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  • 12.01.2017
  • von Jan Kixmüller

Neujahrsempfang der Universität Potsdam: Uni-Präsident Günther warnt vor Postfaktizismus

von Jan Kixmüller

Potsdamer Uni-Präsident Oliver Günther. Foto: Manfred Thomas

Die Neujahrsrede des Präsidenten der Universität Potsdam wurde zum Fanal für die Forschungsfreiheit. Oliver Günther stellte eine düstere Prognose und forderte, Aufklärung und Wissenschaft zu verteidigen.

Potsdam - Der Präsident der Universität Potsdam sieht die Freiheit von Forschung und Lehre in Gefahr. Populismus und sogenannter Postfaktizismus würden die Arbeit der Wissenschaft mittlerweile bedrohen, sagte Oliver Günther am Mittwoch zum Neujahrsempfang der Hochschule.  Im Beisein von Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) und Festrednerin Dagmar Ziegler (SPD) forderte er dazu auf, diese Freiheit aktiv zu verteidigen. Günther sprach sich auch dafür aus, gerade in Krisenzeiten Kooperationen mit ausländischen Partnern zu stärken. Dies habe sich in schwierigen politischen Zeiten oft als wichtige Brücke erwiesen. 

Dabei lässt es sich zu einem Neujahrsempfang trefflich loben – gerne auch sich selbst. Und die Universität Potsdam hatte diesmal auch allen Grund dazu. Das vergangene Jahr war für Brandenburgs größte Hochschule ein ganz besonderes: Sie feierte ihr 25-jähriges Bestehen.


Zum PNN-Dossier "25 Jahre Uni Potsdam" geht's hier


„Ein Vierteljahrhundert, in dem sie sich in der deutschen Wissenschaftslandschaft fest etabliert hat“, wie die Uni stolz feststellt. Und dabei wurde nicht nur gefeiert, sondern auch kritisch die eigene Geschichte reflektiert und diskutiert. 2016 war die Uni dann auch erstmals im renommierten Shanghai-Ranking vertreten, warb mehr Drittmittel ein als je zuvor, baute ihre strategischen Partnerschaften im Ausland aus und intensivierte ihre Beziehungen mit der Wirtschaft. Mit dem Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrkräfte erzielte man deutschlandweit Anerkennung und brachte schließlich sogar eine neue Fakultät für Digitalisierung zusammen mit dem Hasso Plattner Institut auf den Weg. Und das alles trotz langjähriger finanzieller Unterversorgung.

Das Misstrauen gegen Politik und Medien trifft auch die Wissenschaft

Doch Uni-Präsident Oliver Günther ist niemand, der sich auf Erreichtem ausruht. Er hat bereits große Pläne für das neue Jahr – von der Exzellenzinitiative bis zur Förderinitiative Innovative Hochschule. Und er ist auch jemand, der wie ein hochsensibler Seismograf Veränderungen in seiner Umwelt registriert und reflektiert. Und so wurde seine Neujahrsrede in diesem Jahr zum Fanal. Die Welt ist komplexer, schwieriger und gefährlicher geworden – und das betrifft nicht nur die Wissenschaft, es trifft sie auch. Denn mit steigendem Misstrauen gegenüber Politik, Medien und Institutionen fallen auch Fakten aus der Wissenschaft in Ungnade.

Während man sich an der Universität im Vorjahr noch die Frage stellte, wie die Flüchtlinge an den Hochschulen am besten zu integrieren sind, stellt sich heute für Günther grundsätzlich die Frage, wie mit einem steigenden Maß an Ungleichheit in der Welt umzugehen ist – Ungleichheit an Besitz, an Bildung, an Zugang zu korrekten Informationen, an Gesundheit und letztlich auch an Glück. In der Ungleichheit sieht Günther die treibende Kraft, die die Menschen weltweit in Bewegung gebracht hat. Ein anderes Problem ist die wachsende Komplexität der Umwelt: Globalisierung und Digitalisierung seien an weiten Teilen der Menschen vorbeigegangen. Und die würden sich nun in populistischen Strömungen zu Wort melden. Eine Entwicklung die ganz offensichtlich auch den zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump betreffe, einem Mann, der - wie Günther zusammenfasst  - "Frauen und Andersgläubige auf das Schwerste beleidigt hat, der den Klimawandel leugnet und wissenschaftliche Expertise als Gerede abtut, der als Gallionsfigur des potsfaktischen Zeitalters gilt." Auch die Wissenschaft werde nunmehr von vielen nicht mehr als Ratgeber, sondern als Bedrohung empfunden. Statt an Fakten orientiere man sich lieber an „leicht verdaulichen Gerüchten im Cyberspace“, wie Günther sagt. Nicht umsonst sei das Wort „postfaktisch“ das Wort des Jahres 2016.

Günther fordert stärkeres Eintreten gegen den "fatalen Trend"

Keine Kleinigkeit, Uni-Präsident Günther sieht dunkle Zeiten auf seine Zunft zukommen. Die aktuelle Welle des Postfaktizismus werde zur Bedrohung: „Die Freiheit von Forschung und Lehre ist in Gefahr.“ Diese Freiheit sei nicht nur ein Privileg, das es zu verteidigen gelte, „sondern ein Garant für Frieden, Fortschritt und Wohlstand“, sagte Günther. Hatte er in den vergangenen Jahren die brandenburgische Landesregierung in die Verantwortung genommen, die Landeshochschulen besser auszustatten, hat Günther nun im vierten Jahr seiner Amtszeit eine politische Botschaft von übergeordnetem Rang. „Ein politisch praktizierter Postfaktizismus kann nur in die Katastrophe führen.“ Günther wundert sich, warum es nicht mehr Erregung angesichts dieses „fatalen Trends“ gibt.

Der Uni-Präsident endet seine Rede mit einem eindringlichen Appell: die Werte der Aufklärung, Freiheit und Toleranz und Transparenz aktiv zu verteidigen. „Es gilt, zusammen zu stehen gegenüber denen, die diese Ideale bekämpfen und Veränderungen anstreben, die uns an finstere Zeiten erinnern.“

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