gilt heute als großer Wendepunkt in der Geschichte des Christentums. Was begründet diese Einschätzung?

Durch die Erfahrungen schlimmster Religionskriege, Intoleranz und religiöser Repression ist es in den christlichen Ländern gelungen, sich auf ein Miteinander zu verständigen. Das ist meines Erachtens ein sehr wichtiger Aspekt der Reformation. Es gibt nicht mehr nur den einen – den katholischen – Weg, sondern verschiedene Wege zum Heil. Dies stärkt auch die Position des Individuums, dem es nicht nur Gewissens-, sondern auch Glaubensfreiheit ermöglicht. Durch die religiöse Pluralität ist eine neue Form von Toleranz entstanden. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der ja auch ein Religionskrieg war, wurde eine Phase der Säkularisierung der Gesellschaft eingeläutet. Religion wurde gewissermaßen zur Privatsache, die nicht mehr von oben vorgeschrieben wurde. Das war eine große Errungenschaft der Reformation, auch im Hinblick auf unsere Gegenwart.

Der Antisemitismus Luthers passt aber nicht ganz in dieses Bild.

Luther war kein Antisemit, sondern ein Antijudaist. Das war der Zug der Zeit. Es steckte keine rassistische Ideologie dahinter, sondern eine Ablehnung der fremden Religion und des Fremden überhaupt. Die Juden galten den Christen im Mittelalter als fremd, weil sie anders gekleidet waren und anders sprachen. Fremdes erschien damals erst einmal als verdächtig. So hatte man rasch einen Sündenbock an der Hand, wenn etwas schief ging oder nicht zu erklären war.

Immerhin forderte Luther auch, die Häuser und Schulen der Juden zu zerstören.

Und dennoch handelte es sich dabei nicht um einen Rassenantisemitismus, wie wir ihn aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen. Vielmehr ging es um einen religiösen Gegensatz, ähnlich wie seinerzeit auch gegenüber dem Islam. Daher halte ich die manchmal bemühte Traditionslinie von Luther über Bismarck bis zu Hitler in der deutschen Geschichte auch erheblich für zu weit gegriffen.

Die Reformation setzte umfassende gesellschaftliche Entwicklungen in Gang. Manche Stimmen sehen auch einen wichtigen Schritt zur Gleichberechtigung der Frau.

Wenn man argumentiert, dass Frauen heute in der evangelischen Kirche das Pfarramt bekleiden dürfen, dann kann man die Reformation auch als Aufwertung der Rolle der Frau sehen. Dies dauerte nach Luther aber noch gut 400 Jahre. Dass damals die klassische Ordnung, dass die Frau dem Mann zu dienen hatte, durch die Reformation aufgebrochen wurde, kann ich so nicht sehen. Die Frauen wurden durch die Reformation nicht befreit. Und auch das Argument der verstärkten Bildung für Frauen ist recht dünn, zumal es ebenso in katholischen Städten und Territorien im 18. Jahrhundert allgemeine Schulreformen gab, die beiden Geschlechtern zugutekamen. Das Gleiche gilt für die Zulassung der Frauen zum Studium nach 1900.

Zumindest wollte Luther, dass auch Frauen lesen lernen, um die Bibel studieren zu können.

Ob das in allen Fällen zu mehr Eigenständigkeit führte, ist fraglich. Welche Frau, die nicht mehr Nonne im Kloster war, hatte damals denn die Zeit, in der Bibel zu lesen? Das Leben, das Luther mit seiner Frau Katharina und den Kindern führte, war gewissermaßen das Abbild der Heiligen Familie. Aber auch hier war die Rollenverteilung ganz klar: Die Frau wirkte nach innen, der Mann nach außen. Modern war das nicht. Natürlich gibt es auch Beispiele hochgebildeter Frauen, aber das eben auch bei den Katholiken. Insofern sehe ich das nicht als einen Verdienst des Reformationsprozesses.

Luther wollte die Frauen aus den Klöstern herausholen.

Tatsächlich steht nirgendwo in der Bibel geschrieben, dass Menschen abgeschieden leben sollen. Schriftgemäß haben die Klöster im Christentum somit eigentlich auch keine Existenzberechtigung. Andererseits gab und gibt es zahlreiche evangelische Klöster, in denen – schon im 16. Jahrhundert – unter lutherischen Vorzeichen Töchter des Adels oder des gehobenen Bürgertums im Zölibat lebten. Es handelt sich dabei einerseits um protestantische Damenstifte, andererseits um evangelische Orden und Kommunitäten. Die Fluchtbewegung aus den Klöstern zu Luthers Zeit hatte freilich auch ihre Schattenseiten. So wollten die meisten Familien ihre Töchter gar nicht mehr wiederhaben, weil sie sie nicht ernähren oder sie nicht adäquat verheiraten konnten. Die Klöster hatten damals auch die Aufgabe einer sozialen Versorgungsanstalt. Dies betraf freilich auch die Männerklöster.

