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  • 11.01.2006

„Hurrikans auch vor Europa“

Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf über den Atlantikstrom, Wirbelstürme und erneuerbare Energien

Die Klimaforschung befürchtet in Folge der laufenden, vom Menschen verursachten globalen Erwärmung auch Veränderungen des Nordatlantikstroms. Der Potsdamer Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf hält es für möglich, dass durch den verstärkten Eintrag von Süßwasser in den Atlantik – durch verstärkten Regen und Eisschmelze – der nördliche Arm des Golfstroms zum Erliegen kommen könnte. Damit würde für das nördliche Westeuropa eine Art Wärmepumpe ausfallen. Solche Phänomene gab es in der Erdgeschichte mehrfach, die Folge waren sibirische Winter in Europa. Rahmstorf geht bislang davon aus, dass erst gegen Ende des Jahrhunderts die Strömung ausfallen könnte. Am Ozeanographischen Institut der Universität Southampton hat man nun festgestellt, dass der Atlantikstrom bereits heute stark verlangsamt ist. Eine deutliche Abkühlung der Winter könnte demnach bereits in zehn Jahren drohen. Die PNN sprachen mit Prof. Rahmstorf über den Atlantikstrom, die Hurrikan-Saison 2005 und Alternativen zum Erdöl.

Die atlantische Tiefenströmung soll sich nach der britischen Studie bereits um 30 Prozent verringert haben. Steht uns schon in zehn Jahren ein Kälteeinbruch ins Haus?

Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Es ist noch nicht klar, wie das Ergebnis der britischen Ozeanographen zu verstehen ist. Es könnte sich dabei um eine natürliche Schwankung handeln, möglicherweise wurden die Daten auch nicht richtig interpretiert. Alle Modellsimulation zeigen, dass aufgrund der vom Menschen verursachten globalen Erderwärmung derzeit noch nicht mit einer solchen Abschwächung zu rechnen ist. Auch die Oberflächendaten aus dem Atlantik, etwa die Temperatur und der Salzgehalt, deuten gegenwärtig überhaupt nicht auf eine solche Abschwächung hin, wie sie in der Tiefe des Ozeans angeblich gemessen wurde.

Der Rückfluss des kalten Wassers in großer Tiefe nach Süden soll sogar um die Hälfte abgenommen haben. Was bedeutet dies für das Strömungssystem?

Wenn diese Strömung dauerhaft so stark abgenommen hätte, dann müsste man auch an der Oberfläche davon etwas bemerken. Dem ist aber nicht so. Man sollte mit den Ergebnissen daher noch vorsichtig sein, bis sie weiter analysiert worden sind. Ich bin eher skeptisch, ob es sich um einen echten Trend handelt.

Eine neue Untersuchung unter Ihrer Federführung hat ergeben, dass es eine kritische Grenze gibt, bei der die Atlantikströmung abreißen würde. Lässt sich sagen, wie weit das Klima von diesem Schwellenwert heute entfernt ist?

Wir haben schon Mitte der neunziger Jahre an einem Modell diese kritische Grenze gezeigt. Nun haben wir einen internationalen Vergleich von Klimamodellen vorgenommen. Ergebnis: Alle diese Modelle haben einen solchen Schwellenwert, ein robustes Ergebnis also. Aber die Modelle unterscheiden sich noch darin, wie weit das Klima von dieser Grenze heute entfernt ist.

Wann könnte die Strömung abreißen?

Im ungünstigsten Fall wären wir so nah an einer kritischen Grenze, dass durch die globale Erwärmung die Nordatlantikströmung in diesem Jahrhundert abreißen könnte. Im günstigsten Fall ist die kritische Grenze so weit weg, dass sie auch bei starker Erderwärmung nicht erreicht wird. Leider ist die Unsicherheit hier noch so groß, dass wir heute nicht sagen können, ob der Klimawandel nur eine moderate Veränderung der Strömung oder einen Abriss hervorrufen wird.

Es gibt Forscher, wie etwa den Physiker Freeman Dyson, die behaupten, dass die Probleme der Erderwärmung maßlos übertrieben sind.

Charakteristisch ist hier, dass dieser Kritiker kein Klimaforscher ist. Die Klimaforscher sind sich über die Grundfakten zum Klimawandel weltweit längst einig. Solche Fundamentalkritik kommt in der Regel nicht von Fachleuten. Diese Thesen sind leicht zu widerlegen, werden aber in den Medien immer begierig aufgegriffen. So entstehen in der Öffentlichkeit Zweifel an der globalen Erwärmung. Auch wenn natürlich viele Einzelaspekte, wie etwa das Verhalten von Meeresströmen oder Wolken, nicht genau voraus berechnet werden können: Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung ist bestens belegt und in der Fachwelt unbestritten.

