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  • 23.11.2016
  • von Jan Kixmüller

25 Jahre Fachhochschule Potsdam: „Fachlich sind wir aus dem Gröbsten heraus“

von Jan Kixmüller

Das altgediente FH Gebäude am Alten Markt (r.) wird im kommenden Jahr Geschichte sein. Die FH wird voraussichtlich im Herbst 2017 komplett auf den neuen Campus in der Kiepenheuer-/Pappelallee (l.) ziehen. Fotos/Montage: Andreas Klaer

Potsdams Fachhochschule begeht heute ihr 25-jähriges Bestehen. Sie will zum Anker im Norden der Stadt werden. Im PNN-Interview spricht FH-Präsident Eckehard Binas über die Reife für neue Wege und das mögliche Wachstum in den nächsten Jahren.

Herr Binas, im kommenden Jahr wird auch der letzte Teil der Fachhochschule auf den zentralen Campus Kiepenheuerallee ziehen. Ist die FHP zum 25-jährigen Jubiläum also endlich aus dem Gröbsten heraus?

Biografisch gesehen ja. Die erste Generation ist geschafft, man wird so langsam erwachsen. Nun versuchen wir Prozesse in Gang zu setzen, die für eine erfolgreiche wissenschaftliche Einrichtung normal sind. Dazu gehört, dass wir zusätzliche Fächer wie etwa einen dualen Studiengang im Fachbereich Bauingenieurwesen einrichten oder den wichtigen Bereich „frühkindliche Bildung“ weiter entwickeln werden. Hier haben wir gerade einen Masterstudiengang eingerichtet, es wird dazu eigenständige Forschung und in Kooperation mit der Uni Promotion geben. Das machen wir jetzt, weil die FH die entsprechende Reife dazu hat.

Wie meinen Sie das?

Wir haben zum Beispiel die Masterstudiengänge „Urbane Zukunft“ und „Kindheit und Kinderrechte“ gestartet, im nächsten Semester kommt der Masterstudiengang „Sozialmanagement“ hinzu, Das sind Formate, die man in der Entwicklungsphase noch nicht machen kann, das spricht dafür, dass die FH erwachsen geworden ist. Fachlich sind wir also tatsächlich aus dem Gröbsten heraus, wir haben ein ziemlich gutes Standing.

Aber?

Wir haben immer noch ein erhebliches Defizit an Flächen. Uns fehlen ungefähr noch rund 3000 Quadratmeter, die Hälfte davon ist geplant und wird demnächst fertig. Die andere Hälfte wird erst ungefähr 2021 fertig werden. Es wird noch ein ganzes Gebäude geben müssen, damit wir bestimmte Aufgaben erfüllen können. Wir haben so gut wie keine Drittmittelflächen. Das heißt, dass für die angewandte Forschung mit Partnern aus der Wirtschaft zurzeit zu wenig Platz ist.

Und in der Zwischenzeit?

Da wird es eng. Drei, vier Mitarbeiter werden in beengten Räumen arbeiten müssen. Wir werden uns etwas einfallen lassen, etwa zwei halbe Stellen, die sich einen Arbeitsplatz teilen. Eigentlich ist die Entwicklung des neuen Campus aber sehr gut vorangekommen. Im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen wird es aber noch eine Weile Baustellen geben. Da haben wir immer noch einen erheblichen Entwicklungsrückstand. Luft nach oben ist auch noch bei der Finanzierung der Studienplätze und der Verlässlichkeit der Finanzierung nach 2018.

Inwiefern?

Wir haben eine Grundfinanzierung, die nur auf den ersten Blick großzügig aussieht – es aber nicht ist, weil unsere Entwicklungsaufgaben, die im Hochschulgesetz stehen, zu einem Wachstum an Personal und Kosten führen, die nur durch Ergänzungsfinanzierung – etwa den Hochschulpakt – abgedeckt sind. Und das ist nicht verlässlich. Wir brauchen eine strukturelle Stabilisierung in der Finanzierung. Das Problem ist nicht, dass wir zurzeit zu wenig Geld haben, sondern dass wir damit nicht langfristig planen und nicht im gewünschten Umfang flexibel damit umgehen können. Daher können wir nur befristete Arbeitsverträge abschließen. Wir sind in einer schleichenden Prekarisierung. Das kann so nicht weiter gehen.

Als praxisorientierte Hochschule müssten Sie in der Landespolitik doch eine gute Position haben.