Haben wir es bei der Reformation mit einer ersten Medienrevolution zu tun?

An der These, dass die Reformation ohne den Buchdruck gar nicht hätte stattfinden können, ist sicherlich einiges dran. Mit den beweglichen Lettern konnten günstig und in hoher Auflage Flugschriften hergestellt werden. Diese waren meist Kombinationen aus Bild und Text, damit alle sie verstehen konnten.

So konnten sich die Ideen wie ein Lauffeuer verbreiten?

Nicht unbedingt. Denn bei aller Strahlkraft der Reformation gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass nicht alles reibungslos lief. Zum Beispiel ist Österreich heute ein durch und durch katholisches Land. Vor rund 400 Jahren waren hier aber Dreiviertel der Bewohner Lutheraner. Ähnliches gilt für Polen, das heute ein Kernland des Katholizismus ist. Dies waren Ergebnisse einer erfolgreichen Gegenreformation. So gesehen hatte die Reformation auch ihre Grenzen. Sie war zwar eine Erfolgsgeschichte, aber ihr Erfolg war nicht von vornherein klar und auch von vielen Rückschlägen gekennzeichnet.

Es gab auch Gegenbewegung – eine Gegenreformation.

Mit Luther war der kirchliche Reformprozess ja nicht vorbei, sondern in der katholischen Kirche liefen die Reformbemühungen weiter. Diese kulminierte dann im Konzil von Trient, auf dem wesentliche Entscheidungen für die Kirche getroffen wurden, die bis heute noch gültig sind.

Max Weber verortete den Ursprung des Kapitalismus in einer spezifisch protestantischen Arbeitsethik.

Dies ist natürlich eine verbreitete, aber auch umstrittene These. Freilich ist das auch Ausdruck des großen Selbstbewusstseins des Kulturprotestantismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, vor allem in Deutschland. Man suchte gewissermaßen nach Gründen für den Erfolg. Max Weber meinte sie aber nicht bei den Lutheranern, sondern bezeichnenderweise bei den Calvinisten und den evangelischen Freikirchen gefunden zu haben.

Was unterschied die von den Lutheranern?

Im Unterschied zu den Lutheranern hatten die strengen Calvinisten neben einer anderen Kirchenverfassung auch eine andere Rechtfertigungslehre, die sogenannte Prädestinationslehre. Dieses theologische Konzept der Gnadenwahl geht davon aus, dass Gott von Beginn der Schöpfung an das Schicksal der Menschen vorbestimmt hat. In der calvinistischen Praxis bedeutete dies, dass man den auserwählten Menschen an seiner Frömmigkeit, aber auch seinem Fleiß und Reichtum erkennen könne. Hier sind wir wieder bei der Weber-These. Jedenfalls finden sich solche Erwähltheitsvorstellungen bis heute in großen historischen Erzählungen wieder. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist im Grunde genommen eine calvinistische Meistererzählung. Bis heute bestehen zwischen Calvinisten und Lutheranern unüberbrückbare Positionen. Diese betreffen neben Fragen der Rechtfertigungs- etwa auch die Abendmahlslehre.

Die Vergebung erst im Jenseits erreichen zu können, ist eine Prämisse, die es den Protestanten nicht gerade leicht macht.

Dies würde Luther sicher anders sagen. Er hätte argumentiert, dass ein rechtschaffener Mensch vor Gott, der nach der Bibel lebt und Christus nachfolgt, auch die Rechtfertigung vor Gott auf der Erde findet.

Welche Bedeutung hat das historische Ereignis der Reformation letztlich für unsere Gegenwart?

Ich würde sagen, dass von den vielen Folgen, die heute gerne genannt werden, um die Bedeutung der Reformation für die Gegenwart zu benennen, das Erbe Luthers und der anderen Reformatoren in der Vielfalt, mithin in der Pluralität und im Angebot der Markt der Möglichkeiten verschiedener christlicher Glaubensrichtungen liegt. Damit verbunden ist die grundlegende Erkenntnis, dass Fremdes nicht zwingend etwas Schlechtes sein muss. Die abendländische Christenheit hat gelernt, nach blutigen Erfahrungen von Religionskriegen, religiöser Gewalt und Intoleranz, sich nicht mehr aus religiösen Gründen die Köpfe einzuschlagen. Dass Religion nicht von staatlicher Seite verordnet wird, sondern heute Privatsache ist, halte ich für ein ganz wichtiges reformatorisches Erbe.

 

Das Interview führte Jan Kixmüller.

ZUR PERSON: Matthias Asche (47) ist seit dem 1. Februar 2017 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Potsdam. Er kommt von der Universität Tübingen.

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