Es gibt auch Stimmen, die behaupten, Kohlendioxid sei gar kein Treibhausgas.

Dass Kohlendioxid ein Treibhausgas ist, ergibt sich direkt aus Messungen: die Strahlungswirkung von Kohlendioxid kann man im Labor leicht nachmessen. Dass ein Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration, wie wir ihn derzeit verursachen, zu einer globalen Erwärmung führt, ist völlig unumstritten. Der Mechanismus ist seit mehr als 100 Jahren akzeptierte Physik, der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius hat dies bereits 1896 vorgerechnet. Belegt ist auch, dass die Kohlendioxid-Konzentration heute höher ist als jemals seit nahezu einer Million Jahre, das wissen wir aus antarktischen Eiskernen. Auch in der Klimageschichte sehen wir, dass die Temperaturen immer reagiert haben, wenn es starke Veränderungen in der CO2-Konzentration gegeben hat.

Welche Rolle spielen die Aerosole? Könnten die Kleinstpartikel, die bei der Verbrennung von Öl und Kohle freigesetzt werden, die Erwärmung nicht verlangsamen?

Auch das ist ein allgemein in der Klimaforschung akzeptiertes Faktum. 1940 bis 1970 hat die globale Erwärmung vorübergehend stagniert, weil in diesem Zeitraum die Verschmutzung der Atmosphäre mit Aerosolen besonders rasch zugenommen hat. Danach wurde dies gestoppt, da es sich bei der Aerosol-Verschmutzung um Smog handelt, der gesundheitsschädlich ist. Das wurde in den Industriestaaten durch Filter an den Kraftwerken reduziert.

Könnten nicht auch andere Ursachen – etwa Zyklen der Sonne – für die Erderwärmung verantwortlich sein?

Das können wir insofern ausschließen, als die Sonnenaktivität ja gemessen wird. Sie hat seit den 1940er Jahren nicht zugenommen, hier kann demnach keine Ursache für die starke globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte liegen. Die Veränderungen der Erdumlaufbahn wiederum führen zu den Eiszeiten, das sind bekannte Zyklen mit Perioden von zehntausenden von Jahren – viel zu langsam, um in den vergangenen 30 Jahren einen signifikanten Beitrag zur Erwärmung geliefert zu haben. Im Übrigen würden sie zu einer leichten Abkühlung tendieren.

2005 war das wärmste Jahr auf der nördlichen Erdhalbkugel seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen.

Die außergewöhnliche Wärme im vergangenen Jahr ist eine Folge des globalen Erwärmungstrends, der seit Jahrzehnten abläuft. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der globalen Wetteraufzeichnungen haben alle seit 1995 stattgefunden. Das bisherige Rekordjahr war 1998, weil in diesem Jahr ein starkes El Niño Ereignis im Pazifik stattgefunden hat. Jetzt haben wir im vergangenen Jahr praktisch die gleiche Wärme schon ohne El Niño erreicht. Das ist schon sehr signifikant.

Was sagt uns die Hurrikansaison 2005?

Es war in jeder Hinsicht eine Rekordsaison. Es gab 27 tropische Wirbelstürme, der bisherige Rekord lag bei 22. Der letzte davon, der Sturm Zeta, ist erst Ende Dezember im tropischen Atlantik entstanden und hat es noch ins neue Jahr geschafft. Es wurde auch der tiefste jemals gemessene Luftdruck erreicht. Modellsimulationen der Kollegen in Princeton sagen voraus, dass die Zahl der starken Hurrikans durch die Erderwärmung deutlich zunehmen wird. Dafür gibt es physikalische Gründe: Die Hurrikans beiziehen ihre Energie aus warmem Wasser. Messdaten zeigen seit 1950 eine parallel verlaufende Zunahme der Wassertemperaturen und der Energie von Hurrikans. Weil die Zunahme der Wassertemperatur überwiegend auf die globale Erwärmung zurückzuführen ist, ist aus meiner Sicht auch die extreme Hurrikansaison wahrscheinlich eine Folge davon.

Einige Hurrikans tauchten in ungewöhnlichen Regionen auf.