Das ist auch so. Aber die politischen Aussagen decken sich nicht immer mit den realen Handlungen. Beispielsweise haben wir aktuell Schwierigkeiten, einen länderübergreifenden Studiengang mit Sachsen zu Wasserwirtschaft zu implementieren, der sehr eng mit den Unternehmen verknüpft ist. Hier würde ich mir mehr Flexibilität wünschen: „Dual“ und „länderübergreifend“, das wäre eine gute Lösung und innovativ.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Universitäten?

Einerseits sagen die Universitäten, dass sie auch können, was wir können, wenn sie es dürfen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: die Unis haben einen anderen Betreuungsschlüssel und wir haben mehr Praxis an Bord. Ein anderes Thema sind die Promotionen. Wir brauchen unseren eigenen akademischen Nachwuchs, für den brauchen wir eigene Promotionen, etwa für das Archivwesen, das es nur bei uns gibt. Wir wollen hier wettbewerbsfähig werden. Das Ministerium will uns nur kooperative Promotionsverfahren zusammen mit den Unis fördern. Wir brauchen aber eine nach internationalen Qualitätsstandards gesicherte und mit den Unis gleichwertige Promotion an den Fachhochschulen, so wie es beispielsweise in Hessen schon möglich ist.

Und bei der Finanzierung?

Da kann ich nicht nachvollziehen, warum Universitäten behaupten, dass wir pro Studienplatz schlechter finanziert werden sollen als sie. Forschung betreiben wir auch. Wir haben aber eine doppelt so hohe Lehrbelastung. Insofern sind wir strukturell benachteiligt. In der Grundfinanzierung bildet sich das so nicht ab. Wir haben eine ähnliche Komplexität wie die anderen Hochschulen, also brauchen wir auch eine entsprechende Ausstattung. Das Mittelvergabemodell muss erneuert werden. Wir sind wichtiger Innovationsmotor im Land Brandenburg, wir sind im Wettbewerb auch gegenüber anderen Ländern wichtig. Um diese Leistung zu erbringen, brauchen wir die entsprechende Ausstattung.

Belastet das die Zusammenarbeit mit der Potsdamer Universität?

Wir arbeiten gerne mit der Universität zusammen – der Erfolg der gemeinsamen Studiengänge Europäische Medienwissenschaft und Frühkindliche Bildungsforschung wie auch die Aktivitäten zur Digitalisierung zeigen das. Die Probleme liegen eher in den genannten grundsätzlichen Fragen. Das Einstimmigkeitsprinzip in den Finanzfragen in der Landesrektorenkonferenz verhindert beispielsweise, dass die sogenannten Überlastprofessuren, die wir vor einiger Zeit erhalten haben, in den Regelhaushalt der Hochschulen übernommen werden. Die Unis wollen das nicht, weil sie darin einen Nachteil sehen. Die gemeinsame Landesrektorenkonferenz ist für alle ein hohes Gut und darf nicht an diesen Fragen in die Krise geraten. Hier sollte es nicht danach gehen, dass sich ein Dritter freut, wenn sich zwei streiten.

Die Nachfrage von Bewerbern an der FH ist ungebrochen groß. Wollen Sie die Zahl von derzeit knapp 3500 Studierenden nach oben setzen?

Es gibt bereits einen behutsamen Ausbau. Aktuell haben wir 30 Studierende mehr bei der Sozialarbeit aufgenommen, in drei neuen Masterstudiengängen sind es an die 60 zusätzliche Immatrikulierte. Auch in anderen Studiengängen gibt es eine Überbuchung. Die Nachfrage nimmt zwar insgesamt durch den demografischen Wandel leicht ab, bleibt aber auf hohem Niveau.

Durch die Nähe von Berlin?

Auch, aber nicht nur. Die große Nachfrage hat auch etwas mit der Qualität unsere Studiengänge zu tun. Wir haben in bestimmten Bereichen – etwa Design, Restaurierung oder Archivwesen – eine sehr hohe Reputation. In Design haben wir beispielsweise ein sehr modernes Konzept, mit dem sich das Studium sehr flexibel und individuell gestalten lässt. Wir sind auch äußerst modern ausgestattet, von Eye-Tracking bis zu 3D-Druckern. Europäische Institute und renommierte deutsche Agenturen schauen nach Potsdam. Das kostet natürlich etwas, aber wir kämpfen um jede Stelle.

Der Generationswechsel in Brandenburg hat auch die FHP erreicht. Was bedeutet das?

