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  • 01.02.2017
  • von Richard Rabensaat

Antisemitismus und DDR-Außenpolitik: Historiker: "Israel sollte mit Waffengewalt zerstört werden"

von Richard Rabensaat

Zwar sei nie ein Krieg der DDR gegen Israel tatsächlich erklärt worden, aber „Israel sollte mit Waffengewalt zerstört werden“, sagte der US-amerikanische Forscher Jeffrey Herf in Potsdam. Foto: dpa (Archiv)

Der US-Historiker Jeffrey Herf forscht zum modernen Antisemitismus - und bewertet den Antizionismus als wichtigen Bestandteil der DDR-Außenpolitik. Seine Forschungsergebnisse blieben in Potsdam aber nicht unwidersprochen.

Potsdam - Nach Ansicht von Jeffrey Herf hat sich das Herz der Finsternis nach dem Zweiten Weltkrieg mitten in Europa befunden. „Unerklärte Kriege der DDR gegen Israel“ untersucht der Wissenschaftler vom Department of History of Maryland in seinem neuesten Buch mit gleichlautendem Titel. Auf Einladung des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und des Moses Mendelssohn Zentrums erläuterte Herf unlängst seine Erkenntnisse über den radikalen Antizionismus, der seiner Ansicht nach ein konstituierendes Moment der Außenpolitik des ostdeutschen Staates gewesen sei. Zwar sei nie ein Krieg der DDR gegen Israel tatsächlich erklärt worden – aber „Israel sollte mit Waffengewalt zerstört werden“.

Einer der Forschungsschwerpunkte Herfs ist der moderne Antisemitismus. In Archiven hat er Akten der Stasi-Abteilung „Terrorabwehr“ und des DDR-Außenministeriums intensiv studiert und sich so auch einen Überblick über die Waffenproduktion der DDR und die Details des Arsenals gemacht, das von dort anderen Staaten geliefert oder zur Verfügung gestellt werden konnte. „Es hat mich erhebliche Anstrengung gekostet, mir all die Details über Maschinengewehre, Kugeln, Panzer und Flugzeuge anzueignen“, erklärte Jeffrey Herf, der seinen Vortrag in flüssigem Deutsch hielt. Mit einem beeindruckenden Detailreichtum breitete Herf seine Kenntnisse aus.

Jeffrey Herf: Antizionismus war konstituierendes Element der DDR-Außenpolitik 

Aus einer kumuliert zusammengetragenen Häufung von überbordendem Detailwissen alleine wird allerdings noch keine überzeugende wissenschaftliche These. Mit der Auflistung der Lieferung von „Flugzeugen, Panzern, Gewehren und Munition und der Ausbildung von arabischen Streitkräften und Geheimdiensten“ versucht Herf zu untermauern, dass der Antizionismus ein konstituierendes Element der Außenpolitik der DDR gewesen sei. Dass es zu keiner Kriegserklärung von Ostdeutschland an Israel kam, erscheint nach seinem Vortrag eher als eine Zufälligkeit. Herf verweist auf die deutliche Unterstützung der PLO durch die DDR, die Freundschaftserklärungen an die arabischen Staaten und die Tatsache, dass diese die DDR als erstes auch diplomatisch anerkannten. Während des Sechstagekrieges 1967 zwischen Israel, Ägypten, Jordanien und Syrien habe die DDR Panzer und mindesten 15 000 Kalaschnikow-Gewehre zum Kampf gegen Israel an Ägypten geliefert. 1973 hätten sich der PLO Führer Arafat und der DDR-Staatsratspräsident Erich Honecker getroffen und gegenseitige Sympathie bekundet. Gegen das Büro, das die PLO in Ostberlin eröffnet habe, hätte auch der amerikanische Außenminister Henry Kissinger protestiert. All dies belege schlagend den Antisemitismus, der die Außenpolitik der DDR bestimmt habe.

Martin Sabrow allerdings warf ein, dass einerseits ohnehin wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt sei, wie Antisemitismus zu definieren ist. Andererseits sei auch ziemlich fraglich, ob die Politik der DDR gegenüber Israel in dem von Herf geschilderten Licht betrachtet werden könne. Eine größere Waffenproduktion, derjenigen in Westdeutschland vergleichbar, habe es in der DDR nicht gegeben, gab eine Stimme aus dem Publikum in der Diskussion zu bedenken.

Sabrow: DDR wollte internationale, diplomatische Anerkennung

Das außenpolitische Handeln der DDR sei in den 1970er Jahren stark vom Bestreben noch internationaler, auch diplomatischer Anerkennung getrieben gewesen, erinnerte Sabrow. Da habe es für die DDR-Führung relativ nahe gelegen, sich zunächst einmal an die Staaten zu halten, die zur Anerkennung des zweiten deutschen Staates bereit waren. Dementsprechend habe die DDR auch außenpolitisch gegenüber der UNO agiert.

Zutreffend wies Herf schließlich darauf hin, dass die militanten Linksterroristen der BRD in der DDR lange Unterstützung erfahren hatten und dort auch später untergetaucht waren. Wenn er allerdings folgert, dass „der Antizionismus ein Schlüsselmoment der globalisierten Linken“ nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei, so bleibt das doch zumindest zu hinterfragen. 

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