24.05.2018, 24°C
  • 20.01.2017
  • von Richard Rabensaat

Forschung an der Universität Potsdam: Echo-Räume und Informationsblasen

von Richard Rabensaat

Wahrheit statt Lügenpresse? Pegida-Anhänger bei einer sogenannten Sbh-Gida-Demonstration unter dem Motto „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ im Januar 2015 in Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg. Foto: Daniel Naupold/dpa

Sprachforscher an der Universität Potsdam untersuchen den Diskurs in sozialen Medien.

Verschweigt die „Lügenpresse“ die Wahrheit? Wie verzerren rechte Verschwörungstheorien die Wirklichkeit in den sozialen Medien? Die öffentliche Meinungsbildung und die Entwicklungen der sozialen Medien waren das Thema eines Symposiums am Institut für Romanistik der Universität Potsdam zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Turin. Wenn sich die Meinungsbildung aus althergebrachten Medien und Nachrichtensendungen immer weiter in das Feld digitaler Multiplikatoren wie Facebook oder Twitter verschiebt, verändert sich auch die Qualität der Information und der Erkenntnisbildung, so die Ausgangsthese.

Informationsblasen, Echo-Räume, das sind Begriffe, die sich erst in den vergangenen Jahren mit dem Aufkommen einer ganz neuen Informationskultur herausgebildet haben. „Die Sprache steht zwischen uns und der Welt“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Eva Kimminich. Erst das Wort forme die Realität. Shitstorms, Diffamierungen und Hassmails würden sich ihre eigene Realität schaffen und den öffentlichen Diskurs formen, insbesondere wenn die Nutzer der entsprechenden Blogs und Facebook-Accounts keine anderen Medien wahrnehmen würden. Das allerdings bestreitet Facebook vehement. Die Algorithmen, auf denen die Informationsauswahl beruhe, die der jeweilige Nutzer in seinem Account vorfinde, seien wertneutral. Eine politische oder ethische Position werde von dem Megakonzern nicht vertreten, so Facebook. Aber ist das so? Darüber haben sich Julius Erdmann und andere junge Wissenschaftler der Universität Potsdam Gedanken gemacht, die sie nun mit italienischen Forschern ausgetauscht haben.

Das wenig überraschende Ergebnis Erdmanns lautet, dass sicherlich davon ausgegangen werden könne, dass die vorgeblich wertneutrale mathematisch grundierte Auswahlstruktur von Facebook jeweilige Meinungen verstärke und multipliziere. Das geschehe über das entsprechende Nutzerprofile und Newsfeeds. Denn was im Profil des Nutzers erscheint, ist durch seine Likes und Kommentare vorgezeichnet. Die Motivation des Konzerns ist die Profitmaximierung, und die geschieht am effektivsten, wenn sich der Nutzer länger auf der Seite bewegt. Dies garantiert am ehesten die Widerspiegelung der Weltsicht des Konsumenten. Zwar tauchten bei Facebook und in Newsblogs anderweitige Meinungen auf, aber doch nur zu einem geringeren Prozentsatz. Entsprechend verhalte es sich mit Newsgroups, die ebenfalls dazu tendierten, für den jeweiligen Nutzer ein geschlossenes Universum zu kreieren. So sei es für den geneigten rechtsgerichteten Konsumenten möglich, sich ausschließlich mit einem geschlossenen Weltbild zu befassen. „Es ist sehr einfach, eine Meinung wegzuklicken, die einem nicht passt“, wirft auch der Turiner Wissenschaftler Massimo Leone ein, der das Symposium mit initiiert hat. Er verweist darauf, dass sich ein neues Gesellschafts- und Informationskonzept herausbilde. Dem Ideal der städtischen Community entspreche seit der Aufklärung der offene Diskurs. In sozialen Medien fänden sich jedoch große Gemeinschaften, die gegen anderweitige Denkanstöße abgeschottet seien. Das habe es schon früher gegeben, gibt Kimminich zu bedenken. Einer grundlegenden Narration des Nationalsozialismus entsprach es, das Volk als einen „Volkskörper“ zu sehen. Fremde und andere „Rassen“ seien als Schädlinge, ähnlich wie Viren, tituliert worden.

Argumentationsstrukturen und Metaphern, die schon die Nationalsozialisten gebraucht haben, hat Christina Thumann bei der Auswertung von Facebook-Kommentaren auf Seiten rechter Communitys entdeckt. In Bezug auf Immigranten sei dort von Bakterien und Krankheiten die Rede. Rechte Argumentationsstrukturen betrieben eine deutliche Emotionalisierung. Die jeweiligen Exponenten wie Beatrice von Storch oder Frauke Petry würden mit entsprechenden Adjektiven wie „freiheitsliebend“ oder „mutig“ belegt. Verglichen mit dem französischen Front National allerdings werde deutlich, dass es sich bei der AFD um eine recht junge Partei handele. Ein weitgehend kontaminiertes Vokabular wie das der Nationalsozialisten aufzugreifen, das würde der Präsidentschaftsanwärterin Marine Le Pen wohl nicht passieren. Denn die politische Erfahrung des Front National sei über mehrere Generationen gewachsen. Das spiegele sich auch in den öffentlichen Medien in Frankreich wider.

Wie es in Frankreich und Deutschland um die Glaubwürdigkeit der Medien bestellt ist, hat Linda Thom untersucht. Ausgehend von dem Begriff der Lügenpresse hat sie ebenfalls eine starke Emotionalisierung in rechten Newsgroups ausgemacht. Über das Erzeugen von Angst und Neid werde ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das Konflikte nicht analysiere, sondern lediglich eine soziale Zuspitzung betreibe.

„Wir könnten noch viel mehr Promovierende beschäftigen und würden unsere Erkenntnisse auch gerne der Politik zugänglich machen“, so Kimminich. Aber trotz häufiger lautstarker Klagen von Politikern über den Verfall der öffentlichen Diskussionskultur gerade in den neuen sozialen Medien habe noch niemand angeklopft. Es werde wohl dabei bleiben, dass die Forschungsergebnisse nur von der interessierten Fachöffentlichkeit in entsprechenden Medien wahrgenommen werden.

Social Media

Umfrage

Die Einengung der Zeppelinstraße in Potsdam hat im Zuge der Dieseldebatte bundesweit Interesse geweckt. Ist die Maßnahme nötig, um ein Dieselfahrverbot in Potsdam zu verhindern? Stimmen Sie ab!