Ein Fünftel der Professuren muss innerhalb von zwei Jahren neu besetzt werden. Das ist fünf Mal so viel wie üblich. Das wird den Charakter des Hauses verändern, wir erhalten viel mehr junge Kolleginnen und Kollegen. Über die Neuen wächst auch die Interaktivität und Interdisziplinarität der Hochschule. So haben wir ein neues Format geschaffen, in dem wir Praktiker in eine nebenberufliche Professur berufen, etwa Karsten Henze, den Leiter des Corporate Design der Deutschen Bahn. Wir holen uns hochkarätige Köpfe, die es wichtig finden, mit dem Nachwuchs zusammen zu arbeiten. Durch den Generationswechsel wird sich die Kultur des Hauses ändern, in der Kommunikation, Lehre, Forschung und Kooperation. Der Umbruch ist uns willkommen, aber auch nicht ganz einfach.

Wo liegen die Probleme?

Es gibt vor allem in den technischen Fächern Bereiche, wie etwa Bauingenieurwesen und Baumanagement, in denen es sehr schwer ist, Nachwuchs zu finden. Hier fragen sich heute die möglichen Kandidaten, warum sie an einer Hochschule die Hälfte weniger verdienen sollen als in der freien Wirtschaft.

Mit dem Rückzug vom Alten Markt verschwinden nun die letzten Studierenden aus Potsdams Innenstadt. Ein Verlust?

Ganz persönlich bin ich der Auffassung, dass Hochschule ins Zentrum einer Stadt gehört. Das ist gut für die Stadtentwicklung und bringt Kultur und Atmosphäre. Das ist in Potsdam in der Wendezeit versäumt worden. Aber nun wird der einheitliche Campus der FH für den Norden Potsdams zum Entwicklungsanker: Wir haben rund um die Uhr offen für alle, unsere Einrichtungen wie die Mensa werden auch von der Bevölkerung und den umliegenden Betrieben genutzt, wir suchen Verbindungen mit anderen Einrichtungen, Hochschule darf keine Enklave sein, sondern sollte ein Punkt sein, von dem aus sich Entwicklungen ausbreiten.

Wo sehen Sie die FH in zehn Jahren?

Wir wissen nicht, wie das Land die finanziellen Herausforderungen nach 2020 bewältigen wird, wenn etwa der Länderfinanzausgleich wegfällt, die Schuldenbremse in Kraft getreten ist. Wenn das Ende des Hochschulpaktes nicht vom Land kompensiert wird, werden allein der FH Potsdam jährlich zwei Millionen Euro fehlen. Da wird ein starker Druck entstehen, es müssen heute schon Szenarien entwickelt werden, wie das ausbalanciert werden kann.

Klingt nicht sehr positiv.

Es gibt auch eine andere Seite der Medaille. Sollte die Finanzierung auf gute Beine gestellt werden, sehe ich durchaus eine gute Entwicklung. Nämlich, dass wir in zehn Jahren als Standort in Potsdams Norden zu einem städtischen Amalgam geworden sind. Wir werden dann hochattraktiv sein, die Studierenden werden ihre Hochschule als einen Lebensmittelpunkt begreifen. Ich sehe die FHP dann bei rund 4500 Studierenden, mit dann rund fünf Millionen Euro Drittmitteln – heute dreieinhalb Millionen. Mit einem neuen Gebäude für Drittmittellabore, mit Platz für Forschung unter anderem in Zukunftsfächern wie Frühkindliche Bildung und Interface-Design und natürlich auch zur Klima-Transformation. Positiv deutet sich auch an, dass es ein stärkeres Engagement der Mitarbeiter und Studierenden an der Fachhochschule gibt. Deshalb haben wir auch eine studentische Vizepräsidentin. Die Hochschule soll nicht Durchlauferhitzer für die Ausbildung sein, sondern ein Raum für Entwicklung und Wohlfühlen – in dem man angestiftet wird, ein ganzes Leben lang neugierig sein zu können.

Bei so guten Aussichten haben Sie natürlich auch Lust auf eine weitere Amtszeit in zwei Jahren?

Diese Frage wird erst in einem Jahr relevant. Viel wichtiger ist mir, die insgesamt sehr positive Entwicklung der Hochschule der letzten 25 Jahre ebenso dynamisch, erfolgreich, kreativ und wissenschaftlich fundiert – was insgesamt dasselbe ist – voran zu bringen. Daran zu arbeiten, ist nicht immer einfach, aber immer sehr sinnstiftend. Ich liebe Herausforderungen.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

 

ZUR PERSON: Eckehard Binas (60) ist seit 1999 Professor für Kulturphilosophie, Kulturgeschichte und Ästhetik an der Hochschule Zittau / Görlitz und seit 2013 Präsident der Fachhochschule Potsdam.

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