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Themenschwerpunkt:

25 Jahre Uni Potsdam

  • 21.12.2016
  • von Jan Kixmüller

Streit um Gründungsgeschichte der Universität Potsdam: „Das geschah auf Druck von oben“

von Jan Kixmüller

Foto: Karla Fritze/UP

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Marshall spricht im PNN-Interview über die umstrittene Gründungszeit der Universität Potsdam, abgehörte Telefonate und weiter bestehende DDR-Netzwerke.

Frau Marshall, Sie kommen in ihrem Buch zur Gründungszeit der Universität Potsdam zu einem überraschenden Schluss bezüglich der westdeutschen Mitarbeiter.

Ich vertrete die These, dass im Gründungsprozess der Universität allgemein wohlmeinende Westdeutsche von den Ostdeutschen „über den Tisch“ gezogen wurden. Letztere betrieben die Verwaltung und hatten mit dem damaligen Gründungsrektor Rolf Mitzner und seinem Stellvertreter Gerhard Kempter ausgezeichnet vernetzte Männer zur Verfügung. Desgleichen saßen im Gründungssenat politisch erfahrene Ostdeutsche. Dessen westdeutsche Mitglieder und andere damals wichtige Westdeutsche wussten wenig von den Gegebenheiten vor Ort, reisten jeweils nur für wenige Tage an, wobei ihre vermeintlich vertraulichen Beratungen noch bis 1994 durch die von der Stasi eingerichtete Telefonanlage abgehört wurden.

Sie sehen neben den aus der ehemaligen PH übernommenen Bereichen gerade auch in der Politikwissenschaft seinerzeit eine fragwürdige Entwicklung.

Hier gab es bemerkenswerte Kontinuitäten. Ihren Ursprung hatte die Politikwissenschaft im Institut für Internationale Beziehungen (IIB) der DDR Akademie für Staat und Recht (ASR), das waren Leute der DDR-Elite, die politisch besonders dem Regime verpflichtet waren. In der aus der ASR hervorgehenden Hochschule für Recht und Verwaltung betrieben Mitglieder des ehemaligen IIB „Politische Wissenschaften“. Die sich reformierende Hochschule für Recht und Verwaltung (HRV) weigerte sich zunächst, diese politisch höchst belasteten Leute aufzunehmen. Das geschah jedoch auf „Druck von oben“, wobei unbekannt ist, worin der Deal bestand. Ende 1990 wurde dann die HRV durch die neue Stolpe-Regierung abgewickelt. Hier ist interessant, dass die Politikwissenschaften wiederum überlebten. Über die Gründe kann man nur spekulieren: teilweise aufgrund organisierter Studentenproteste, teilweise weil sie für die Lehre gebraucht wurden – das alte Schutzargument der Westdeutschen, denn alternative Leute standen als Gastdozenten bereit. Auch könnten sie „friends in high places“ gehabt haben. Die Politikwissenschaft der neuen Universität hat dann die Ausrichtung auf Verwaltungswissenschaften der DDR-Vorläufer übernommen, die sich aber gut in bestehende Angebote in Berlin einfügten. Mir scheint es wichtig, dass die Uni diese frühen Zusammenhänge sieht und akzeptiert. Gleichzeitig bestehen alte DDR-Netzwerke fort, wie ich bei meiner Recherche im Uni-Archiv zu spüren bekam.

Was meinen Sie?

Erst nahm man mich freundlich auf, dann aber, nach einem ersten informellen Gespräch mit einem Zeitzeugen aus der Politikwissenschaft, trat man mir gegenüber sehr misstrauisch auf. Auch reagierten andere DDR-Hardliner auf meine Bitte um ein Interview nicht.

Einige der damals Beteiligten halten eine ausführliche Beschäftigung mit den „alten Geschichten“ für unnötig.

In der Tat stehen die Akteure kurz vor der Pensionierung oder sind es bereits. Die Probleme der Vergangenheit lösen sich so auf biologische Weise. Ich bin jedoch der Meinung, dass die genannten Vorgänge bei der historischen Aufarbeitung der Universität nicht übersehen werden sollten. Denn genau das wirft man der Universität vor. Gerade das sollte man daher so genau wie möglich prüfen, denn das führt unter anderem auch zur Problematik der Beschädigung politisch Unliebsamer durch die Vorgängerinstitutionen der Universität Potsdam.

In der Debatte entstand auch der Eindruck, es habe an den hiesigen DDR-Hochschulen keine Forschung gegeben.

Natürlich gab es wichtige ostdeutsche Forschung an der Pädagogischen Hochschule beziehungsweise Brandenburgischen Landeshochschule, die aber anders als die westdeutsche strukturiert war. Gerade hier lag das Problem der frühen Universität. Zwar gab es auch hier gute ostdeutsche Forschungsleistungen. Von diesen Einzelfällen abgesehen aber war die Mehrheit besonders des Mittelbaus hauptsächlich der Lehre verpflichtet, die in wiederholten Rankings immer wieder als „hervorragend“ beschrieben wurde – was der Uni letztlich auch zugutekam.

Das Interview führte Jan Kixmüller

ZUR PERSON: Barbara Marshall (77) ist emeritierte deutsch-britische Politikwissenschaftlerin von der University of East Anglia, Norwich. 1992 war sie Gastdozentin an der Universität Potsdam. Von ihr erschien in diesem Jahr die Publikation "Die deutsche Vereinigung in Akademia. West- und Ostdeutsche im Gründungsprozess der Universität Potsdam 1990-1994", Duncker & Humblot, Berlin 2016. 

 

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