26.07.2017, 17°C
  • 02.11.2016
  • von Richard Rabensaat

Historiker Martin Sabrow stellte Honecker-Biografie vor: Die Möglichkeitsbiografie

von Richard Rabensaat

Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Geschichte als Wechselspiel von Person, Zeitläufen und Zufällen: Martin Sabrow hat seine Honecker-Biografie in Potsdam vorgestellt.

Eine neue biografische Form hat der Historiker Martin Sabrow und Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) für seine aktuelle Honecker-Biografie gewählt: die „Möglichkeitsbiografie“. Denn „viele glückliche Zufälle“ hätten schließlich dazu geführt, dass aus dem aufstrebenden Jungkommunisten der spätere Parteiführer wurde. Da hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben, und die erwähnt Sabrow in seiner Biografie. Die Lebensjahre des Politikers von seiner Geburt im saarländischen Dorf Wiebelskirchen bis zum Mai 1945, als Honecker aus der Haft befreit wurde, beleuchtet der Historiker.

Eigentlich wollte Erich Honecker 1945 nur zurück nach Hause ins Saarland. Als der Krieg endete, bedeutete dies auch den Schluss der Angst vor den Nazis und den Abschluss seiner zehnjährigen Haftzeit und einer gescheiterten Flucht aus dem Gefängnis in Berlin im März 1945. Dass Honecker dann aber nicht zurückkehrte, sondern später Staatsratsvorsitzender der DDR werden sollte, war eher vielen Zufällen geschuldet als einer vorausschauenden Karriereplanung, so Sabrows Ergebnis.

„Noch vor wenigen Jahren hätte ich so eine Biografie als ernst zu nehmender Historiker nicht schreiben können“, erzählt der Historiker bei der Buchvorstellung am ZZF. Denn der Ansatz, Geschichte auch als ein Wechselspiel aus Charakter und Persönlichkeit des Einzelnen und dessen Verankerung in den Zeitläufen, die oft auch von Zufälligkeiten geprägt sind, zu begreifen, ist relativ neu und auch noch nicht so lange in der Geschichtsschreibung akzeptiert. Aber auch wenn Sabrow viele neue Details zutage gefördert hat, so stellt er doch erstaunt fest: „Gelogen hat Honecker in seiner 1980 erschienenen Biografie nicht.“ Die „Kontinuitätsbiografie“, die der Kommunist dort entwickelt hätte, sei jedenfalls subjektiv glaubhaft. Auch wenn wichtige Details verschwiegen oder nicht entsprechend der Bedeutung gewichtet worden seien.

Sabrow vergleicht die offiziellen „Ich-Zeugnisse“ mit Überlieferungsspuren im Schriftgut der NS-Behörden und den Unterlagen der Staatssicherheit in den Kaderakten der SED-Bürokratie. Es gehe ihm um die „Bedeutung des Biografischen in der Machthierarchie des SED-Staates“, so Sabrow. Denn einerseits sollte die Persönlichkeit der sozialistischen Politiker und Kader völlig hinter der sozialistischen Idee und Gesellschaft zurücktreten. Andererseits erwartete die Partei, dass ihre Kader mustergültig dem Klischee einer sozialistischen Biografie entsprachen. Die Herrschaft über seine Biografie hatte dementsprechend nicht der Autor selbst, sondern die Partei, für die auch Honecker regelmäßig Fragebogen zu seinem Werdegang auszufüllen hatte. Kleine Unebenheiten in der Biografie, wie ein Bruder Honeckers, der sich in der Hitlerjugend engagierte, oder die abgebrochene Dachdeckerlehre, fielen in der von der Partei autorisierten Fassung der Biografie unter den Tisch.

Dies veranlasste den späteren Parteichef nachzufragen, ob der mit dem Fragebogen beigefügte biografische Abriss überhaupt „lebensgeschichtlich haltbar sei“. Da konnte die Partei Honecker allerdings beruhigen. „Es gibt in den angegebenen Daten Übereinstimmungen“, schrieb der für die Biografie zuständige Parteimitarbeiter dem besorgten Politiker. Nicht der Mensch Honecker, sondern das Narrativ des sozialistischen Staates, der sein Herrschaftssystem durch die Musterbiografie des Einzelnen legitimierte, stehe im Vordergrund der Biografie, so Sabrow.

Und tatsächlich verliefen wesentliche Teile von Honeckers Werdegang entsprechend mustergültig: ein kommunistisch geprägtes Elternhaus, früher Eintritt in eine kommunistische Jugendorganisation, lange Inhaftierung wegen seiner politischen Überzeugung, die auch durch die Nazis nicht gebrochen wurde. Dementsprechend antwortete er dem Untersuchungsarzt im Moabiter Haftkrankenhaus auf die Frage nach seiner Selbstcharakterisierung: „Ich war Kommunist, bin Kommunist und werde Kommunist bleiben.“ Richard Rabensaat

Martin Sabrow: Erich Honecker Das Leben davor, 1912-1945 Verlag C.H.Beck 2016

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!