Schon 2004 gab es erstmalig vor der Küste Südamerikas einen tropischen Sturm. Im vergangenen Jahr gab es tropische Wirbelstürme sogar im Westatlantik, Delta richtete Ende November schwere Schäden auf den Kanarischen Inseln an. Wenn die globale Erwärmung ungebremst fortschreitet, müssen wir auch vor den Küsten des südwestlichen Europas mit Hurrikans rechnen. Sie können überall dort entstehen, wo die Wassertemperatur über 27 Grad liegt. Die Region mit derartig warmem Wasser weitet sich mit der Erwärmung der Ozeane immer weiter aus.

Wie schätzen Sie die Fortschritte beim Kyoto-Protokoll ein?

Es ist sehr ermutigend, dass bei der Klimakonferenz in Montreal im Dezember – dem ersten Treffen nach dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls – die Weltgemeinschaft gezeigt hat, dass sie es mit dem Klimaschutz ernst meint. Das hat die amerikanische Delegation, die bis zum Schluss versucht hat, die Beschlüsse zu blockieren, so überrascht, dass sie in letzter Minute eingelenkt haben. Plötzlich isoliert haben sie weiteren Gesprächen über die neuen Schritte nach dem Ablauf der Kyoto-Periode 2012 zugestimmt.

Weniger Kohlendioxid bedeutet, weg von Gas, Kohle und Öl. Was sind die Alternativen?

Ich sehe zwei entscheidende Beiträge zur Lösung: Erstens eine wesentlich erhöhte Energieeffizienz. Das heißt, dass wir die gleichen Dienstleistungen mit weniger Energie erreichen sollten. Heute wird immer noch ein großer Teil der Energie verschwendet, zum Beispiel in Standby-Schaltungen von Elektrogeräten. Der zweite Ansatz sind die erneuerbaren Energien. Kürzlich hat eine Studie vom Institut für solare Energieversorgungstechnik in Kassel gezeigt, wie ganz Europa komplett mit Strom aus erneuerbaren Energien ohne Mehrkosten zu versorgen ist. Technisch ist das machbar – es ist heute eine politische Frage. Man braucht dazu ein transeuropäisches Fernleitungsstromnetz, damit wir von den besten Wind- und Sonnenenergie Standorten den Strom in die andere Regionen liefern können.

Bekommen wir eine Renaissance der Atomenergie?

Die Atomenergie halte ich für keinen wesentlichen Teil zur Lösung des Klimaproblems. Weltweit trägt die Atomenergie heute nur etwa sechs Prozent zum Primärenergieverbrauch bei. Die meisten Kraftwerke sind relativ alt, selbst wenn man die sechs Prozent halten wollte, müsste man in den kommenden Jahren hunderte neue Atomkraftwerke bauen. Keiner wünscht sich, dass gerade in den Schwellenländern, wo das größte Wachstum an Energiebedarf stattfindet, massiv die Atomenergie ausgebaut wird – weil es erhebliche Sicherheitsprobleme etwa mit Atommüll und Terroranschlägen mit sich bringt. Die Technik der Kernfusion wird bei weitem noch nicht beherrscht. Es ist bedauerlich, dass mehr an Fördermittel in diese in ferner Zukunft liegende Technik investiert wird, als in die erneuerbaren Energien, die uns schon in absehbarer Zeit ungefährlich und dezentral mit Energie versorgen könnten. Zumal Deutschland bei der Windenergie technologisch Vorreiter ist. Damit haben wir eine Energietechnik, die wir guten Gewissens weltweit exportieren können.

Ist Wasserstoff eine Alternative?

Wasserstoff ist keine Energiequelle, sondern nur ein Energietransportmittel. Wasserstoff muss man erst einmal unter Energieeinsatz erzeugen, um ihn später nutzen zu können. So könnte etwa ein Solarkraftwerk in Afrika aus Wasser Wasserstoff herstellen, der zu uns transportiert wird. Dabei ist fraglich, ob dies jemals effizienter sein wird, als direkt den Strom zu beziehen. Der lässt sich sogar von Nordafrika ohne große Verluste per Leitung zu uns transportieren. Der Charme am Wasserstoff ist, dass er im Prinzip im Auto zu nutzen ist, was mit Strom schwieriger ist. Aber so lange man noch irgendwo Öl oder Erdgas verbrennt, um Strom zu erzeugen, ist es auf jeden Fall sinnvoller, diesen Strom durch Solarstrom zu ersetzen, um das dabei eingesparte Öl und Gas in Autos zu verwenden. Die Herstellung von Wasserstoff wäre weniger effizient.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Prof. Stefan Rahmstorf forscht seit 1996 am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit 2000 lehrt er außerdem im Fach Physik der Ozeane an der Universität Potsdam.

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